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Menino Chorão: Die Unbeugsamen: Wie Frauen in einer Favela die Macht übernehmen

Männer haben sie erniedrigt, verprügelt, vergewaltigt. Irgendwann beschloss Dona Carmen, sich zu wehren. Gemeinsam mit anderen Frauen schlägt sie zurück.

In der Favela Menino Chorão haben Frauen die Macht übernommen, angeführt von Dona Carmen (weißes T-Shirt)

In der Favela Menino Chorão haben Frauen, angeführt von Dona Carmen (weißes T-Shirt), Männergewalt mit Frauengewalt bekämpft und ein Matriarchat geschaffen

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Wie lebst du nur damit, wenn du dein erstes Kind durch Meningitis verlierst und ein weiteres bei einem Stromschlag und ein drittes durch Denguefieber und die Zwillinge im Bauch nach den Schlägen und Tritten deines eigenen Mannes?

"Kämpfen!", sagt Maria do Carmo.

Aber wie lebst du weiter, wenn dieser Mann auch noch versucht, dich zu ermorden, drei Mal, und du fliehen musst, 3000 Kilometer nach São Paulo, und dich dort als Prostituierte durchschlägst für deine überlebenden vier Kinder, bis dich schließlich ein weiterer Mann attackiert?

"Weiterkämpfen!", sagt Maria do Carmo.

Aber wie, wenn du auch vor diesem gewalttätigen Mann fliehen musst, weitere 100 Kilometer in eine Favela am Rand der Stadt Campinas, ohne Geld und Habe, und die Männer auch dort wieder die Frauen schlagen?

"Nicht mehr fliehen. Aber kämpfen. Immer kämpfen!", sagt Maria do Carmo und zeigt auf die Mittel ihres Kampfes: eine Trillerpfeife, ein Megafon, einen Holzknüppel, ein Seil, ein Messer.

Eine fast märchenhafte Erfolgsgeschichte

Es ist Mitte Juni, ein ruhiger Sonntagmittag in Menino Chorão, jener Armensiedlung im Bundesstaat São Paulo, die Maria do Carmo mit anderen Frauen nach ihrer letzten Flucht vor zehn Jahren gründete. Ruhe ist so etwas wie die beste Nachricht in den Favelas Brasiliens, wo derzeit wieder viele Kriege toben. Keine Schüsse sind zu hören, keine Schreie, keine Sirenen, nur das Rauschen der Autobahn und des Flughafens, zwischen denen der Slum auf einem roten Erdhügel liegt.

Die Machete in ihren Händen soll Furcht einflößen. Wer sich mit Dona Carmen anlegt, riskiert viel.

Die Machete in ihren Händen soll Furcht einflößen. Wer sich mit Dona Carmen anlegt, riskiert viel. Das wissen auch die Drogendealer

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Genau genommen ist es schon seit einiger Zeit ruhig, eine fast märchenhafte Erfolgsgeschichte. Nicht nur gibt es keine Gewalt gegen Frauen mehr in dieser Favela, es gibt überhaupt keine Gewalt, auch keine Drogenkriege, ja nicht mal Drogenhandel.

Sogar die Banden im Nachbarviertel Jardim Colômbia lassen die Finger von Menino Chorão. Die Universität von Campinas beschäftigt sich auf Symposien mit dem Erfolg. Und andere Favelas in Brasilien laden Maria do Carmo inzwischen als Rednerin ein, wollen ihre Erfolgsformel kennenlernen in Zeiten von #MeToo und mehr als 1000 Feminicídios pro Jahr in Brasilien, Morden an Frauen.

"Erfolgsformel?", fragt sie. "Kämpfen. Sich wehren. Zurückschlagen. Gemeinsam mit vielen Frauen. Auch mit Waffen. Mit Sex-Boykott. Mit Härte. Das habe ich gelernt in all den Jahren des Leidens."

