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Halleneinsturz in Kattowitz: Fahrlässigkeit führte zur Katastrophe

Ersten Ermittlungen zufolge ist das Dach der Kattowitzer Messehalle unter tonnenschweren Schneemassen zusammengebrochen. Die Suche nach Überlebenden wurde inzwischen eingestellt.

Beim Einsturz des Daches einer Messehalle im oberschlesischen Kattowitz sind am Samstagabend mindestens 66 Menschen ums Leben gekommen. 141 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Unter den Opfern der Katastrophe seien auch Kinder sowie Deutsche, Belgier und Tschechen, sagte ein Sprecher der Feuerwehr. Zahlreiche Opfer seien noch nicht identifiziert. Die Feuerwehr ging jedoch am Sonntagabend davon aus, dass alle Opfer des Unglücks geborgen sind und keine Leichen mehr unter den Trümmern liegen.

Nach bisherigen Angaben der Behörden ist auch ein Deutscher unter den Toten. Ein Bekannter der Familie des Verunglückten sagte der Nachrichtenagentur DPA, der Taubenzüchter aus dem oberbayerischen Altomünster sei unter den Trümmern eingeklemmt und schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht worden. Dort sei er seinen Verletzungen erlegen.

Vier weitere Deutsche seien verletzt, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes am Sonntag. Bei anderen Taubenzüchtern aus Bayern, die auf der internationalen Messe "Taube 2006" ausstellten, entschied der Zufall über Leben und Tod. "Zwei Meter neben uns wurden die Leute verschüttet. Wir haben sehr großes Glück gehabt", sagte Gerd Lörch, Taubenzüchter aus Ingolstadt. In letzter Sekunde entkam er aus der Halle. In der Hand hatte er zwei Tauben, sein Gepäck mit dem Reisegeld ließ er zurück - und bekam es nicht wieder. Die Polizei ließ ihn wissen, die Tasche sei ausgeleert unter einem parkenden Auto gefunden worden.

Notausgänge verschlossen

Andere Überlebende und Rettungskräfte aus Deutschland berichteten unterdessen von verschlossenen Notausgängen. "Die Türen waren de facto zu. Wir hatten das bereits am Freitag festgestellt, als wir aus Versehen durch eine solche Tür raus wollten. Die waren wie zugesperrt. Ob man die Türen von innen irgendwie entriegeln konnte, weiß ich nicht", sagte Wolfgang Rekowski aus Bad Berleburg in Nordrhein-Westfalen vom Unfallort. "Ob die zugesperrt waren oder durch die verschobene Statik blockiert waren, weiß ich nicht", sagte der Geschäftsführer des privaten Münchner Rettungsdienstes MKT, Robert Schmitt.

50 Zentimeter Schnee drückten das Dach nieder

Entgegen den Angaben der Kattowitzer Messegesellschaft ist außerdem das Dach der Halle wohl doch nicht von Schnee befreit worden. Nach den ersten Ermittlungen einer Sonderkommission war eine 50 Zentimeter dicke Schicht von vereistem und lockeren Schnee auf dem Dach der Halle, sagte der polnische Transportminister Jerzy Polaczek am Sonntag vor Journalisten. Nach ersten Vermutungen könnte die tonnenschwere Last der Schneedecke zum Einsturz des Daches geführt haben.

In den Räumen des Krisenstabs verhörten Mitarbeiter von Staatsanwaltschaft und Polizei am Sonntag die Verantwortlichen der Kattowitzer Messegesellschaft. Ein Sprecher des Unternehmens hatte zuvor im polnischen Fernsehen betont, das Gebäude entspreche allen Vorschriften. Auch der Schnee sei vom Dach der Halle geräumt worden. Augenzeugen dagegen berichteten, dass nur etwa ein Drittel der Schneedecke vom Dach der 150 Meter langen und 100 Meter breiten Halle entfernt worden war.

Deutsche Helfer weggeschickt

Nach Angaben bayerischer Helfer wiesen die polnischen Verantwortlichen deutsche Unterstützung zurück. Mehrere deutsche Teams wollten nun wieder abreisen, sagte Kurt Schmalwieser, Staffelleiter der Rettungshundestaffel Inntal. Bei den zwei bayerischen Teams handelt es sich um die Rettungshundestaffel Inntal aus Gars und um das privaten Münchner Rettungsteam MKT Krankentransporte. Außerdem war ein so genanntes Usar-Bergungsteam aus Nordrhein-Westfalen vor Ort.

Die Rettungshundestaffel aus Gars war laut Schmalwieser am Samstagabend nach Polen geflogen und sei gegen Mitternacht bereits einsatzbereit gewesen. Polnische Verantwortliche hätten jedoch die Hilfe abgelehnt. "Uns wurde vor Ort mitgeteilt, dass unsere Hilfe nicht benötigt werde", sagte Schmalwieser und bestätigte damit Informationen des Radiosenders "Antenne Bayern". Ein Vertreter des polnischen Außenministeriums habe die Rettungsteams dann am Sonntag offiziell informiert, dass sie nicht gebraucht würden. Der Zugang zur Halle sei zu gefährlich. "Die polnischen Bergungsteams hatten lediglich drei Suchhunde im Einsatz, die schon restlos erschöpft waren", schilderte Schmalwieser die Lage. "Außerdem war die Organisation nicht gut. Die Halle war kaum ausgeleuchtet."

Suche nach Überlebenden eingestellt

Inzwischen wurde die Suche nach Überlebenden eingestellt. Zuvor hatte man das 66. Opfer aus den Trümmern der Halle geborgen, teilte ein Sprecher der oberschlesischen Regionalverwaltung mit. Seit dem Nachmittag wurde die Zahl der Helfer verringert. Einsatzleiter Janusz Skulich hatte bereits in den Mittagsstunden betont, die Chance, noch Überlebende zu finden, sei äußerst gering.

Ehe Spezialfirmen mit schwerem Räumgerät die eingestürzte Halle demontieren, sollen am Montagmorgen Leichenhunde am Unglücksort Witterung aufnehmen. Erst danach soll das Areal planiert werden.

Erinnerungen an Bad Reichenhall

Auf der internationalen Messe "Taube 2006", die noch bis Sonntag dauern sollte, stellten nach Veranstalterangaben auch Brieftaubenzüchter aus Deutschland, Belgien, den Niederlanden und der Ukraine aus. Die Messe hat jedes Jahr mehr als 12.000 Besucher. Die eingestürzte Halle ist mit einer Länge von 150 Metern die größte auf dem Kattowitzer Messegelände.

Das Unglück erinnert an die Tragödie im oberbayerischen Bad Reichenhall am 2. Januar. Als dort das schneebedeckte Dach der Eissporthalle einbrach, kamen 15 Menschen ums Leben. In den vergangenen Tagen hatte es in Polen bereits mehrere Fälle gegeben, in denen Dächer von Supermärkten oder Einkaufszentren unter dem Druck der Schneedecke nachgaben. In diesen Fällen wurde die Gefahr jedoch rechtzeitig bemerkt, und die Gebäude konnten rechtzeitig evakuiert werden.

DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters