Erdbeben in China Damm droht zu brechen

Nach dem schweren Erdbeben in China, bei dem mehr als 20.000 Menschen ums Leben gekommen sein sollen, droht jetzt auch noch ein Damm zu brechen. 2000 Soldaten sind abkommandiert, um die Stadt Dujiangyan vor einer neuen Katastrophe zu bewahren.

Die chinesische Regierung hat Medienberichten zufolge mehr als 2000 Soldaten in Marsch gesetzt, die einen einsturzgefährdeten Damm oberhalb der Stadt Dujiangyan in der Provinz Sichuan sichern sollen. Im Zipingku-Damm hätten sich "äußerst gefährliche" Risse gebildet, meldete die Nachrichtenagentur Xinhua. Die Soldaten sollten bei der Sicherung helfen, Wasser soll aus dem Reservoir abgelassen werden. Da die Fluttore beschädigt sind, muss ein eigener Kanal geschaffen werden, um den Wasserpegel zu senken und den Druck von der Staumauer zu nehmen.

Das Erdbeben in Sichuan hat auch die Sorge um die Sicherheit der chinesischen Atommeiler geweckt. Das chinesische Umweltministerium entsandte Inspektoren, um die Sicherheit von Atomanlagen und anderen "sensiblen Einrichtungen" zu prüfen. Zwar liegen die großen Atomkraftwerke des Landes an der Küste um die Städte Lingao, Daya Bay, Quinshan und Tianwan, und damit rund 1000 Kilometer vom Katastrophengebiet entfernt. Doch im Umkreis von 100 Kilometern um das Epizentrum befinden sich Forschungsreaktoren und Brennstab-Fabriken, wie das französische Institut für Strahlenschutz und atomare Sicherheit (IRSN) mitteilte.

Die französische Areva-Gruppe gab bekannt, dass sie einen Zulieferbetrieb im Bezirk Wechuan vorsorglich angehalten hat. Die Pumpenfabrik sei "sehr leicht beschädigt", so ein Sprecher. Areva beschäftigt in China rund 2000 Mitarbeiter. Das französische Unternehmen war am Bau von acht der insgesamt elf Reaktoren beteiligt, die in der Volksrepublik derzeit in Betrieb sind.

Trinkwasser, Nahrung und Zelte fehlen

Unterdessen wird die Suche nach Überlebenden immer mehr zum Wettlauf mit der Zeit. Tausende Soldaten, Feuerwehrleute und einfache Bürger graben in den Trümmern eingestürzter Gebäude nach Verschütteten. Die staatlichen Medien melden mittlerweile den Tod von fast 15.000 Menschen - mehr als 20.000 Tote werden befürchtet. Rund 25.000 Menschen werden noch unter den Trümmern vermisst. Einige zehntausend Menschen sind verletzt. Sie brauchen dringend ärztliche Hilfe und Medikamente. Es fehlt den Opfern des Erdbebens auch an Trinkwasser, Nahrung und Zelten. Zehntausende Obdachlose verbrachten eine zweite Nacht unter freiem Himmel.

Die Regierung schickte 50.000 Soldaten in das Katastrophengebiet, um die Suche nach Verschütteten zu beschleunigen. Das Erdbeben der Stärke 7,8 hatte am Montag in der Provinz Sichuan ganze Landstriche verwüstet.

Ministerpräsident Wen Jiabao, der in Sichuan die staatlichen Rettungsarbeiten leitet, ruft die Suchtrupps erneut zu den größten Anstrengungen auf. "Die Rettung von Menschenleben ist die wichtigste Aufgabe", sagt Wen.

Spendenkonten der Hilfsorganisationen

Diakonie Katastrophenhilfe: Konto 502 707, Postbank Stuttgart, BLZ 600 100 70 oder www.diakonie-katastrophenhilfe.de/erdbeben-china, Stichwort: "Erdbeben China"

Caritas international: Konto 202, Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe, BLZ 660 205 00 oder www.caritas-international.de, Stichwort: "Erdbeben China"

humedica e.V.: Konto 47 47, Sparkasse Kaufbeuren, BLZ 734 500.00, Stichwort: "Erdbebenhilfe China"

Deutsches Rotes Kreuz: Konto 41 41 41, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00, Stichwort: "China"

Oxfam Deutschland e. V.: Konto 13 13 13, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00, Stichwort: "Erdbeben China"

In die vorherrschende düstere Stimmung mischen sich auch Augenblicke der Freude: So sind in der Region Mianzhu, wo Tausende zu Tode gekommen sind, 500 Menschen lebend aus den Trümmern von Gebäuden geborgen worden. In der Stadt Dujiangyan grub man eine im achten Monat schwangere Frau und ihre Mutter aus ihrem eingestürzten Wohnhaus aus. "Wir sind sehr glücklich. Wir haben zwei Tage nach ihnen gerufen", sagt ein Angehöriger der beiden Frauen. "Es sind aber noch drei weitere Menschen verschüttet und geben laut."