Maria do Carmo Pereira de Sousa, 49, ist eine kleine kräftige Frau mit einem lauten herzlichen Lachen und trockenem Humor, der nicht selten harte, durchaus männerfeindliche Sprüche produziert. Ihr fehlen ein paar Vorderzähne nach den Schlägen von Männern, und auf Körper und Seele trägt sie so manche Narbe, "aber für Selbstbeschau habe ich keine Zeit".

Furchtlose Frauen aus der Unterschicht

Dona Carmen, wie sie genannt wird, ist die vielleicht beeindruckendste von vielen Heldinnen, auf die ich in den Jahren als Lateinamerika-Korrespondent stieß. Unter ihnen sind so mutige Frauen wie Elena de Paz, eine fünffache Mutter, Maya vom Volk der Ixil, die ihre Eltern im Genozid verlor und gegen den ehemaligen Diktator Guatemalas, Ríos Montt, vor Gericht zog. Oder Alika Kinan, eine Zwangsprostituierte und Mutter von sechs Kindern, die den Staat Argentinien wegen Komplizenschaft verklagte und den Prozess gewann. Oder Teodora Vásquez, die wegen einer vermeintlichen Abtreibung in El Salvador zu 30 Jahren Haft verurteilt wurde und heute anderen zu Unrecht verurteilten Frauen hilft, wieder ins Leben zu finden.

Sie alle sind furchtlose Frauen aus der Unterschicht, nicht selten Analphabetinnen, die alle ein Bundesverdienstkreuz verdient hätten, aber ihre Geschichten schaffen es nur selten hinaus in die Welt.

Die 39-jährige Landeci bei einem Gang durch die Favela, die früher zu den gewalttätigsten des Landes zählte

Die 39-jährige Landeci bei einem Gang durch die Favela, in der sie seit zehn Jahren lebt und die früher zu den gewalttätigsten des Landes zählte

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Ich traf Maria do Carmo zum ersten Mal vor fünf Jahren in ihrer armseligen fensterlosen Hütte, die aus nicht viel mehr als Backsteinwänden und einem Boden aus Lehm besteht. Es war das erste von vielen Treffen in den folgenden Jahren in einer Geschichte, die nie zu enden schien, roh und brachial, aber gleichzeitig lehrreich und ermutigend – eine Allegorie auf dieses so komplexe Land.

Damals lag hinter Menino Chorão eine Epidemie fast täglicher Gewalt gegen Frauen, die in einem besonders furchtbaren Fall gipfelte: Es war eine Nacht im März, etwa zwei Uhr, als Maria do Carmo wieder mal die Schreie ihrer schwangeren Nachbarin Patricia hörte. Deren Mann verprügelte sie regelmäßig im Suff und hatte ihr einmal sogar den Kiefer gebrochen. Carmo rief die Polizei, aber die kam wie immer nicht, weil es angeblich dringlichere Einsätze gab.

In dieser Nacht reichte es Dona Carmen. Sie weckte zwei Nachbarinnen, gemeinsam stürmten sie mit Knüppeln in der Hand das Haus, gerade in dem Moment, als der Mann Patricias Gesicht auf eine heiße Herdplatte drückte.

"Wird eine Frau bedroht, schlage ich mit aller Macht zu"

Die drei Frauen verprügelten den Mann mit Knüppeln und Fäusten, Maria do Carmo bedrohte ihn zudem mit einem Messer. Dann brachten sie Patricia ins Krankenhaus und legten Geld zusammen, damit sie sich eine Busfahrkarte zurück in ihre Heimat kaufen konnte.

"Plötzlich wussten wir: Das ist jetzt unsere Lösung", sagt do Carmo.

Wie sieht die aus?

"Wir müssen Stärke zeigen. Wir brauchen eine schnelle Eingreiftruppe."

Von Frauen?

"Nur Frauen. 30 haben sofort mitgemacht. Jede bekam eine Trillerpfeife, damit wir uns gegenseitig alarmieren können. Und wer wollte, einen Knüppel. Und so ziehen wir nun bei jedem Vorfall los und verprügeln den Täter."

Warum verprügeln?

"Damit er es spürt. Oft halten wir den Täter fest und lassen die betroffene Frau selber zuschlagen."

