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Ursachen der Explosion Wie die Fracht eines maroden Schiffs nach Jahren die Katastrophe von Beirut auslöste

Sehen Sie im Video: Luftaufnahmen über Hafen in Beirut – so sieht es nach der Explosion im Hafen aus.


Verheerende Aufnahmen aus Beirut:


Diese Bilder aus der Luft zeigen die libanesische Hauptstadt am Tag nach der Explosion.


Das Hafengelände ist fast völlig zerstört.


Am Dienstagabend erschüttert eine riesige Explosion weite Teile der Stadt.


Dabei kommen mehr als hundert Menschen ums Leben, Tausende werden verletzt.


Retter suchen am Tag nach der Detonation nach Überlebenden.


Die Ursache für die Explosion ist noch unklar.


Viele Hinweise deuten auf die Entzündung einer großen Menge an Ammoniumnitrat hin.


Nach offiziellen Angaben waren seit mehreren Jahren 2750 Tonnen davon im Hafen gelagert.


Die Explosion soll bis nach Zypern zu spüren gewesen sein.
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Die Fahrt der "Rhosus" stand von vornherein unter einem schlechten Stern. Der von einem russischen Geschäftsmann gecharterte marode Frachter sollte vor gut sechs Jahren Ammoniumnitrat nach Mosambik bringen. Er kam nur bis Beirut.

Als Boris Prokoschew die Nachrichten aus Beirut erreichten, muss es ihm eiskalt den Rücken hinuntergelaufen sein. Nach und nach wurde ihm bewusst, was die furchtbare Katastrophe ausgelöst hatte, die mindestens 135 Menschen tötete, 5000 verletzte und rund 300.000 obdachlos machte. Es muss die alte Fracht von einem seiner Schiffe gewesen sein, der "Rhosus", die vor mehr als sechs Jahren in Beirut anlegte und den Hafen nie mehr verließ. "Ich war entsetzt", gestand der 70-jährige frühere Kapitän der "New York Times".

Die US-Zeitung erreichte Prokoschew in Sotschi am Schwarzen Meer per Telefon. Dort, am Schwarzen Meer, in der georgischen Hafenstadt Batumi, hat nach allem, was man bisher weiß, das Verhängnis seinen Anfang genommen. Mit einer Fracht von 2750 Tonnen Ammoniumnitrat, die an Bord der "Rhosus" 2013 auf die Reise ging und die nie dort ankam, wo sie eigentlich hin sollte - nach Mosambik, wo ein Sprengstoffhersteller schon auf seine eine Million Dollar teure Ware wartete.

"Rhosus" legt im November 2013 in Beirut an

Laut der Webseite "Marine Traffic" legte die unter der Flagge Moldaus fahrende "Rhosus" vielmehr am 20. November 2013 in Beirut an. Geplant war der Stopp ursprünglich nicht, doch der russische Geschäftsmann Igor Gretschuschkin, der den Frachter seinerzeit gechartert hatte, steckte in finanziellen Schwierigkeiten und konnte die anstehende Passage durch den Suez-Kanal nicht bezahlen. Davon unterrichtete er den zwischenzeitlich in der Türkei an Bord gekommenen Kapitän Prokoschew telefonisch. Gretschuschkin, der seinerzeit von Zypern aus agierte, wollte zusätzliches Geld verdienen, indem er die "Rhosus" in der libanesischen Hauptstadt eine Ladung schwerer Maschinen an Bord nehmen lassen wollte. Doch da spielten die Hafenbehörden nicht mit.

