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Prozess wegen Kujau-Bilder Wie der Fälscher seine Fälschungen fälschte


Ob die Fälschungen echt waren und falsch, ließ sich letztlich nicht mehr feststellen. Es waren einfach zu viele Gemälde, die die Angeklagte unter dem Namen Konrad Kujau verkauft hatte - denn mit den Werken des Meisterfälschers ließ sich gutes Geld verdienen.
Von Uta Eisenhardt, Dresden

Konrad Kujau hätte sich lachend auf die Schenkel geklopft, da ist sich Petra Kujau sicher, hätte der selbsternannte Fälscher-König und Hitler-Tagebuch-Verfasser die Verwirrung erlebt, die seine Bilder noch zehn Jahre nach seinem Tod stifteten. Petra Kujau ist eine Großnichte, und zusammen mit ihrem Lebensgefährten Dieter G. steht nun vor dem Landgericht Dresden, weil beide angeblich die berühmten Fälschungen ihres Großonkels gefälscht haben sollen. Vorwurf: Betruges und Urkundenfälschung.

Laut Anklage soll das Paar 301 Bilder billig aus Asien eingekauft haben: Angefangen von Van Gogh's "Selbstporträt mit verbundenem Ohr" über Franz Marc's "Blaues Pferd" bis zu Monet's "Seerosenteich". Auch gefälschte Kujau-Schöpfungen mit dem Titel "Beim Kartenlegen", "Pferde in der Provence" oder "Romantisches Venedig" listet die Staatsanwaltschaft auf. Die Angeklagten sollen die Kopien mit der Unterschrift Konrad Kujaus signiert haben, um sie dann teuer über das Internet zu verkaufen - so das Ergebnis der zweijährigen Ermittlungen.

Ganz legal Bilder gefälscht

Ende der 80er Jahre wurde Konrad Kujau nach vier Jahren aus der Haft entlassen. Anschließend nutzte er seine Prominenz, und fälschte ganz legal die Bilder großer Meister. Seine Werke stellte er regelmäßig aus, seine Kunst brachte er zudem einer Reihe von Schülern bei. Bis zu 3500 Euro ließen sich die Fans des Malers eine echte Kujau-Fälschung kosten - erkennbar am typischen Schriftzug, den die Gemälde trugen.

Seine eigenen Werke habe der Meisterfälscher stets mit "K. Kujau" und der Jahreszahl versehen, auf die Kopien berühmter Maler habe er nur "Kujau" und den Namen des Schöpfers geschrieben, so die Angeklagte. Eine echte Kujau-Unterschrift war klein, sagen der Kujau-Experte Schnauthiel und die Kujau-Meisterschülerin Gabriele Sauler: Der Verstorbene habe sich bemüht, seine Signatur zu verstecken. Und auf das "J" sei es angekommen. Aber Petra Kujau winkt ab: "Jede Unterschrift sieht anders aus, je nach Lust und Laune. Mal ist das 'J' so, mal so. Es gibt sogar 'J' mit Welle!"

Schon nach 40 Bildern verliert das Gericht den Überblick

Doch ganz so einfach sind echte Fälschung und gefälschte Fälschung offenbar nicht voneinander unterscheiden. Schon nach dem Verlesen der Anklage bittet der Vorsitzende Richter Joachim Kubista zum Rechtsgespräch mit Verteidigung und Staatsanwaltschaft. Hintergrund seien "Probleme mit dem vorliegenden Fall", wie der Richter sagt. 40 Bilder seien bislang begutachtet worden, aber "das Ergebnis ist nicht eindeutig." Man müsste für jedes einzelne Bild feststellen, ob es nicht von Herrn Kujau stammt, und ob dieser Umstand den Angeklagten bekannt war. Sollten die also gestehen, diese 40 Bilder mit einem Gesamtverkaufspreis von etwa 50.000 Euro betrügerisch veräußert zu haben, wolle das Gericht nicht mehr als zwei Jahre Haft verhängen. Diese Strafe könnte zudem zur Bewährung ausgesetzt werden.

Es ist ein Angebot, das Petra Kujau nicht ablehnen will: Sie gibt zu, dass sie beim Verkauf jener 40 Bilder wusste, dass sie nicht von Konrad Kujau stammten oder nicht nur von ihm gemalt worden waren. Denn ihr Großonkel habe Maler beschäftigt, die ihn mit Kopien berühmter Künstler belieferten, er habe das Ganze dann lediglich signiert. Die Idee mit der Fälschung der Fälschung sei schon zu seinen Lebzeiten praktiziert worden, behauptet Kujau. Das bestätigt auch Kujau-Freund und Kunstmaler Philipp Schnauthiel, der zu diesem Prozess als Sachverständiger angereist ist.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Zwischen 300 und 1000 Euro will die Angeklagte für Kujau-Bilder ausgegeben haben, deren Urgroßvater der Cousin seines Großvaters gewesen war.