Er wehrt sich nicht?

"Er hat keine Chance. Wir sind zu viele."

Per Megafon ruft die Matriarchin die anderen Frauen von Menino Chorão zusammen

Per Megafon ruft die Matriarchin die anderen Frauen von Menino Chorão zusammen. Es gibt immer etwas zu diskutieren, zu entscheiden

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Wie viel Überwindung kostet es, mit Knüppeln auf einen Menschen einzuschlagen?

"Wird eine Frau bedroht, schlage ich mit aller Macht zu. Da sind alle Hemmungen weg. Ich habe es oft genug selber zu spüren bekommen. Schauen Sie sich meine Narben an", sagt sie und zeigt auf die Verletzungen am ganzen Körper.

Das ist Selbstjustiz.

"Es ist das, was hilft. Der Täter muss spüren, was er anrichtet."

Er wird später irgendwann zurückschlagen und sich rächen.

"Das macht er nicht, weil er weiß, was ihm dann erst blüht."

Gewalt als Lösung ist schwer zu akzeptieren.

"Es ist Notwehr. Wenn einer deine Frau angreift, würdest du doch auch zuschlagen."

Wahrscheinlich ja.

"Siehst du."

Unsere Gespräche kreisten am Anfang oft um dieses Thema: Lässt sich Gewalt mit Gegengewalt bekämpfen? Frieden schaffen mit Waffen? Auf meine Skepsis reagierte sie mit Unverständnis. Wenn der Staat seiner Aufgabe nicht nachkommt, Gewalt gegen Frauen zu verhindern, müssten es die Frauen eben selbst tun.

Die 49-jährige Lucia (l.) hat Dona Carmen von Anfang an unterstützt. Sie sind Veteraninnen im Kampf gegen Männergewalt

Die 49-jährige Lucia (l.) hat Dona Carmen von Anfang an unterstützt. Sie sind Veteraninnen im Kampf gegen Männergewalt

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Es war ein Konzept, das unrealistisch und naiv erschien in einem Land mit inzwischen 65.000 Morden pro Jahr, der Einschüchterungen und Straflosigkeit, der ungesühnten Morde an Frauen, Umweltaktivisten, Homosexuellen, Journalisten. Das Konzept war zudem spontan entstanden, aus der Not – und nicht als Folge eines rationalen, erforschten Prozesses. Doch das ist, wie ich schnell merkte, eine sehr europäische, an Orten wie Menino Chorão eher deplatzierte Haltung.

Die große Frage aber war: Kann das funktionieren, auch über einen langen Zeitraum? In der Essenz bedeutet es: Frauen bekämpfen Männergewalt mit Frauengewalt.

Maria do Carmo wird zur inoffiziellen Bürgermeisterin

Beim nächsten Besuch war das System der Maria do Carmo schon ausgefeilter. Die Gruppe der Frauen war auf über 100 angewachsen. Ihre bis dahin etwa 20 Einsätze waren erfolgreich verlaufen. Sie hatten die Küchenhilfe Atessia, Mutter dreier Kinder, aus häuslicher Gewalt befreit und auch Lucia, deren Mann ihr ein paar Zähne ausgeschlagen hatte.

Sie waren jetzt eine Bürgerwehr.

Wiederholungstäter, so beschlossen sie, müssen den Ort verlassen. Wenn die Frau beim Täter bleiben will, muss auch sie gehen. "15 Männer wurden bisher verwiesen", sagte Maria do Carmo, inzwischen die inoffizielle Bürgermeisterin.

Hinzugekommen war ein rigides Strafsystem, das einen Namen bekam: "Disciplina", die Disziplinierung. "Erst hieß es Domestizierung, aber das lehnten die Männer ab. Es klang ihnen zu sehr nach Hunde-Domestizierung." Die Frauen hatten es bei ihren wöchentlichen Treffen ausgearbeitet. Es sieht vor, dass die Männer nach der Gewalttat an einen Baum gebunden werden, bis sie ausgenüchtert sind. So ist für alle sichtbar: Das ist der Täter. Der Frauenschänder. Er ist besiegt. Und hilflos.