Es war klar geworden, dass die Maschinen gar nicht auf das Schiff passen würden. Außerdem: Der Kahn sei schon 30 oder 40 Jahre alt gewesen, so Prokoschew zur "New York Times", und das Schiff habe alles andere als einen guten Eindruck gemacht. Die libanesischen Behörden betrachteten den Frachter schlicht als nicht seetauglich, schon gar nicht als geeignet dafür, eine heikle Fracht wie tonnenweise Ammoniumnitrat zu transportieren. Kaum eine falsche Einschätzung: Schon während der Passage nach Beirut hatte die genervte Mannschaft damit zu kämpfen, dass die "Rhosus" ein Leck im Rumpf hatte und ständig Wasser abgepumpt werden musste, berichtete Prokoschew. Später soll das beschädigte Schiff im Hafen sogar gesunken sein. "Marine Traffic" weist als aktuellen Standort der "Rhosus" immer noch Beirut aus.

Mit dem inzwischen gesunkenen Frachter "Rhosus" (hier 2010 vor Istanbul) soll vor mehr als sechs Jahren das Ammoniumnitrat nach Beirut gekommen sein, dass zur Explosionskatastrophe vom Mittwoch führte.
Mit dem inzwischen gesunkenen Frachter "Rhosus" (hier 2010 vor Istanbul) soll vor mehr als sechs Jahren das Ammoniumnitrat nach Beirut gekommen sein, dass zur Explosionskatastrophe vom Mittwoch führte.
© Hasenpusch / DPA

Niemand fühlt sich für die "Rhosus" verantwortlich

Zudem soll Sicherheitsquellen zufolge seinerzeit eine Beschwerde gegen das russische Frachtunternehmen vorgelegen haben. Die Behörden des Landes hätten der Besatzung im November 2013 die Weiterfahrt untersagt und die Ladung beschlagnahmt, da sie als gefährlich eingestuft worden sei, sagte Igor Gretschuschkin nun der russischen Zeitung "Iswestija". Nach seiner Darstellung begründete der Libanon damals seine Entscheidung mit fehlenden Dokumenten. Weil das Schiff nicht habe weiterfahren dürfen, sei sein Geschäft lahmgelegt worden. Er habe Strafe zahlen müssen und sei deshalb bankrott gegangen, behauptete der Geschäftsmann, der jede Mit-Verantwortung für die Beiruter Katastrophe von sich weist. Wer nach seinem Bankrott für die "Rhosus" verantwortlich gewesen sei, wisse er nicht.

Den Berichten zufolge hatte nach Gretschuschkins Bankrott im Grunde niemand so recht Interesse an dem nun herrenlosen Schiff und seiner heiklen Fracht. Das bekamen zu allererst Teile der Mannschaft zu spüren. Während sechs Crew-Mitglieder schnell das Weite suchten, zwangen libanesische Beamte laut "New York Times" den Kapitän und drei ukrainische Besatzungsmitglieder an Bord zu bleiben bis Gretschuschkins Schulden beglichen seien. Wegen der libanesischen Einwanderungsgesetze hätten die Seeleute an Bord bleiben müssen, so dass sie kaum Lebensmittel und Vorräte kaufen konnten. Laut Prokoschew versorgten mitfühlende Hafenbeamte die festsitzenden Seemänner zwar mit Proviant, doch für die gefährliche Fracht interessierten sie sich nicht.

"Erwarten Sie, dass Putin Spezialeinheiten entsendet?!"

Monatelang saßen die vier Seeleute im Beiruter Hafen fest. Prokoschew erzählte der "NYT", dass er sich als russischer Staatsbürger Hilfe suchend an die russische Botschaft gewandt hatte. Dort sei er aber nur abgekanzelt worden mit Sprüchen wie: "Erwarten Sie, dass Präsident Putin Spezialeinheiten entsendet, um Sie herauszuholen?!" Verzweifelt versetzte Pokoschew nach eigenen Angaben einen Teil des Schifftreibstoffs und bezahlte damit Anwälte, die die libanesischen Behörden eindringlich darauf aufmerksam machten, dass die "Rhosus" jederzeit sinken oder wegen seiner Fracht in die Luft fliegen könne". Ein libanesischer Richter ordnete schließlich die Freilassung der Seeleute an, und Geschäftsmann Gretschuschkin tauchte unvermittelt auf, um den Männern die Heimreise in die Ukraine zu bezahlen. Das war im August 2014 - neun Monate, nachdem die "Rhosus" in Beirut angelegt hatte.

