HOME
Fragen und Antworten

50 Beamte ermitteln: Mordfall Lübcke: Polizeieinsatz auf Nordsee-Fähre – was steckt dahinter?

Wer tötete den Kasseler Spitzenbeamten Walter Lübcke? Es gibt viele Spekulationen, aber von den Behörden nur wenig Konkretes. Jetzt meldeten sie die vorübergehende Gewahrsamnahme eines Mannes.

Tatort in Wolfhagen-Istha mit Polizeiabsperrung, der erschossenen Regierungspräsidenten Walter Lübcke, Abschiedsbrief und Kerzen

Der gewaltsame Tod Walter Lübckes löste weit über die Stadtgrenzen Kassels hinaus Bestürzung aus

DPA

Warum erschoss ein Unbekannter den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU)? Gibt es ein politisches Motiv? Oder sind die Hintergründe im privaten Bereich zu suchen? Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln seit Tagen mit dutzenden Beamten – bislang ohne zählbaren Erfolg.

Gegenüber der Öffentlichkeit halten sich die Ermittler äußerst bedeckt und warnen vor Spekulationen, von denen "arg viele" im Umlauf seien. Die Mutmaßungen brächten "unheimlich Unruhe", so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Sie könnten Ermittlungen erschweren und sogar zerstören.

Der stern beantwortet die wichtigsten Fragen zu dem brisanten Kriminalfall:

Was hat es mit der Festnahme vom Samstag auf sich?

Die Polizei teilte am Sonntag mit, dass sie am Samstag eine männliche Person "in Gewahrsam genommen und mit dem Ziel der Informationsgewinnung bis in die späten Abendstunden befragt" habe. Dabei sollen sich keinerlei Anhaltspunkte für eine Tatbeteiligung ergeben haben. Der Mann wurde keine 24 Stunden später wieder entlassen. Um wen es sich handelt, ist nicht bekannt. "Zum Schutze der Person" machen die Behörden keine weitere Angaben.

Für Verwirrung sorgt eine zweite – fast wortgleiche – Mitteilung der Ermittler vom Dienstag, wonach am Samstag eine männliche Person im niedersächsischen Harlesiel an der Nordseeküste in Gewahrsam genommen und nach Kassel überführt wurde. "Bei der dortigen Befragung ergaben sich keine Anhaltspunkte, die eine Tatbeteiligung stützen", heißt es auch in dieser Meldung. Der Mann sei entlassen worden.

Ob es sich bei den beiden gemeldeten Gewahrsamnahmen um ein und dieselbe Person handelt, wollte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Kassel auf stern-Anfrage nicht sagen, aus Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte des oder der Betroffenen.

Auch die örtlich zuständige Polizei von Wilhelmshaven hielt sich bedeckt. Sie teilte über einen Sprecher lediglich mit, dass es am Samstagnachmittag auf zwei Fähren, die zwischen Harlesiel und der Insel Wangerooge verkehren, einen Polizeieinsatz gegeben habe. "Die polizeilichen Maßnahmen, bei dem Kräfte aus Niedersachsen eingesetzt waren, fanden für ein anderes Bundesland statt." Weitere Angaben wollte auch die Polizei Wilhelmshaven nicht machen, "aus ermittlungstaktischen Gründen und um das laufende Verfahren nicht zu gefährden".

Dass die Ermittler in Mordfällen auch Unbeteiligte über Stunden befragen, ist indes nicht ungewöhnlich. Auch flüchtige Bekannte, Arbeitskollegen oder andere Personen aus dem Umfeld eines Opfers können mit kleinsten Informationen ihren Anteil zur Aufklärung von Verbrechen leisten.

Was ist zum Tod Walter Lübckes gesichert bekannt?

