Flugzeugabsturz in Russland Fluglotse beschuldigt Piloten


Ein Pilotenfehler könnte 88 Menschen den Tod gekostet haben: In einem Interview mit dem russischen Fernsehen hat ein Fluglotse dem Piloten der Unglücksmaschine von Perm schwere Vorwürfe gemacht. Bei der Notlandung habe dieser sämtliche Anweisungen des Towers missachtet.

Beim Absturz eines Passagierflugzeuges sind in Russland alle 88 Menschen an Bord ums Leben gekommen. Unter den Toten sei auch ein Deutscher, teilte die russische Fluggesellschaft Aeroflot am Sonntag mit. Das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte dies zunächst nicht. Mitarbeiter des deutschen Konsulats seien auf dem Weg zur Unglücksstelle, um sich ein Bild von der Lage zu machen, sagte ein Sprecher.

Die Maschine vom Typ Boeing-737-500 kam aus Moskau und stürzte kurz vor der Landung in der nahe dem Ural gelegenen Stadt Perm auf unbewohntem Gebiet ab. Eine Sprecherin von Aeroflot sagte, der Kontakt mit dem Flugzeug sei abgebrochen, als die Maschine in 1100 Metern Höhe den Flughafen ansteuerte. In einem Interview im russischen Fernsehen widersprach ein Fluglotse dieser Aussage. Er sagte, der Pilot wollte notlanden, habe aber sämtliche Anweisungen des Towers missachtet. Statt zu sinken, sei er gestiegen, statt nach links, sei er nach rechts geflogen. Dann habe der Fluglotse gefragt: "Alles normal?" - "Ja, alles normal", war die Antwort nach Aussage des Fluglotsen, ehe die Maschine abstürzte.

Trotz des Fluglotsen-Berichtes wollten die Behörden einen Anschlag an Bord nicht ausschließen. Die Ermittler gingen allen möglichen Ursachen für die Katastrophe nach, darunter auch einem Anschlag. Das sagte Aeroflot-Chef Waleri Okulow nach Angaben der Agentur Itar-Tass in Moskau. Laut Regierungsangaben starb bei dem Absturz auch der im Kaukasus äußerst umstrittene Armeegeneral und Präsidentenberater Gennadi Troschew, der während des Tschetschenien-Kriegs in den 1990er Jahren die russischen Truppen im Nordkaukasus kommandiert hatte. Troschew beriet den Kreml in der Kosakenfrage. Zudem waren hohe Funktionäre des Sambo-Sportverbandes an Bord. Der ehemalige Kremlchef Wladimir Putin ist ein erklärter Anhänger der russischen Kampfsportart Sambo (Selbstverteidigung ohne Waffe). Aus den schwelenden Trümmern der 16 Jahre alten Maschine sind bereits zwei Flugschreiber geborgen worden, mit deren Hilfe die Unglücksursache ermittelt werden soll.

Von den 82 Passagieren und sechs Besatzungsmitgliedern an Bord hat niemand überlebt. Nach Angaben von Aeroflot waren insgesamt 21 Ausländer an Bord der Unglücksmaschine, neun Aserbaidschaner, fünf Ukrainer und jeweils ein Staatsbürger Deutschlands, Frankreichs, Lettlands, Italiens, der Schweiz, der Türkei und der USA. Aeroflot versprach den Familien der Opfer finanzielle Entschädigung in Höhe von zwei Millionen Rubel (umgerechnet rund 55.000 Euro). Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin drückte dem Gouverneur von Perm sein Beileid aus. "Die Regierungskommission wird jegliche Anstrengungen unternehmen, um den Absturz zu untersuchen, damit den Familien der Toten geholfen wird", zitierte die Nachrichtenagentur RIA aus Putins Schreiben.

Durch den Aufprall der Flugzeugteile wurden am Boden Gleisanlagen sowie Elektroleitungen der Transsibirischen Eisenbahn auf etwa einem halben Kilometer Länge zerstört. Von Moskau aus startete eine Sondermaschine mit 60 Bergungskräften, Ermittlern und Psychologen, um zu dem Unglücksort zu gelangen und die Angehörigen der Opfer zu betreuen. Niemand habe den Absturz überleben können, sagte die Zivilschutz-Sprecherin Irina Andrianowa. Am Ort des Unglücks waren rund 300 Helfer im Einsatz.

Aeroflot ist die größte russische Fluglinie, die zusammen mit ihren verschiedenen Tochterfirmen jährlich nach eigenen Angaben weltweit rund zehn Millionen Passagiere befördert. Laut der russischen Statistikbehörde kamen 2007 bei 23 Flugzeugunglücken in Russland 41 Menschen ums Leben. Auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion war zuletzt am 24. August eine knapp 30 Jahre alte Maschine vom Typ Boeing 737 in der zentralasiatischen Republik Kirgistan abgestürzt. Dabei starben mindestens 65 Menschen.

Mai/Reuters/DPA DPA Reuters

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