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Atom-Katastrophe in Japan: Kirschblüten im Schatten von Fukushima

Äußerlich diszipliniert reagieren die Japaner auf Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe. Aber nach Feiern ist ihnen auch nicht zu Mute. Normalität sieht anders aus.

Die ersten Blüten erwachen zu neuem Leben. Am liebsten würde Kaori jetzt mit ihren Freundinnen in einen der Parks in Tokio zum "Hanami" gehen, um unter der blassroten Sakura, der Kirschblüte, zu schwelgen. So wie jedes Jahr, wenn Millionen Japaner die Grünanlagen des Inselreiches stürmen und sich einen Platz unter den betörenden Kirschbäumen zu ergattern. Wenn fröhliche Grüppchen und ganze Firmenbelegschaften gesellig auf Matten hocken und bis spät in den Abend hinein ausgelassen trinken, singen und tratschen. Doch dieses Jahr ist manches anders. Seit das Erdbeben und der Tsunami das Land in die Katastrophe gestürzt haben, ist die Bevölkerung zu "Jishuku", zu Selbstbeschränkung und Gewissenhaftigkeit, aufgerufen.

"Dies ist nicht die Zeit, um bei Kirchenblüten zu trinken und zu feiern", meinte der nationalistische Gouverneur von Tokio, Shintaro Ishihara laut Medien und zog sogar einen Vergleich zum Zweiten Weltkrieg. Damals habe sich jeder in Zurückhaltung geübt. "Wir haben den Krieg verloren, aber das Zusammengehörigkeitsgefühl der Japaner zur damaligen Zeit war schön." Andere sehen das ganz anders und kommen gerade deshalb in diesen Tagen zu Kirschblütenfesten in Tokio zusammen, um den Opfern zu helfen und Spenden zu sammeln. Auch in Supermärkten oder Restaurants stehen Spendenbüchsen für die Opfer.

Zum ausgelassenen Feiern aber ist vielen Japanern in diesen Tagen der Krise nicht so richtig zumute. In Fernsehspots rufen TV-Stars die Bevölkerung des Inselreiches auf, sich solidarisch mit den Menschen in den Katastrophengebieten zu zeigen und Verzicht auf unnötigen Konsum zu üben. Manche Japaner haben ihre lange gebuchten Hochzeitsfeiern erstmal wieder storniert, während Kaufhäuser sowie Reiseveranstalter teils empfindliche Umsatzrückgänge vermelden. Auch manche Konzerte, Ballettaufführungen und Musicals wurden abgesagt.

Aber es ist nicht nur "Jishuku", das die Menschen zu Zurückhaltung veranlasst. Ein weiterer Grund sind die Bemühungen zum Stromsparen. Als Folge fahren manche Züge nicht und es ist schwieriger für Menschen, die weit entfernt leben, zum Beispiel an Hochzeitsfeiern in Tokio teilzunehmen. Die Bemühungen, Strom zu sparen, halten Tokio abends auch ungewöhnlich dunkel. Auf einer Kreuzung im beliebten Stadtbezirk Shibuya, wo sich alltäglich Massen an jungen Menschen amüsieren, sind viele der sonst grell beleuchteten Neonschilder und riesigen Videoleinwände an Häusern ausgeschaltet.

Ähnlich dunkel sieht es in den U-Bahnhöfen aus, wo auf Bahnsteigen jede zweite Deckenröhre und Anzeigetafeln dunkel und manche Rolltreppen gesperrt bleiben. Auch Restaurants, Geschäfte und Büros bemühen sich nach Kräften, Strom zu sparen. Manche schließen früher.

Aber auch jene Ausländer in Japan, die nicht wie viele andere unter ihnen aus Angst vor Verstrahlung geflohen sind, zeigen sich solidarisch mit der Bevölkerung. Demonstrativ treffen sich Manager wie Jürgen Fitschen vom Vorstand der Deutschen Bank in Tokio mit ihren Mitarbeitern, um ihnen und ihren Familien die Nachricht zu übermitteln, dass man auch in solchen Krisenzeiten zu ihnen und den Kunden steht. "Wir glauben an die Kraft Japans", rufen Mitglieder der beliebten japanischen Boy-Band SMAP oder der Sänger Tortoise Matsumoto der Nation am Fernseher zu. Japan macht sich Mut.

Lars Nicolaysen, DPA / DPA