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Vereitelter Anschlag: Die Jagd auf ein Phantom

Nur wenige Stunden vor der Entdeckung zweier Autobomben in London sollen islamistische Kreise einen Anschlag angekündigt haben. Wäre dieser erfolgreich gewesen, hätte er hunderte Opfer gefordert - kein Wunder, dass die britische Polizei mit einem Großaufgebot die Täter jagt.

Von Cornelia Fuchs, London

Mit einem Griff hat ein Sprengstoffexperte in der Nacht zu Freitag die Autobombe entschärft, die Londoner Disco-Gänger treffen sollte. Er entfernte ein Mobiltelefon, das die Explosion von 60 Litern Benzin und mehreren Flaschen Propan-Gas auslösen sollte. Jetzt jagt die Polizei die Täter.

Die Chancen stehen gut, dass es schon bald erste Hinweise geben wird auf diejenigen, die diese Anschläge geplant haben. Neben dem grün-metallic-farbenen Mercedes vor dem Nachtclub "Tiger Tiger" konnte auch ein zweiter blauer Mercedes gesichert werden. Der war gegen 3:30 Uhr am Freitagmorgen aus einem Parkverbot ganz in der Nähe des ersten Autos abgeschleppt worden. Schon bei der Ankunft in der Park-Lane-Garage nahe des Hyde Parks wurden Parkwächter auf den Gas-Geruch des Autos aufmerksam. Sie verständigten sofort die Polizei, als sie von der Autobombe am Haymarket hörten. Beide Autos sind inzwischen in den Untersuchungslabors der Spurensicherung.

Vor allem die Mobiltelefone, die nicht durch eine Sicherheits-Sprengung zerstört werden mussten, können nun wichtige Hinweise auf das Umfeld der Täter geben. Die Propan-Gaszyliner lassen sich durch Serien-Nummern zurückverfolgen. Außerdem untersucht die Polizei die Videoaufnahmen von Überwachungskameras in der Umgegend. Allein der Londoner Stadtteil Westminster hat 160 Kameras installiert, dazu kommen weitere von Nachtclubs, Restaurants und Läden. Die beiden Autos werden auf ihrem Weg nach London hinein gefilmt worden sein - so kontrolliert London die Maut, die bei einer Fahrt ins Zentrum gezahlt werden muss.

Premierminister Gordon Brown sprach indessen "von der schweren und andauernden Bedrohung", der Großbritannien ausgesetzt sei. "Die erste Pflicht einer Regierung ist es, für die Sicherheit der Menschen zu sorgen." Tatsächlich hatten Terrorismus-Experten erst vor zwei Wochen einen 53-Seiten-Bericht an Nachtclubs und Restaurants verteilt, darunter auch an die Betreiber der "Tiger Tiger"-Disco, die nun Ziel des Anschlages hätte sein sollen. Darin warnen sie vor VBIED, die Abkürzung für "vehicle-born improvised explosive devices - improvisierte Explosivstoffe in Autos". In dem Bericht wird von der Gefahr gesprochen, dass al-Kaida Autobomben aus dem Irak nach London bringen will. Seit einigen Wochen werden Lastwagen, die nach London hineinfahren, verstärkten Sicherheitskontrollen unterzogen.

Islamisten-Forum brachte Hinweis auf Anschlag

Die Polizei bestätigt zur Zeit noch keine Verbindungen zu der islamistischen Terror-Organisation. Doch englische Zeitungen berichten von einem Beitrag in einem sunnitischen Chat-Forum, das auch regelmäßig von Attentätern besucht wird. Nur wenige Stunden vor dem Fund der Autobomben hieß es dort: "Freut euch, London wird zerbombt."

Dass Anschläge mit Gas-Zylindern in London geplant werden, ist Scotland Yard seit dem Sommer 2004 bekannt. Da wurde bei der Durchsuchung eines Hauses ein Laptop gefunden, auf dem ein 39-Seiten-Dokument mit dem Namen "Grobe erste Präsentation des Gas-Limo-Projektes" gespeichert war. Wie in einem Geschäftsplan beschreibt darin der Autor Dhiren Barot seine Ideen, mit Limousinen und vielen Propan-Gasflaschen unter anderem das Dorchester Hotel und andere große Gebäude in London zum Einsturz zu bringen.

London bleibt Anschlagsziel

Die Ermittler fanden ebenfalls eine Videoaufnahme des World Trade Centers in New York - darauf ist Barots Stimme zu hören, die "Bumm" sagt. Dann dreht sich die Kamera so, dass die Türme auf der Seite liegen. Die Aufnahme wurde wenige Monate vor den Anschlägen des 11. September gedreht. Dhiren Barot wurde im November vergangenen Jahres zu 40 Jahren Haft verurteilt. Der Prozess gegen seine Komplizen endete vor zwei Monaten mit langjährigen Gefängnisstrafen.

Ebenfalls seit längerem bekannt ist, dass Londoner Nachtclubs mögliche Anschlagsziele geworden sind. Vor zwei Jahren hörte die Polizei ein Gespräch mit, in dem Mitglieder einer weiteren Terroristen-Zelle über Anschläge auf die Disco "Ministry of Sound" sprechen. Jawad Akbar sagte damals: "Da kann dann niemand hinterher sagen, sie seien unschuldig gewesen. Diese ganzen Flittchen, die da herumtanzen." Er wurde wie die anderen Mitglieder der "Dünger-Gruppe" zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Sie hatten für den Bau ihrer Bombe mehrere hundert Kilo Kunstdünger gekauft.

Fast 1000 potenzielle Terroristen

Scotland Yard spricht von 250 hoch-gefährlichen Terror-Verdächtigen in Großbritannien und 700 gefährlichen. Doch diese fast 1000 Menschen können nicht alle rund um die Uhr bewacht werden, dazu habe man nicht genügend Ressourcen. Im Moment sind mindestens fünf Terrorverdächtige untergetaucht. Sie waren unter Hausarrest gestellt worden, sind jedoch dort nicht mehr anzufinden. In U-Bahn-Stationen werden sie seit Wochen mit Postern gesucht, die an deutsche Fahndungs-Aushänge aus RAF-Zeiten erinnern.

Die Terror-Einheiten sehen sich besonders starker Kritik ausgesetzt, seitdem bekannt wurde, dass ihnen der Führer der Selbstmord-Attentäter des 7. Juli schon lange vor den Anschlägen als radikalisierter Polemiker bekannt war. Sie hatten jedoch damals von einer engeren Bewachung von Siddique Khan abgesehen, auch, weil er nicht als ein wirklich großes Sicherheitsrisiko galt. So konnte er ungestört die Anschläge auf U-Bahnen in London vorbereiten.

Aufruf zu "extremer Wachsamkeit"

Die Innenministerin Jacqui Smith begann die erste Woche in ihrem neuen Amt gleich mit einer sehr ernst vorgetragenen Warnung: "Wir können die Risiken neuer Anschläge minimieren, aber wir können sie nicht beseitigen." Sie rief ihre Landsleute auf, "extrem wachsam" zu sein.