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Stresstest-Präsentation für Stuttgart 21: Heiner Geißler reizt zu Pfiffen - und verblüfft

Verhärtete Fronten, Pfiffe und Applaus für die betonierte Argumente - Stresstest-Präsentation für Stuttgart 21. Und dann lässt Schlichter Heiner Geißler alle verstummen - mit einem neuen Vorschlag.

Von Anna Hunger, Stuttgart

Fußballspiel mit Public Viewing? Nein - Stresstest auf Großbildleinwand! Der Stuttgarter Rathausplatz ist voll mit Hunderten Stuttgart 21-Gegnern. Sie applaudieren, wenn Brigitte Dahlbender vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 wieder mal einen gepfefferten Satz Richtung Volker Kefer schmettert, sie pfeifen, wenn die Kameras auf Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster schwenken und sie brüllen "Lügenpack", wenn Heiner Geißler versucht, einen Mittelweg zu finden. "Die Wahrheit in der Geißler-Falle", steht auf einem Plakat vor dem Rathaus. Geißler habe sie hintergangen, sagt ein Gegner und spannt einen Schirm auf gegen den Platzregen - "K21" steht darauf, für den Kopfbahnhof. Später wird Geißler alle überraschen - mit seinem Vorschlag für einen Zwitter-Bahnhof. Aktionsbündnis-Sprecherin Dahlbender wird sich dann ebenso vorsichtig positiv äußern wie Bahnvorstand Volker Kefer.

Stunden zuvor sitzen im vierten Stock des Stuttgarter Rathauses Gegner und Befürworter des Bahnprojekts in großer Runde zusammen und diskutieren die Ergebnisse des sogenannten Stresstests, einer Computersimulation, die die Leistungsfähigkeit des geplanten Tiefbahnhofs zeigen soll. Rechts am Tisch sitzen die Bahnhofsbefürworter, links die Bahnhofsgegner, mittendrin der ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, der schon in der Schlichtung im vergangenen Herbst versucht hatte, zwischen den tiefzerstrittenen Parteien zu vermitteln. Damaliges Ergebnis: S21 ja, aber der geplante Tiefbahnhof sei verbesserungswürdig, einem Stresstest zu unterziehen und zu "S21 Plus" mit mehr Sicherheit, mehr Gleisen und mehr Behindertenfreundlichkeit auszustatten. Heute sitzt Geißler wieder in Stuttgart, um das "Plus" herbeizuschlichten.

"Geißler, halt's Maul!"

Kurz nach zehn Uhr im Sitzungssaal im vierten Stock. Die Stimmung ist nicht besonders gut. Das "Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21" hat das Wort. Hannes Rockenbauch steht am Mikrophon und hält eine flammende Grundsatzrede für K21, den Kopfbahnhof, den sich die Tiefbahnhofgegner wünschen. Die Argumente: Wie immer. Die Mineralquellen seien durch die Buddelei gefährdet, der bestehende Bahnhof ein Kulturgut, die Kosten für S21 zu hoch. Alles in allem sei S21 eine "Zerstörung von Identität und Heimat", sagt er und zeigt zur Untermalung den fast blinden Demonstranten Dietrich Wagner auf Großbildleinwand und im Anschluss den bestehenden Bahnhof in der Abenddämmerung. Das sei ja alles schon da gewesen, sagt Geißler.

Draußen brüllt einer: "Geißler, halt's Maul!" Ein anderer: "Geißler ins Pflegeheim." Sozialpädagoge Wolfgang Esche, "Esche wie Baum", nickt. Das findet er auch. Seit 2007 engagiert sich der 64-jährige Stuttgarter gegen den Tiefbahnhof. "Weil die aus dem Schlossgarten eine Baugrube machen wollen", sagt er, seit einem Jahr eingetragener Parkschützer, Nummer 14.264. Seit einer halben Stunde steht er auf dem Rathausplatz, und was er beobachtet, passt ihm nicht. Heiner Geißler lasse vor allem die Befürworter zu Wort kommen, sagt er. "Die wollen ihr Bahnprojekt halt durchsetzen", und Schlichter Geißler verkaufe die Zuschauer für blöd, wenn er ständig mahne, nicht über allzu Kompliziertes zu besprechen.

Nichts ist übler als ein Expertenstreit

Während Esche schimpft, scheint der Schlichter guter Laune zu sein. Noch. Ob er zur Überbrückung der Wartezeit noch einen Witz erzähle soll, fragt Heiner Geißler, als Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen und versierter Bahnhofskritiker, ein zentimeterdickes Werk verteilen lässt, in dem er all' seine Kritikpunkte am Stresstest aufgelistet hat. Volker Kefer grinst, wie immer, sogar Hannes Rockenbauch vom Aktionsbündnis lächelt ein bisschen.

