HOME

Deutscher Filmpreis 2008: Elmar Wepper rührt zu Tränen

Fatih Akin ist der große Abräumer bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises. Vier Lolas gewinnt sein Film "Auf der anderen Seite". Während Elmar Wepper und Nina Hoss die Lola in Gold als beste Schauspieler bekommen, macht Til Schweiger den rebellischen Partycrasher. Warum er trotzdem der Gewinner des Abends ist.

Von Katharina Miklis

Fatih Akins Episodendrama "Auf der anderen Seite" setzt sich beim 58. Deutschen Filmpreis nicht nur als bester Film, sondern auch in den Kategorien Regie, Drehbuch und Schnitt durch. Schon 2004 war er mit seinem Film "Gegen die Wand" der große Sieger des Abends gewesen. Aber eines nach dem anderen: Das Wetter ist auf der Seite des deutschen Films. Die untergehende Berliner Abendsonne spiegelt sich in den glitzernden Roben und tiefen Dekolletes vor dem Palais am Funkturm in Berlin. Der rote Teppich wird stark beansprucht. Jeder, der in diesem Land auch nur ansatzweise seine Nase in eine Kamera gehalten hat, so scheint es, ist da. Hannelore Elsner, Eva Padberg, Ulrich Wickert, Daniel Brühl, Senta Berger, Heike Makatsch aber auch Produzenten wie Tom Tykwer und Bernd Eichinger.

"Wenn hier alles vorbei ist, machen wir so richtig einen drauf!"

Da ist schon Elmar Wepper im Anmarsch, der nicht einmal zwei Stunden später die Lola für die beste männliche Hauptrolle in den Händen halten wird. Sein Bruder, Fritz Wepper, wird herzzerreißende Tränen vergießen, wenn der kleine Bruder auf der Bühne steht und sagt: "Sonst bin ich immer so gelassen. Aber jetzt habe ich gar nichts davon". Und: "Solche Rollen bekommt man nur einmal im Leben." Dann wird er die Bühne verlassen und aufs Innigste von Filmpartnerin Hannelore Elsner abgeknutscht. Jetzt steht der Favorit des Abends aber unwissend auf dem roten Teppich und verrät: "Wenn hier alles vorbei ist, machen wir mit meinem Bruder, meiner Frau und meiner Schwägerin so richtig einen drauf!". Niemandem gönnt man den Preis an diesem Abend so sehr, wie ihm - da sind sich alle einig.

Die beleidigte Leberwurst des deutschen Films

Hinter ihm taucht schon seine "Entdeckerin" auf, bei der er sich in seiner Rede mit der Lola in der Hand mit Tränen in den Augen bedanken wird: Doris Dörrie. Mit großer Sonnenbrille versucht sie ganz cool zu wirken. Schafft sie nicht. Kein Wunder. Sie ist an diesem Abend wohl die meist gespannte Frau unter der Berliner Abendsonne. Kein Film ist öfter nominiert als "Kirschblüten - Hanami". Ganze sechs Mal. Auftritt Fatih Akin: Lässig schlendert der deutschtürkische Regisseur, der Doris Dörrie später um die begehrteste Trophäe des Abends - die des besten Films - bringen wird, über den Teppich. Später wird er bei seiner Dankesrede die ganze Veranstaltung in Frage stellen.

Dicht gefolgt wird er von dem Mann, dessen Erscheinen am Rande des roten Teppichs für das meiste Aufsehen sorgt: Til Schweiger. "Was macht der denn hier?" hört man es tuscheln, hatte er sich doch in den letzten Wochen als beleidigte Leberwurst des deutschen Films aufgespielt, weil sein Kinoerfolg "Keinohrhasen" nicht nominiert war. Mit viel Bohei war er aus der Filmpreis-Akademie ausgetreten, um wenig später wieder einzutreten und noch etwas später bekannt zu geben, dass er 2009 einen eigenen Publikumspreis machen würde.

Umso erstaunlicher, dass er dann doch bei der Gala-Veranstaltung auftaucht. Und das, obwohl er am gleichen Abend - parallel zur offiziellen After-Show-Party - eine Gegenveranstaltung in Berlin Mitte startet. Till Schweiger der Partycrasher. Er war gekommen, um nochmal ausdrücklich zu beweisen, dass er auf dem (roten) Teppich geblieben ist und versucht sich auf eben diesem in beschwichtigenden Erklärungen: "Ist doch alles Bullshit", sagt er und steckt sich wie bei einem Verhör eine Marlboro zwischen die Lippen. Keine Gegenveranstaltung, nur eine kleine Party zum 6-millionsten Besucher von "Kleinohrhasen", erklärt er gegenüber stern.de. Dass die Party zufällig am gleichen Tag wie der Filmpreis stattfindet, ist ein "dummes Missverständnis". Der Verleih, Warner, hatte es nicht auf dem Schirm, dass der Deutsche Filmpreis auf den selben Tag fällt. Bitte? Den wichtigsten deutschen Filmpreis vergessen? Wer's glaubt... Immerhin hat Schweiger seine Rebellen-Party auf 24 Uhr verschoben. Er will es sich ja nicht verscherzen mit der Akademie.

