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Sechstgrößte Stadt Indiens: Kampf um den letzten Tropfen – Chennai geht das Wasser aus

Sie stehen stundenlang in sengender Hitze an, um Trinkwasser zu holen: Millionen Einwohner Chennais sitzen derzeit auf dem Trockenen. Experten sprechen von der schlimmsten Wasserkrise aller Zeiten - und Chennai dürfte erst der Anfang sein.

Zwei Männer stehen an einem Wasserloch, um Trinkwasser abzufüllen.

Zwei Männer stehen an einem Wasserloch, um Trinkwasser abzufüllen. Es ist das letzte Überbleibsel eines eigentlich großen Sees.

AFP

Die Situation ist verheerend: Die sechstgrößte Stadt Indiens, Chennai, steht kurz vor dem Dürre-Kollaps. Seit Wochen hat es nicht geregnet, die Wasservorräte der Stadt sind fast komplett erschöpft. 4,6 Millionen Menschen wohnen in der Metropole im indischen Gliedstaat Tamil Nadu; im Großraum Chennai noch einmal genauso viele. 

Die Region bezieht ihr Trinkwasser normalerweise über vier Reservoirs – diese sind jedoch fast gänzlich ausgetrocknet. Schuld daran sind mehrere Faktoren.

Fehlende Niederschläge

Einwohner in Chennai versuchen, an einer Ausgabestelle noch Wasser abzuzapfen. Die meisten Wasserhähne der Stadt sind bereits ausgetrocknet.

Einwohner in Chennai versuchen, an einer Ausgabestelle noch Wasser abzuzapfen. Die meisten Wasserhähne der Stadt sind bereits ausgetrocknet.

AFP

Das Wetter und damit auch der Niederschlag in Chennai werden maßgeblich durch den Monsun beeinflusst. Im Gegensatz zum überwiegenden Rest des Landes hängt die Hauptregenzeit vom sogenannten Nordostmonsun ab, der von Oktober bis Dezember starke Regenfälle bringt und damit auch die Wasservorräte der Stadt auffüllt. In diesen drei Monaten fällt normalerweise mehr als die Hälfte des kompletten Jahres-Niederschlags. Eine zweite, etwas kürzere Regenzeit gibt es zwischen Juli und September – die Niederschlagsmengen fallen hier aber deutlich geringer aus. In den übrigen Monaten regnet es extrem wenig bis gar nicht. Der letzte ergiebige Regen in Chennai fiel im Dezember 2018. 

Das Problem: Der letzte Wintermonsun in der Region Chennai fiel extrem spärlich aus. Bis Jahresende waren nur 46 Prozent der üblichen Regenmengen gefallen. Experten rechnen damit, dass diese Entwicklung sich fortsetzen dürfte.

Extreme Temperaturen

Der Durchschnittswert für die Temperaturen zu dieser Jahreszeit liegt bei etwa 32 Grad. Seit Wochen werden in der Region jedoch deutlich höhere Werte gemessen. Im Mai kletterte das Thermometer an mehreren Tagen sogar auf 42 Grad. 

Die hohen Temperaturen führen dazu, dass die ohnehin schon heftige Trockenheit im Land noch verstärkt wird. Staatspräsident Ram Nath Kovind beklagte kürzlich, dies sei wohl auf die Folgen der Erderwärmung zurückzuführen.

Das Grundwasser schwindet

An der prekären Lage sind aber nicht nur Umwelteinflüsse Schuld. In ganz Indien gibt es eine Grundwasserkrise: Eine von der Regierung in Auftrag gegebene Studie des Thinktanks "Niti Aayog" kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass der Grundwasserspiegel bei 54 Prozent der Brunnen im Land in den letzten Jahren massiv abgesunken ist. Schuld daran ist vor allem die unkontrollierte Entnahme für Bewässerungsanlangen. 

Hinzu kommt: In vielen Staaten gibt es keine oder kaum Anstrengungen, die Entnahme von Grundwasser zu regulieren oder dafür zu sorgen, den Wasserspiegel wieder anzuheben. 

Teiche und Seen werden zugeschüttet

Indische Männer stehen an einer Ausgabestelle an, um Wasser in mitgebrachte Behälter abzufüllen.

Indische Männer stehen an einer Ausgabestelle an, um Wasser in mitgebrachte Behälter abzufüllen.

AFP

Staatspräsident Kovind beklagte vergangene Woche im Parlament, dass aufgrund des anhaltenden Baumbooms im Land immer mehr Wasserflächen verloren gehen. So wurden etwa Teiche und Seen zugeschüttet, um Bauland zu gewinnen.