Als Strafe folgen zwei bis vier Wochen ohne Sex, ohne Kneipenbesuch, kein Alkohol, kein Fußball – vier Wochen, in denen sich der Täter die Sprüche der anderen Männer anhören muss. Eine öffentliche Demütigung im machistisch geprägten Brasilien. Eine Entmannung.

"Danach wird er nur selten rückfällig", sagt Maria do Carmo.

Eine Fläche zum Toben. Auch sie wird bewacht von Dona Carmens Frauen- Sicherheitsteam

Eine Fläche zum Toben. Auch sie wird bewacht von Dona Carmens Frauen- Sicherheitsteam

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In der Essenz waren die Frauen nun nicht nur die Polizei von Menino Chorão. Sie bildeten die Justiz. Die Armee. Den Gemeinderat.

Sie waren der Staat im Staat.

Beim nächsten Besuch ließen sie mich an einer ihrer Sitzungen teilnehmen. Die Frauen im Alter von 18 bis 50 saßen auf wackligen Stühlen im Hinterhof von Carmos Hütte, der eher einer Müllhalde glich. Am Baum hing ein Sandsack, um das Schlagen zu trainieren. In einer Bretterbude war eine Art Bibliothek eingerichtet, wo auch ihre selbst geschriebene Verfassung aushing.

Auf den Staat im Staat angesprochen, sagten sie:

"Den Staat gibt es hier nicht. Hierher kommt keine Polizei, kein Krankenwagen, es gibt keine Straßenbeleuchtung."

Aber so entsteht ein Parallelsystem – ein willkürliches zudem.

"Mag sein. Für uns funktioniert es besser als das, was wir hatten."

Und wer schafft die Regeln?

"Wir Frauen. Jeder ist eingeladen. Aber es kommen nur Frauen."

Ein Matriarchat also?

"Ja. Frauen regieren. Wir sind eine Gemeinschaft von Feministinnen. Seitdem herrscht Frieden."

Ich fragte, ob ich einen der Täter sprechen dürfte.

Da sagte do Carmo: "Klar. Meinen eigenen Freund."

Regina ist 33 und ebenfalls dafür verantwortlich, dass es ruhig bleibt in Menino Chorão

Regina ist 33 und ebenfalls dafür verantwortlich, dass es ruhig bleibt in Menino Chorão

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Ihr Partner Nascimento empfing mich mit Argwohn. Er saß vor seiner Hütte mit einem Spaten in der Hand, ein stämmiger Mann mit dichten dunklen Locken. Das Thema häusliche Gewalt war ihm unangenehm. Er hatte Carmo selbst angegriffen, unter Drogeneinfluss, wie er einräumte. Sie brach ihm daraufhin den Arm, getrieben von einer unbändigen Wut, die sie seit den Mordanschlägen ihres Mannes in sich trägt.

Kleinlaut gab Nascimento alles zu. Er sagte, dass er geläutert sei, dass er zwar unter der Disciplina gelitten habe, die Strafe aber gerecht finde. "Ich bin froh, nicht im Gefängnis gelandet zu sein. Die Disciplina ist die bessere Strafe."

Beim nächsten Besuch war er nicht mehr da. Wenige Monate zuvor hatte Carmo ihn rausgeschmissen. Nicht weil er sie wieder angegriffen hatte, sondern weil er sein Drogenproblem nicht in den Griff bekommen hatte.

"Wir Frauen haben null Toleranz gegenüber Drogen bei uns im Viertel. "Nimmst du Drogen, bist du draußen", sagte sie apodiktisch.

Wie realistisch ist das? An einem Ort, wo gleich nebenan die Drogenbosse regieren und nicht der Staat?

Gangleader respektieren das Modell in Menino Chorão

In Jardim Colômbia herrscht eines der großen Drogenkartelle des Landes. Es hat seine eigenen Spitzel und Wachen. Es toleriert im eigenen Viertel keine Gewalt und spricht bei Verstößen drakonische Strafen aus, im Fall von Diebstahl etwa: Schüsse in die Hand. Es besticht die Polizei.

