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AKW Fukushima: Unberechenbares Atom-Monster

Es sind Aussagen, die Angst machen: Die Regierung nennt die Lage in Fukushima "unberechenbar", der Kampf gegen die Katastrophe könnte noch Monate dauern. Frankreich will jetzt helfen.

Vor einigen Tagen sah es noch so aus, als bekämen Behörden und Betreiber Tepco das AKW Fukushima langsam unter Kontrolle, als wäre der Super-GAU nur noch Horrorszenario, aber keine realistische Gefahr mehr. Das Katastrophenkraftwerk konnte ans Stromnetz angeschlossen werden, die Temperatur in den Reaktoren sank. Mittlerweile erscheint das Kraftwerk aber gefährlicher denn je.

So stufte der japanische Regierungschef Naoto Kan die Lage am Dienstag als "unberechenbar" ein. Vor einem Parlamentsausschuss sagte Kan, seine Regierung sei in "höchster Alarmbereitschaft". Was ihm besonders Sorgen macht: Die Brennstäbe in den Reaktoren 1 bis 3 sind beschädigt. Es bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Schutzhüllen nicht mehr dicht seien, teilte die japanische Atomaufsicht mit. Kan selbst muss sich mittlerweile gegen Vorwürfe verteidigen, sein Besuch in Fukushima am Tag nach dem Erdbeben habe die Rettungsarbeiten in der Luft behindert.

An dem Kraftwerk waren nach dem schweren Erdbeben und dem darauffolgenden Tsunami vor zweieinhalb Wochen die Kühlsysteme ausgefallen. Die Versuche, sie wieder in Gang zu bringen, mussten allerdings wegen zu hoher radioaktiver Strahlung unterbrochen werden. In Bodenproben auf dem Gelände wurde inzwischen auch hochgiftiges Plutonium gefunden. Die Behörden sprachen zuletzt von einer "teilweisen" Kernschmelze.

Die Techniker in Fukushima werden nach Einschätzung von Experten noch Monate gegen eine Kernschmelze kämpfen müssen. Auch wenn nichts Schlimmeres passiere, werde es noch ein Jahr dauern, bevor der Reaktor geöffnet werden könne, sagte der Wissenschaftler Michael Sailer im Deutschlandfunk . Der Chemiker ist Mitglied der Reaktorsicherheitskommission des Bundes, Sprecher der Geschäftsführung des Öko-Instituts und ein bekannter Kritiker der Kernenergie. Bis die kritische Zeit, in der bei einem Ausfall der Kühlung eine Kernschmelze wieder entstehen kann, verstrichen sei, wird es "viele Wochen, viele Monate dauern", schätzt Sailer.

Sailers Einschätzungen machen Angst: Der Fund von Plutonium an fünf Stellen in Fukushima bedeute, dass die Brennstäbe sehr, sehr heiß seien. "Also entweder knapp unter der Kernschmelze oder in der Kernschmelze, weil Plutonium geht erst bei sehr hohen Temperaturen raus".

Die Arbeitsbedingungen in Fukushima sind katastrophal. Tepco hatte zwischenzeitlich zwischen 500 und 600 Arbeiter auf dem Gelände des beschädigten Kraftwerks untergebracht. Diese müssen auf verstrahltem Betonboden schlafen und bekommen nur wenig zu essen. Die Regierung fordert dringend eine Verbesserung der Lage für die Arbeiter.

Falsche Zahlen, falsche Aussagen

Tepco kämpft seit dem Erdbeben und dem folgenden Tsunami darum, das zerstörte Atomkraftwerk Fukushima unter Kontrolle zu bringen. Das Unternehmen verstrickt sich dabei in Vertuschungen und Falschaussagen, hantiert mit falschen Messwerten und bietet auch nach Ansicht der japanischen Öffentlichkeit ein schwaches Bild. Nun droht dem Unternehmen auch noch die Verstaatlichung. Dies sei eine Möglichkeit, wenn über die Zukunft von Tepco debattiert werde, sagte der Minister Koichiro Gemba der Nachrichtenagentur Kyodo. Dabei gilt er im Kabinett als Gegner staatlicher Unternehmen. Zuvor hatte die Zeitung "Yomiuri" unter Berufung auf Regierungskreise berichtet, der Staat könnte die Mehrheit an Tepco übernehmen und so dem Konzern bei den wachsenden Kosten der Katastrophe unter die Arme greifen.

Hilfe bekommt Tepco auch aus dem Ausland. Die Experten der französischen Energiekonzerne EDF und Areva sollen das japanische Unternehmen dabei unterstüzten, in Fukushima zu retten, was noch zu retten ist. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy will am Donnerstag Japan besuchen. Er ist damit das erste ausländische Staatsoberhaupt, das seit dem schweren Erdbeben am 11. März in das asiatische Land reist.

Der Wind dreht

Den Menschen in Tokio droht derweil Ungemach aus der Luft. In der Nacht zum Donnerstag dreht der Wind in Richtung Hauptstadt. Böen bis Stärke sechs treibt die Radioaktivität dann laut Deutscher Wetterdienst auf den Großraum mit seinen rund 35 Millionen Menschen zu.

Der Wind weht die Radioaktivität über Japans Grenzen hinaus. So sind in der Hauptstadt Seoul und an anderen Orten in Südkorea geringe Spuren von radioaktivem Jod in der Atmosphäre gemessen worden - zum ersten Mal in der Geschichte des Landes. Die Konzentration ist jedoch so gering, dass noch keine Gefahr für Umwelt und Menschen besteht.

Im Nordosten der USA sind dagegen im Regenwasser Spuren von Radioaktivität entdeckt worden. Forscher der Case Western Reserve University in Cleveland erklärten, sie hätten eine kleine Menge Jod 131 aus Japan im Regenwasser auf dem Dach eines Campus-Gebäudes gefunden.

ben/DPA/AFP/Reuters / DPA / Reuters