500 Menschen lebend geborgen

Ministerpräsident Wen versichert den Überlebenden das Mitgefühl seiner Regierung. "Ihr Schmerz ist unser Schmerz", sagt der Regierungschef bei einem Besuch in der besonders hart getroffenen Region Beichuan. Auf Fernsehbildern ist der als Krisenmanager agierende Wen von Bewohnern umgeben, die zum Teil blutige Köpfe haben und sich Tränen aus den Augen wischen.

Im Kreis Beichuan werden nach einer Meldung der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua dringend 50.000 Zelte, 200.000 Decken und 300.000 Jacken benötigt. Auch dort fehlt es an Trinkwasser und Medizin. "Beichuan gibt es nicht mehr. Da ist kein Stein auf dem anderen geblieben", beschreibt ein Händler die Lage in der Region.

An die 10.000 Überlebende fanden auf einem Sportplatz in der Stadt Mianyang eine Notunterkunft. "Sie haben nicht gesagt, wie es weitergehen wird. Wir wissen nicht, ob und wann wir nach Hause können", sagt eine Frau aus einem Dorf in Beichuan, das nach ihrer Aussage zerstört wurde.

Erstmals haben Rettungstrupps mehrere Orte erreicht, die bislang von der Außenwelt abgeschnitten waren. Viele Ortschaften waren "dem Erdboden gleichgemacht", so ein hoher Offizier im Fernsehen. Nachbeben bis zu einer Stärke von 5,8 erschütterten weiter die Erdbebenregion und schreckten die verängstigten Menschen auf. Staats- und Parteichef Hu Jintao rief das Politbüro zu einer Krisensitzung zusammen. Das höchste Machtgremium entsandte noch mehr Soldaten und medizinisches Personal ins Katastrophengebiet.

Die Bundesregierung hat China Hilfe angeboten. Sie stellt dem Roten Kreuz als Soforthilfe 500.000 Euro zur Verfügung, wie das Auswärtige Amt in Berlin mitteilte. Die USA geben 500.000 Dollar. Ein mit 30 Tonnen Hilfsgütern beladenes russisches Transportflugzeug landete am Mittwoch in Sichuans Provinzhauptstadt und leitete damit die Hilfen aus dem Ausland ein.

500.000 Euro Soforthilfe aus Berlin

Angesichts der vielen Verschütteten weisen Experten darauf hin, dass der Mensch nach einer medizinischen Faustregel nur drei Tage ohne Wasser und drei Wochen ohne Essen auskommen kann. Unter Stein- und Schuttmassen begraben kann die Angst den Stoffwechsel ankurbeln und die körpereigenen Reserven noch schneller aufbrauchen. Noch gefährlicher ist die Situation für die vielen hundert Kinder, die in den Trümmern von mindestens neun eingestürzten Schulen im Erdbebengebiet begraben sind. Um zu den Opfern vorzudringen, fehlt den Bergungsmannschaften schweres Gerät.

Das Erdbeben am Montag war mit einer Stärke von 7,8 das folgenschwerste seit 32 Jahren. 1976 waren bei einem Beben in der nordostchinesischen Stadt Tangshan unweit von Peking 242 000 Menschen ums Leben gekommen. Papst Benedikt XVI. betet für die Opfer des Erdbebens in Sichuan und forderte dazu auf, die Rettungsmannschaften in ihrer Arbeit zu unterstützen.

Das katholische Kirchenoberhaupt ging in Rom am Ende der Generalaudienz auf das Leiden der von dem Beben heimgesuchten Bevölkerung in Sichuan und den angrenzenden Provinzen ein. Er sei den Menschen nahe, die durch das Erdbeben auf eine Probe gestellt würden, und hoffe darauf, dass Gott all jenen zur Seite stehen werde, die dort jetzt Katastrophenhilfe leisteten.

DPA/Reuters/AP/AFP AP DPA Reuters

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