Als die Gangleader vom Matriarchat der Maria do Carmo erfuhren, bedrohten sie sie zunächst. Es entstand eine äußerst heikle Situation. Nicht wenige Aktivisten Brasiliens, die von Kartellen oder Milizen als Störenfriede eingestuft werden, verschwinden spurlos oder werden ermordet. Aber die anderen Frauen stellten sich schützend vor do Carmo, umgaben sie jedes Mal wie eine Privat­armee. "Irgendwann sammelte ich all meinen Mut und erklärte der Gang unser Konzept gegen Gewalt; sie haben sicher auch Mütter und Schwestern, die sie beschützen wollen", sagte Dona Carmen. "Da ließen sie uns machen. Im Prinzip wollen sie nur Ruhe."

Alltag auf allerkleinstem Raum. Der ist zugleich Wäschekammer, Videospielzimmer, Garage

Alltag auf allerkleinstem Raum. Der ist zugleich Wäschekammer, Videospielzimmer, Garage. Die Enge birgt immer mal Anlass zu Konflikten

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Ein persönliches Gespräch mit den Gangleadern kam nicht zustande. Nur die Antworten auf meine Fragen wurden übermittelt: Der Drogenboss respektiere das Modell in Menino Chorão. Er habe einige der Strafmaßnahmen für Gewalttäter sogar übernommen. Wer Frauen schlägt, wird des Viertels verwiesen.

Akzeptiert er auch, dass in Menino Chorão der Drogenhandel verboten ist?

Auch das, ließ er gönnerhaft ausrichten. Das sei die Entscheidung der Frauen.

"Ich tausche mich manchmal mit ihm aus", sagt Dona Carmen. "Er respektiert Stärke."

Auf fast bizarre Weise haben die feministische Bürgermeisterin und der eiskalte Drogenboss Gemeinsamkeiten. Ein gewisser Hang zum Autoritarismus. Ein effektives, wenngleich willkürliches Regierungsmodell.

Doch das eine dient dem Profit.

Das andere dem Frieden.

Die eigentliche Heldentat der Maria do Carmo ist diese: Nicht nur gibt es in Menino Chorão keine Drogen und Gewalt. Es gibt auch keine Spitzel, keine Kinder, die dem Kartell als Späher dienen, keine Kriege, keine Exekutionen – das ganze System, das der Drogenhandel mit sich bringt.

Das Undenkbare schien eingetreten zu sein: In einer der ärmsten Favelas Brasiliens herrscht Frieden.

Ein feministischer Ort ist entstanden

Auf eine gewisse Art sind die Frauen um Maria do Carmo Pionierinnen – nicht so anders als im Wilden Westen. Sie fliehen vor der Not und suchen sich ein Stück Land. Sie bauen dort provisorische Holzhütten und bessern diese mit der Zeit nach, mit Ziegelsteinen und Blechdächern. Sie entwickeln aus dem Nichts ein Dorf. Eine Bürgerwehr. Ein Manifest. Ein Regelsystem. Ein Gremium, um für ihre Rechte zu kämpfen.

So ist – ohne Studium, ohne Vorbild, ohne Hilfe – ein feministischer Ort entstanden. Ein Matriarchat.

Mittlerweile sind immer mehr Frauen hergezogen. Sie haben vom Frieden gehört. Sie arbeiten tagsüber als Putzfrauen und Hausangestellte, für den Mindestlohn von 1000 Reais, 225 Euro, und können sich eine Miete andernorts nicht leisten. So ist Menino Chorão auf heute fast 400 Familien angewachsen, 2000 Einwohner.