Dadurch fehlt nicht nur bestehendes Süßwasser, sondern auch Sammelbecken für künftiges Regenwasser.

Die Folgen sind verheerend – und Chennai ist nur der Anfang

Als erste Großstadt Indiens bekommt Chennai nun die Auswirkungen des jahrzehntelangen, fehlerhaften Umgangs mit den Wasservorräten des Landes zu spüren. Seit gut zwei Wochen bleiben in den meisten Häusern der Stadt die Wasserhähne trocken. Um die rund neun Millionen Menschen im Ballungsgebiet dennoch mit Trinkwasser versorgen zu können, hat die Regierung nun Spezialzüge bestellt, die das kostbare Nass in die Region bringen sollen. Sie werden täglich zehn Millionen Liter Wasser aus dem 200 Kilometer entfernten Vellore und aus dem Veeranam-See nach Chennai schaffen, wie der Sender Republic TV kürzlich berichtete. 

Diese Satellitenbilder von aus den Jahren 2015 (l.) und 2019 zeigen den Puzhal-Stausee in Chennai vor und während der anhaltenden Dürre in der Region. 

Diese Satellitenbilder von aus den Jahren 2015 (l.) und 2019 zeigen den Puzhal-Stausee in Chennai vor und während der anhaltenden Dürre in der Region. 

DPA

Bereits in den vergangenen Tagen hatten viele Einwohner stundenlang mit Kanistern Schlange gestanden, um mit Wasser aus Tanks der Regierung versorgt zu werden. Wie die lokale Zeitung "Indian Express" berichtet, kam es an vielen Ausgabestellen zu Streitereien und Handgreiflichkeiten unter Wartenden. Es sollen außerdem bereits Tankwagen gekapert und entführt worden sein. 

Das ausgegebene Wasser reicht den meisten Menschen gerade so zum Trinken und Kochen. An Waschen ist derzeit oft nicht zu denken – es drohen besorgniserregende hygienische Zustände. Schulen und Restaurants mussten aufgrund des Wassermangels schließen. Bauern beklagen massive Ernteausfälle. Verheerend ist die Situation auch in Krankenhäusern: Einem CNN-Bericht zufolge fehlt in manchen Kliniken sogar das Wasser, um medizinisches Equipment zu reinigen. 

Durst, Ernteausfälle, Krankheiten: Die Lage in der Region am Golf von Bengalen dürfte nur ein Vorgeschmack auf das sein, was vielen indischen Städten in Zukunft droht. Dem Niti-Bericht zufolge erlebt das Land derzeit die schlimmste Wasserkrise aller Zeiten. Rund 600 Millionen Menschen leiden unter großer bis extremer Knappheit, rund 200.000 Menschen sterben pro Jahr an den Folgen einer unzureichenden Wasserversorgung.

Und die Situation wird sich in den kommenden Jahren verschlimmern: Bis 2030 wird dem Bericht zufolge der Wasserbedarf etwa doppelt so hoch sein wie die verfügbaren Ressourcen. 20 größeren Städte in Indien könnte das Wasser  – genau wie jetzt in Chennai – bis 2020 ganz ausgehen. Davon wären rund 100 Millionen Menschen betroffen.

Regierung richtet Ministerium gegen Wassermangel ein

Ein Mann läuft über Fischkadaver. Die Tiere sind verendet, weil der See, in dem sie lebten, ausgetrocknet ist.

Ein Mann läuft in der Nähe von Chennai über Fischkadaver. Die Tiere sind verendet, weil der See, in dem sie lebten, ausgetrocknet ist.

AFP

Angesichts der prekären Lage hat die indische Regierung nun ein neues Ministerium für Wasserkraft eingerichtet. "Wir müssen Wasservorräte für unsere Kinder und künftige Generationen bewahren", sagte Staatspräsident Kovind bei einer Parlamentsansprache in Neu Delhi. Das neue Ministerium sei ein entscheidender Schritt in diese Richtung, so Kovind. Es soll unter anderem das Ziel umsetzen, bis 2024 alle Haushalte des Landes mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern mit sauberem Trinkwasser zu versorgen.

Indes machen Meteorologen der Region ein wenig Hoffnung: Für die nächsten Tage sind moderate Regenfälle angekündigt. Ob sie die Situation entspannen können, ist jedoch fraglich.

Quellen: Schwacher Wintermonsun 2018, NITI-Bericht (Kurzversion), NITI-Bericht (Langversion)Bericht im Indian Express, CNN-Bericht

DPA