Und die Fracht? Ein Stoff, der in Deutschland unter das Sprengstoffgesetz fällt und für den es Lagervorschriften gibt, um jede Gefahr ausschließen? Die 2750 Tonnen Ammoniumnitrat wurden von Bord in ein Lagerhaus mit der Bezeichnung Hangar 12 geschafft. Und dort blieben sie liegen - bis zu dem Moment, als am vergangenen Dienstag die Katastrophe eintrat.

Zoll verfasste Schreiben, griff aber nicht durch

Warum aber hat sich in den Jahren niemand um die heikle Fracht der "Rhosus" gekümmert? Laut Riad Kobaisi, einem auf Korruptionsfälle spezialisierten libanesischen Enthüllungsjournalisten, wäre es Aufgabe der Zollbehörden gewesen, für eine sachgemäße Lagerung oder einen Abtransport des Ammoniumnitrats zu sorgen. Es sei grundsätzlich verboten, solche Chemikalien ohne Genehmigung überhaupt in den Libanon einzuführen. Der Zoll versuche nun jedoch, jegliche Verantwortung von sich zu weisen. Für Kobaisi zeigt der Fall das Ausmaß der Korruption innerhalb des Zolls, der die Haupt-, aber nicht die ausschließliche Verantwortung für die Tragödie trage.

Nicht nur dem Zoll auch den Hafenbehörden und Sicherheitsdiensten war bewusst, dass gefährliche Chemikalien im Hafen gelagert wurden. Hochrangige Zollbeamte bemühten sich laut den öffentlichen Aufzeichnungen des Parlamentsabgeordneten Salim Aoun, auf die sich die "New York Times" bezieht, aber zumindest von Zeit zu Zeit, eine Lösung zu finden. Zwischen 2014 und 2017 schrieben sie sechs Mal an libanesische Gerichte und baten um Rat, wie das Ammoniumnitrat, dessen Besitzverhältnisse ungeklärt waren, entsorgt werden könne. Nach den Explosionen vom Dienstag veröffentlichte Zolldirektor Badri Daher einen auf Dezember 2017 datierten Brief, in dem er die Staatsanwaltschaft bat, das weiße, geruchlose Salz entweder ins Ausland zu verlagern oder es an ein örtliches Unternehmen zu verkaufen. Die Zöllner machten auch den Vorschlag, die Chemikalie der Armee zu spenden oder an eine private libanesische Sprengstoffgesellschaft zu verkaufen.

Beirut: Jahrelang auf einem Pulverfass

Die Justiz, so Zolldirektor Marei, habe auf keine seiner Anfragen geantwortet. So geschah nichts und die Einwohner von Beirut saßen, ohne es zu wissen, jahrelang buchstäblich auf einem Pulverfass. Geschäftsmann Gretschuschkin, die libanesischen Behörden und auch die Republik Moldau, unter deren Flagge die "Rhosus" fuhr, zeigen allesamt mit dem Finger auf andere. 

Die Regierung des Libanon forderte am Mittwoch die Verhängung von Hausarrest für die Verantwortlichen der heruntergekommenen Lagerhalle, in der nach vorläufigen Erkenntnissen das Feuer ausbrach, das zur Explosion führte. Zurück bleiben die Menschen von Beirut mit ihrer Wut auf die staatlichen Stellen, ihrer Trauer um die Toten und dem Entsetzen über ihre weithin zerstörte Stadt. Warum haben die libanesischen Behörden das Ammoniumnitrat im Hafen gelassen, statt es auf ihren Feldern zu verstreuen, fragte in der "New York Times" der "Rhosus"-Kapitän Prokoschew. "Sie hätten sehr gute Ernten anstatt einer großen Explosion haben können."

Quellen "New York Times"; Nachrichtenagentur AFP, Nachrichtenagentur DPA


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