Bislang haben Staatsanwaltschaft und Polizei nur wenig Informationen zu den Todesumständen und zum Stand der Ermittlungen herausgegeben. Fest steht, dass der Spitzenbeamte in der Nacht von Samstag, den 1. Juni, auf Sonntag, den 2. Juni, tot auf der Terrasse seines Wohnhauses in Wolfhagen-Istha entdeckt wurde. Er starb an einer Schussverletzung am Kopf. Der Schuss ist den Ermittlungen zufolge aus nächster Nähe mit einer "Kurzwaffe", also mit einer Pistole oder einem Revolver, abgegeben worden.  Die Ermittler machten keine Angaben, ob eine Tatwaffe gefunden wurde. Zum Zeitpunkt der Tat seien auch Angehörige in dem Haus Lübckes gewesen. In ummittelbarer Nähe des Tatorts fand eine Kirmes statt.

Wie arbeitet die Polizei?

Bereits kurz nach dem Tod des 65-Jährigen richtete die Polizei die Sonderkommission (Soko) "Liemecke" ein. Unter Leitung des angesehen Kriminaldirektors Daniel Muth ermitteln inzwischen rund 50 Beamtinnen und Beamte, auch nachts und am Wochenende. Die Soko bringt zahlreiche erfahrene Fachleute zusammen: Spurensicherungsbeamte, Experten für Digitalauswertungen, Polizeipsychologen oder Fachleute für Vernehmungen. Unter anderem wollen sie die letzten Stunden im Leben von Walter Lübcke rekonstruieren. Dazu werten sie gemeinsam kontinuierlich Hinweise aus, darunter auch Foto- und Videodateien, die den Ermittlern aus der Bevölkerung zur Verfügung gestellt wurden. Insgesamt bearbeitet die Soko zurzeit "mindestens 160 Hinweise", berichtete Andreas Thöne, Sprecher der Staatsanwaltschaft Kassel, dem stern. Wie konkret diese sind, sagte er nicht. Unter anderem gab es auch in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst" einen Zeugenaufruf.

In der Vergangenheit hatte es Morddrohungen gegen Lübcke als Leiter des Regierungspräsidiums Kassel, das in der Flüchtlingskrise bei der Unterbringung von Geflüchteten federführend in Nordhessen war, gegeben. Er hat sich gegen Schmährufe gewehrt und auf einer Veranstaltung gesagt, wer gewisse Werte des Zusammenlebens nicht teile, könne das Land verlassen. Das war 2015. Eine Verbindung zur Tat sehen die Ermittler aber bislang nicht. "Wir haben immer betont, dass wir verschiedene Stränge verfolgen und in alle Richtungen ermitteln", so der Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Benötigt die Polizei noch Hinweise?

Ja. Die Ermittler bitten um "Tathinweise in jedweder Form", wie sie erst kürzlich in einem Aufruf schrieben. Hierbei geht es unter anderem um weitere Foto- und Videoaufnahmen, die auf der in der Nähe des Tatortes stattfindenden Kirmes am Samstag, den 1. Juni, zwischen 22 und 1 Uhr des Folgetages gemacht wurden. Auch Zeuge, die an dem Abend und in der Nacht in Wolfhagen-Istha Verdächtiges beobachtet oder einen Knall gehört haben, sind weiter aufgerufen, sich bei der Soko zu melden. Die Beamten sind unter den Telefonnummern (0561) 9104444 und (0561) 9101008 sowie per E-Mail unter wolfhagen@polizei-hinweise.de zu erreichen.

Wann wird Walter Lübcke beerdigt?

Die Trauerfeier für den langjährigen Regierungspräsidenten Nordhessens ist für den 13. Juni in Kassel geplant. Es soll einen Gottesdienst in der Martinskirche geben. Lübcke sollen dabei "protokollarische Ehrenbekundungen" zuteilwerden, wie eine Sprecherin der hessischen Landesregierung ankündigte. Der Sarg soll mit der hessischen Landesflagge bedeckt werden. Polizeibeamte und Bundeswehrsoldaten sollen eine Ehrenwache halten. Als Redner wird unter anderem Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) erwartet. Die Beerdigung im familiären Kreis wird zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden.

Quellen: Polizeipräsidium Nordhessen I, II, III, IV, Polizeiinspektion Wilhelmshaven/Friesland"Aktenzeichen XY ... ungelöst", Nachrichtenagenturen DPA und AFP