Flugzeugkatastrophe Irkutsk "Hier stirbst Du nicht"


Die Dolmetscherin Karmen Vollmuth, 33, war an Bord des Airbus A-310, der nach einer Bruchlandung auf dem Flughafen im sibirischen Irkutsk in Flammen aufging. 131 Menschen starben, Vollmuth und 53 weitere Passagiere konnten sich retten. stern.de sprach mit der Stuttgarterin.

Wurden Sie schwer verletzt?

Nur eine leichte Rauchvergiftung und ein paar Verbrennungen. Mir ist wohl heißes Plastik auf die Arme getropft. Aber in dem Moment, als es passierte, habe ich das kaum gemerkt.

Die meisten der Opfer befanden sich vorne in der Maschine. Wo saßen Sie?

An die Sitznummer erinnere ich mich nicht. Ich bin als eine der letzten eingestiegen und habe einfach einen Platz genommen, der frei war. Irgendwo in der Mitte, gleich vor den Toiletten. Viel Auswahl hatte ich nicht. Die Maschine war fast voll.

Der Flug selbst war ruhig?

Einmal zwischendurch eine Meldung über leichte Turbulenzen, es wackelte etwas. Ich hatte den Eindruck, dass es eine sehr neue Maschine ist.

Wie haben Sie das Unglück erlebt?

Wir waren nach der Landung ziemlich schnell unterwegs. Das Flugzeug hat stark gebremst und dann eine leichte Linkskurve gemacht. Es wurde holprig, und ich dachte, na ja, das sind halt die russischen Landebahnen. Dann holperte es immer schlimmer und der Tisch vor mit fiel aus der Halterung. Ich habe mich daran festgehalten. Schließlich sind wir in irgendwas reingerast.

Sie wurden wahrscheinlich in Ihren Gurt gerissen?

Nein, überhaupt nicht. Das Flugzeug kam zum Stehen, und vorne war plötzlich überall Qualm. Jemand rief, dass wir zum Ausgang rennen sollen. Von da an habe ich nicht mehr bewusst gehandelt. Wir haben uns alle irgendwie in den Gang geworfen. Ich weiß noch, dass ich über irgendjemanden drüber gestiegen bin und jemand anderem geholfen habe. Ein Glück saß ich ziemlich nah am Notausgang. Erst ging die Tür nicht auf. Ein Mann brüllte: 'Wie öffnet man das Ding?' Der Qualm wurde so dicht, dass man bald gar nichts mehr erkennen konnte. 'Aufmachen, aufmachen!', schrieen alle durcheinander. Dann hat es der Mann doch geschafft. Ich sah einen hellen Lichtpunkt, und es kam frische Luft herein.

Angeblich soll es zwei Explosionen gegeben haben.

Ich weiß davon nur aus der Zeitung. Wenn es sie gab, war mein Adrenalin wahrscheinlich schon so hoch, dass es mir nicht aufgefallen ist. In der Maschine dachte ich, jetzt ist alles zu Ende, so fühlt es sich wohl an, wenn man erstickt. Und anderseits sagte ich mir: Hier drin stirbst du auf keinen Fall. Als sich der Notausgang endlich öffnete, sind wir auf die Tagfläche geklettert, von dort auf ein Dach gesprungen und dann auf die Straße. Das Gebäude war ziemlich hoch. Ein Mann musste mir helfen. Ich hing an der Dachrinne, er hielt meine Füße und fing mich auf.

Haben Sie viele Tote gesehen?

Von den schrecklichen Szenen, die sich vorne im Rumpf abgespielt haben müssen, habe ich nichts mitbekommen. Wir standen hinter ein paar Garagen. Ich sah nur das Leitwerk mit dem großen Sibir-Schriftzug der Airline und die Flammen. Die meisten, die sich aus dem Flugzeug retten konnten, waren ja in ganz guter Verfassung. Fast alle konnten alleine laufen, ein paar mussten gestützt werden. Zwei Leute lagen am Boden und wurden reanimiert.

Mussten Sie lange auf Hilfe warten?

Ich weiß nicht. Ich hatte das Zeitgefühl total verloren. Es fing an zu regnen, und mir wurde kalt. Jemand gab mir seine Jacke, die habe ich jetzt noch. Meine Sachen sind ja alle verbrannt. Die ersten Ärzte, die kamen, haben natürlich die Schwerstverletzen versorgt. Ich wurde mit ein paar anderen Passagieren in einem kleinen Bus ins Krankenhaus gebracht.

Wie hat Ihre Familie erfahren, was passiert ist?

Ich wollte ja eigentlich Urlaub am Baikalsee machen. Zusammen mit einer Studienfreundin aus St. Petersburg, die mit dem Zug gekommen ist. Sie hat meine Eltern benachrichtigt. Zum Glück bevor alles in Deutschland durch die Nachrichten ging. Da war der Schreck nicht so groß.

Hat die Polizei schon mit Ihnen gesprochen?

Eine Frau von der Airline war gerade da und hat ein Protokoll aufgenommen. Und bei meinen Eltern in Stuttgart rief gleich ein Anwalt an, der den Fall übernehmen will.

Wann lassen die Ärzte Sie zurück nach Deutschland fliegen?

Keine Ahnung. Ich befinde mich wahrscheinlich im Schockzustand. Was passiert ist, habe ich noch gar nicht bewusst wahrgenommen. Ich habe ein schönes Krankenzimmer mit allem was ich brauche, und meine Freundin darf im zweiten Bett übernachten. Ich bin im Augenblick einfach nur froh, dass jemand da ist, der sich um mich kümmert.

Interview: Andreas Albes

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