Draußen vor dem Rathaus tobt der Bär. Ein paar Gegner sitzen auf dem Boden und picknicken, im Café Scholz am Rathausplatz sitzen viele Gäste mit grünem "Oben bleiben"- Anstecker und noch grünen K21-Taschen. Waren am Morgen nur eine Handvoll Menschen auf dem Rathausplatz, sind es gegen drei Uhr nachmittags ein paar tausend mit Pfeifen, die so laut sind, dass man manchmal weder Geißler noch Kefer versteht. Die Gleise für die Züge seien in falschen Abständen geplant, sagt Boris Palmer ins Mikrofon. Die Haltezeiten seien im Gutachten zu kurz angelegt. Applaus auf dem Marktplatz. Das Gesamtergebnis werde nicht durch Kleinigkeiten beschädigt, sagt Geißler. Pfiffe. Wolfgang Esche schnaubt. Das sei falsch sagt Rockenbauch vom Aktionsbündnis auf der Leinwand, wieder Applaus und dann giftet Geißler einmal quer durch den Sitzungssaal: "Was ich sage ist richtig, Herr Rockenbauch." Tumult auf dem Rathausplatz. Pfeifen, Trillern,Vuvuzelas. Es gebe nichts Übleres als einen Expertenstreit, seufzt Werner Stohler, der Präsident des Verwaltungsrats der SMA, die den Stresstest durchführte.

"Ich bin völlig verblüfft"

Neben dem Wasserwerfer, den die Demonstranten seit dem schwarzen 30. September immer dabei haben, steht Susanne Jallow und ist empört. "Heiner Geißler zieht hier eine Show ab", echauffiert sie sich. Warum eigentlich eine Privatperson entscheiden dürfe, ob so ein Bahnhof nun sinnvoll oder sinnlos sei, fragt sie. Jallow ist Buchhalterin und engagiert sich in der deutschen Friedensgesellschaft. Beim Faktencheck sei doch rausgekommen, dass K21 die bessere Alternative sei, sagt die 48-Jährige. Ein Clown auf Stelzen stakst vorbei. Immerhin, sagt Jallow, sitze anstatt Tanja Gönner (CDU) nun Winfried Hermann (Grüne) als Verkehrsminister im Gremium. Und der streitet im Hintergrund auf der Leinwand mit Gutachter Werner Stohler, ob der Bahnhof nun die Auszeichnung "Premium" verdient oder nicht. Das sei alles eine Farce, sagt Jallow. "Ich frage mich, warum die Bahn immer noch so verbissen an ihrem Projekt festhält". Wo doch K21 "bewiesenermaßen" die bessere Alternative sei. Premium, sagt Hermann im Gremium, sei nur dann gewährleistet, wenn der Bahnhof Verspätungen zuverlässig abbaue. Im Gutachten stünde aber "mit leicht abnehmender Verspätungstendenz". Da solle man sich doch mal ein Beispiel nehmen an der Berliner Haltestelle Südkreuz oder Gesundbrunnen, das sei mal was.

Halb sechs Uhr abends. Bahnvorstand Kefer grinst seit siebeneinhalb Stunden sein Dauerlächeln, Heiner Geißler wirkt genervt und die Besucher auf dem Rathausplatz haben sich mittlerweile warm gepfiffen. Am Rand seht einer, der nicht pfeift. Er ist für Stuttgart 21 und mag eigentlich nichts über sich sagen, außer seiner Meinung. "Undemokratisch" sei das alles, sagt er. Demokratie hieße doch erstmal zuzuhören, aber bei dem Gepfeife höre man ja nichts. Außerdem, sagt er, sei es unmöglich, einen Mann wie Werner Stohler von der SMA auszupfeifen. "Der hat seit Jahren gut gearbeitet, versteht was von seinem Job. Das ist, als würden sie einen Lehrer ausbuhen, der was von Pädagogik versteht." Das sei nicht richtig. Er habe eine Zeit lang in der Schweiz gelebt. Das sei eine richtige Demokratie, die müsse man in Deutschland erst noch lernen. Die CDU abzuwählen, sei schon mal ein guter Anfang gewesen. "Aber die Schreierei auf der Straße, die bringt doch nichts."

Ob Geißlers Vorschlag, eine Kombination aus bestehendem Kopfbahnhof und geplanter Durchgangsstation zu realisieren, etwas bringt, wird sich zeigen. Man werde das nicht einfach vom Tisch fegen, verspricht Verkehrsminister Hermann. "Wir werden uns dem nicht entziehen", sagt auch Aktionsbündnis-Sprecherin Dahlbender. Doch "Frieden in Stuttgart", wie die SMA ihr Papier betitelt hat? "Ich bin völlig verblüfft", gesteht Bahnvorstand Kefer. "Man könnte fast sagen: ein echter Geißler".