Dass Großmütter, Mütter und Enkelinnen hier sicher sind vor Übergriffen der Männer, ist wie ein Wunder

Dass Großmütter, Mütter und Enkelinnen hier sicher sind vor Übergriffen der Männer, ist wie ein Wunder

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Beim nächsten Besuch, inzwischen 2018, tobte in der Welt die Debatte um die #MeToo-Bewegung. Maria do Carmo erntete gerade Tomaten. Die Frauen hatten einen Gemeinschaftsgarten geschaffen und ein Gemeindezentrum, auch wenn es nur aus einem Holzverschlag und ein paar Stühlen bestand. Es gab jetzt Wasser und Strom, und demnächst, so hofften sie, würde eine Straße aus Asphalt gebaut. Für viele Frauen hatte Maria do Carmo über die Universität Jobs besorgen können. Mitten in der schweren Wirtschaftskrise Brasiliens: Hoffnung.

Kennen Sie die #MeToo-Bewegung?, fragte ich sie.

"Ich habe davon gehört", sagte sie. "Die Schlüsse sind ähnlich: Man muss Gewalt der Männer offenlegen. Man muss Täter bloßstellen. Man muss sie bestrafen." Sie machte einen unzufriedenen Gesichtsausdruck. "Der Unterschied? Wir werden hier in den Armenvierteln vergewaltigt. Wir werden getötet. Täglich. Über Schauspielerinnen in Hollywood spricht die ganze Welt. Über Frauen in Slums spricht keiner."

Die Universität von Campinas war schon früh auf das Modell von Maria do Carmo aufmerksam geworden und hatte zwei Symposien zu häuslicher Gewalt veranstaltet, zu denen sie sie als Rednerin eingeladen hatte. Laut WHO wird auf der Welt jede dritte Frau Opfer häuslicher Gewalt, in Brasilien jede zweite. Konnte es sein, dass in einer Favela an der Autobahn eine Lösung dafür gefunden wurde?

Die 18-jährige Raquel klettert auf das Dach einer Hütte, um von hier aus ihre Beobachtungsschicht anzutreten

Ein Blick auf die Favela. Die 18-jährige Raquel klettert auf das Dach einer Hütte, um von hier aus ihre Beobachtungsschicht anzutreten. Sie gehört zu Dona Carmens Sicherheitsteam

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Der veranstaltende Professor Julio Cesar Hadler Neto empfing zum Interview in einem kleinen Saal der Uni, etwa 30 Kilometer entfernt von Menino Chorão. Ihm war ein gewisses Unbehagen anzumerken angesichts der Selbstjustiz, "aber bisher hat keine andere Methode Erfolg gehabt", sagte er. Alle 7,2 Sekunden werde in Brasilien eine Frau verprügelt oder missbraucht, in Sachen Gewalt sei Brasilien Weltmeister. Der derzeitige Präsident Jair Bolsonaro, ein stolzer Macho, sagte mal über eine Abgeordnete: "Dich würde ich nie vergewaltigen, du verdienst es nicht."

"Das Wichtige ist: Das Modell von Dona Carmen funktioniert – an einem Ort, wo es keine Justiz gibt", urteilte Hadler. "Es ist sehr kreativ und wirkungsvoll. Es müsste viel öfter kopiert werden. Die physisch schwächere Seite – die Frauen – setzt ihre Vorstellung durch, indem sie der stärkeren Seite das entzieht, was diese unbedingt will: Sex."

Ein liebenswerter Ort, nur die Armut ist geblieben

Der letzte Besuch in Menino Chorão fand vor einigen Wochen statt. Maria do Carmo und ein paar Frauen bereiteten ein Grillfest vor. Beinahe jeden Sonntag machen sie solch ein Churrasco, gemeinsam feiern sie Muttertag, Vatertag, Weihnachten – auch mit Männern. Menino Chorão ist zu einem liebenswerten Ort geworden, in dem sich die Bewohner sicher fühlen können, eine Rarität in Brasilien. Nur die Armut ist geblieben.

Inzwischen haben die Frauen Anwältinnen, die sie verteidigen, und Polizistinnen, die auf Notrufe reagieren. Die Gruppe zählt nun 120 Frauen, Maria do Carmo nennt sie "minha mulherada", meine Frauschaft.