Wildes Huhn, das weder einparken noch gut zuhören kann

Da muss er sich keine Sorgen machen. Das wird den ganzen Gala-Abend über ungefähr ein dutzend Mal betont. Bernd Neumann (CDU), der es schafft bei einer glamourösen Veranstaltung wie dieser, in seiner Eröffnungsansprache über Rendite, Steuermittel und Arbeitsplätze zu reden, findet warme Worte für Til Schweiger. Auch Moderatorin Barbara Schöneberger wird den kleinen Rebellen später in Schutz nehmen.

Bevor es richtig losgeht verrät Barbara Schöneberger, die ihr Debüt als Filmpreis-Moderatorin gibt, warum sie sich an diesem Abend in ein gewagtes Kleid nach dem anderen wirft: "Wissen Sie, ich arbeite jetzt schon seit geraumer Zeit bei der NDR-Talkshow und brauche den Ausgleich. Ich kann nicht länger alten Männern mit Abitur zuhören".

Dann beginnt der offizielle Teil des Abends. Barbara Schöneberger - man hat es nicht anders erwartet - singt. Und das, obwohl ihr Schauspielkollegin Jasmin Tabatabai im Vorfeld davon abgeraten hatte. Aber sie macht ihre Sache gut. Hinter Bully Herbig, der die letzten drei Male den Filmpreis moderiert hat, muss sie sich nicht verstecken. Ihre Erklärung, warum sie so gut zum Deutschen Filmpreis passt: Sie vereint alle Kinohighlights des letzten Jahres in einer Person. "Ich bin ein wildes Huhn, habe Erfahrung mit wilden Kerlen, kann weder gut zuhören, noch einparken". Und dann kommt ihr Statement zu Badboy Schweiger, den hier alle gaaanz lieb haben. "Es war ein bisschen wie bei den Jüngern an Karfreitag: Die einen sagen: der Mann ist Gott, die anderen: er hat uns verlassen, wieder andere: er kommt wieder..." Das Thema bestimmt den Abend. Warum Schweiger hier nach seinen Zickereien derart gebauchpinselt wird, versteht niemand so richtig.

An den Entscheidungen des Abends gibt es dagegen nichts auszusetzen: Nina Hoss bekommt die "Lola" für die beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle in "Yella". "Ich bin überwältigt", freut sich die 32-Jährige, die bereits bei der Berlinale 2007 einen Silbernen Bären eingeheimst hatte. Die Lolas als beste Nebendarsteller gehen an Christine Schorn ("Frei nach Plan") und Frederick Lau ("Die Welle"), der auf der Bühne gar nicht weiß, was er sagen soll. Aber sein Job mache ihm Spaß, stottert er. Die Silberne Lola geht an "Kirschblüten - Hanami" von Doris Dörrie, Bronze an "Die Welle" von Dennis Gansel.

Nicht für die Akademie, sondern fürs Leben

Rebell Nummer zwei des Abends: Abräumer Fatih Akin. Auch er findet das Auswahlverfahren, das "Keinohrhasen" um seinen Ruhm brachte, wie andere Kollegen auch, zweifelhaft. Seine Dankesauftritte nutzt er spontan als Mini-Aufstand. Als er am Ende der Gala zum dritten Mal die Bühne betritt, um nach der Trophäe für die beste Regie und das beste Drehbuch auch die für den besten Film ("Auf der anderen Seite") abzuholen, stellt er gar die ganze Veranstaltung in Frage: "Kunst zu bemessen ist so schwierig. Wir machen doch nicht für die Akademie Filme, oder für die Preise, sondern fürs Leben!". Und dann ruft er verbündent seinem Kollegen Schweiger zu: "Zu jeder Demokratie gehört eben auch eine Opposition. Til, du bist eines meiner Idole!" Und dann an alle: "Ich hab euch alle lieb." Man hasst sich, man liebt sich. Es ist der Abend des gedämpften Aufstands. Aber "nur bisschen dagegen" geht nicht. Deswegen fragt man sich, warum Akin so verhalten den Aufstand übt und Schweiger einen auf "Kleinohrhasen"-Kindergarten macht.

Die After-Show-Party dient zum obligatorischen Sich-selbst-feiern, was sich zumindest die Preisträger des Abends - allen voran Elmar Wepper und Fatih Akin - gehörig verdient haben. In den Lounge-Inseln oder auch draußen, am "Lola Beach", gibt man sich Mühe, die 1.100 Flaschen Schampus zu vernichten. Kaum einer, der auf diesen Spaß verzichtet. Selbst Dissident Schweiger schaut brav vorbei, bevor er zu seiner eigenen Party nach Berlin Mitte ins "Cookies" fährt. Dort sind schon Nora Tschirner, Herbert Knaup und Sänger Sascha am feiern. Und Fatih Akin. Zwei zahme Rebellen machen sich den Titel des Gewinner-Films zum Motto und feiern - "Auf der anderen Seite".