"Die Echtheitszertifikate gehörten halt dazu"

Die fraglichen Bilder will sie von Kujau-Kunden angekauft haben, "und zwar ziemlich teuer", wie die Angeklagte sagt. Zwischen 300 und 1000 Euro habe sie bezahlt, am teuersten seien Gustav-Klimt-Kopien gewesen. Verkauft habe sie sie dann über ihren Ebay-Account "Galery". Ihren Kunden schickte sie neben dem Bild auch ein Echtheitszertifikat mit ihrer Unterschrift und der aufgedruckten Signatur von Konrad Kujau. "Ich hätte das nicht machen müssen, die Leute hätten das auch so gekauft. Aber der Konrad hat es auch gemacht, es gehörte halt dazu und ich bin ziemlich ordentlich", sagt die Reproduktionsfotografin und Sängerin. "Ich hätte es nicht gedurft, das ist mir jetzt auch klar."

Mit dem Fälscher selbst verbindet die schlanke, quirlige Dresdnerin eine zwar "weitläufige, aber ernsthafte Verwandtschaft": Ihr Urgroßvater und sein Großvater seien Cousins gewesen. Nach der Wende hätte sie Konrad Kujau kennen gelernt und Ausstellungen im Osten für ihn organisiert. So habe sie immer weniger als Sängerin und immer mehr als Galeristin gearbeitet, seit 1998 lebte sie von den Fälschungen ihres Großonkels.

Gesamtwerk von etwa 1000 Bildern

"Er hat unglaublich viel verkauft", sagt die Angeklagte. Sie schätzt sein Gesamtwerk auf etwa 1000 Bilder. Angeblich schuf er fünf Stück am Tag. "Er hat vor laufender Kamera gemalt, in einer halben Stunde war das Bild fertig. Aber das war ein Picasso, das ging schnell."

Und was hat Dieter G. mit dem Ganzen zu tun, will der Richter wissen. "Eigentlich nichts", sagt der stämmige, zurückhaltende 54-Jährige. "Ich habe auf das vertraut, was ich erzählt bekommen habe. Ich habe mitgemacht." "Er hat bei der Logistik geholfen", erklärt sein Verteidiger.

Sie müssen mit dem Kunsthandel ziemlich viel Geld verdient haben, meint der Vorsitzende. Ja, sagen die Angeklagten. Aber das meiste hätten sie in Kujau-Projekte gesteckt. Allein die Unterhaltung des Museums in Pfullendorf habe 10.000 Euro Unterhalt im Monat gekostet. Diese Erklärung ist nicht zu widerlegen: Selbst bei der Hausdurchsuchung fanden sich keine Hinweise auf Reichtum und Luxus.

Verdächtig viele Kopien berühmter Maler

Dafür hatte man bei dem Paar verdächtig viele Kopien berühmter Maler gefunden. Ein Pinsel lag direkt neben einem Bild von Konrad Kujau. Auch das kann seine Großnichte erklären: Sie habe gewusst, die Werke ihres Onkels würden irgendwann zur Neige gehen. Darum habe sie ein neues Geschäft aufbauen wollen, eine Bilder- und Rahmen-Großhandlung. Das bei ihr gefundene Material seien Proben gewesen, die sie auf Messen erworben hatte. Die Pinsel dagegen stammten aus dem Pfullendorfer Museum, das im Winter wegen seiner fehlenden Heizung geräumt werden musste.

Aber warum speicherte sie den Namenszug des Malers Gustav Klimt auf ihrem Rechner, fragt der Richter. Ganz einfach: Sie habe eine Fälscherwerkstatt für Kinder betrieben, antwortet die Angeklagte. Die Kinder hätten die Namenszüge nachgemalt. "Die haben auch Kujau gefälscht, da gibt es sogar einen Fernsehbeitrag darüber."

Mit dem Kujau-Geschäft aber ist Schluss

Die angeblich geprellten Kunden jedenfalls, so berichtet der Polizeibeamte, der die Ermittlungen leitete dem Gericht, hätten ihre "schönen Bilder" trotz des Betrugsverdachts "im Großen und Ganzen" nicht hergeben wollen. Mit dem Kujau-Geschäft aber ist mittlerweile Schluss - nicht nur für Petra Kujau und ihren Lebensgefährten, auch Kujau-Experte Philipp Schnauthiel bekommt seit Frühjahr 2006 keine Aufträge mehr.


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