Stolz führten einige durch die Siedlung, sie waren fröhlich, machten Witze, auch derbe, und nahmen sich in den Arm, bereitwillig erzählten sie ihre Geschichten. Jede war schon mal Opfer von Gewalt geworden. Lendeci, 39, fünf Kinder, hat gelernt, sich gegen ihren Mann frühzeitig mit der Disciplina zu verteidigen. Lucia, 49, zeigte das Messer, das sie immer bei sich trägt. Inzwischen ziehen auch ihre Söhne nachts mit, wenn es irgendwo Probleme geben sollte. Aber es gibt kaum welche.

"Zuerst hat uns der Kampf zusammengebracht", sagte Maria do Carmo. "Über den Kampf haben wir dann die Angst verloren. Und jetzt schaffen wir uns bessere Lebensbedingungen für die Gemeinschaft."

Bürgermeisterin Dona Carmen führt einen Videoclip auf dem Handy vor, der ganz offenbar für prächtige Laune sorgt

Bürgermeisterin Dona Carmen führt einen Videoclip auf dem Handy vor, der ganz offenbar für prächtige Laune sorgt

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An diesem Tag erzählte sie endlich ausführlich auch ihre eigene Geschichte, ein schier unendliches Drama. Sie war mit zwölf Jahren von zu Hause abgehauen, weil ihre Mutter trank; ihren Vater hatte sie nie kennengelernt. Sie lebte zwei Jahre als Straßenkind und dann 13 Jahre lang mit dem Vater ihrer Kinder, der sie wie sein Eigentum behandelte und erniedrigte. Sie litt immer wieder unter Depressionen, wenn eines ihrer Kinder starb, "doch ich habe es immer geschafft, genug Kraft für meine übrigen Kinder aufzubringen – zum Weiterleben".

Bei diesen Worten liefen ihr Tränen über die Wangen. Sie wischte sie schnell weg und kramte eine CD hervor. "Hier ist das Lied, Menino Chorão", sagte sie und stellte es an. "Es handelt von einem Straßenkind, das immer weitermacht. Danach habe ich unsere Favela benannt."

Nach langer Zeit des Friedens gab es vor Kurzem wieder einen Vorfall, gestand sie nun. Ein Mann, der seine Frau verdroschen hatte, wollte sich an do Carmo rächen. Er drang in ihre Hütte ein und prügelte auf sie ein, sie verlor zwei weitere Zähne. Dann schlug er die Hütte kurz und klein und zerstörte ihren Kühlschrank, für do Carmo ein Vermögen.

Zu allem Überfluss vernichtete kurz darauf ein Unwetter noch das, was mal ihr Gemeindezentrum werden sollte.

"Jetzt müssen wir von vorne anfangen", sagte sie niedergeschlagen.

Kein Happy End also?

"Nur ein kleiner Rückschlag", sagte sie entschieden.

Und jetzt?

"Weiterkämpfen."

Wenn Sie helfen wollen:

Mit Ihrer Spende unterstützt der stern Dona Carmens Organisation, die Oficina Cultural da Mulher da Comunidade Menino Chorão, beim Ausbau des Gemeindezentrums.

Stiftung stern, Stichwort Frauenschutz Brasilien,

IBAN DE20 2007 0000 0469 9500 00 

Die Geschichte von Dona Carmen ist dem neuen stern-Extra "Zeit für Helden" entnommen. Das monothematische Sonderheft beschäftigt sich mit den Menschen, die uns aktuell begeistern, provozieren und Mut machen. 134 Helden hat der stern darin versammelt, darunter Berühmtheiten wie Klimaaktivistin Greta Thunberg, "Sea Watch"-Kapitänin Carola Rackete und Udo Lindenberg. Sie sprechen über die Momente im Rampenlicht und die des Zweifels. Und sie stehen Seite an Seite mit stillen Alltagshelden, die Großes geleistet haben oder ihr gesamtes Leben in den Dienst einer guten Sache stellen.

Das Heft ist ab sofort am Kiosk erhältlich – und hier im Online-Shop.

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