Hitzacker "Vor Feuer kannste weglaufen, vor Wasser nicht"


Das Wasser steigt und steigt, bei Peter Horn in der Altstadt drückt es schon durch den Küchenboden. Was tun? Wer zahlt den Schaden? Warum kam der Katastrophenalarm so spät? Ein Rundgang durch Hitzacker.
Von Lutz Kinkel

Die Fahrt nach Hitzacker ist ein Traum. In der zerfließenden Nachmittagssonne huschen Bauernhöfe, Felder und kleine Ladengeschäfte vorbei. Es riecht nach Land, die Straßen sind holprig. Die ersten Warnschilder verlieren sich in der Landschaft, ein Schlenker nach links, zurück auf die Straße, und schon geht’s weiter. Dann öffnet sich eine wunderschöne Allee, eingesäumt von hohen, alten Bäumen. Links und rechts steht das Wasser, weit in die Fläche gezogen. Unwillkürlich denkt man an das Meer, an den letzten Urlaub. Tatsächlich ist der Landstrich Katastrophengebiet: Die Elbe hat einen Pegel von mehr als 7,50 erreicht und steigt weiter. Die niedersächsischen Dörfer entlang des Ufers drohen abzusaufen, in Hitzacker sind hunderte Helfer sind im Einsatz.

Hitzacker, Adler-Apotheke, am Weinberg 8-10

: Henning Moeller, der Besitzer, kämpft seit drei Tagen ununterbrochen gegen das Wasser. Vor dem Gebäude liegt eine schmale Terrasse, dahinter ein kleiner Abhang, der zur Straße führt. Doch davon ist nichts mehr zu sehen. Stattdessen schwappt ein riesiger, bräunlicher See an die kleine Staumauer, die Moeller nach der Hochwasserkatastrophe 2002 auf der Terrasse errichten ließ. Überall dringt das Wasser durch, die Männer vom Technischen Hilfswerk (THW) jagen es mit einer Pumpe wieder in den See, der Diesel-Generator dröhnt. "Wahnsinn", stöhnt Moeller, der die Mauer in den vergangen Tagen noch um ein paar Steine erhöht hat. Bricht das Wasser irgendwo durch, wird seine Apotheke geflutet, auch die Arztpraxis im Gebäude nebenan wäre nicht mehr zu retten. Der Schaden müsste privat bezahlt werden, die Versicherung hat Moellers Vertrag schon 2002 gekündigt. Ein Boot des DLRG legt direkt vor der Apotheke an und bringt Sandsäcke vorbei. Wolfgang Ohl, erster Vorsitzender des DLRG Hitzacker, steht auf dem schwankenden Kahn und berichtet über die Situation in der bereits abgesoffenen Altstadt. "Der Strom ist abgestellt, die Häuser sind kalt, die alten Menschen müssen raus. Aber wir können niemanden zwingen." Dann tuckert er wieder los.

Altstadt, Lanke, eine Wohnstrasse: Peter Horn, 62, sitzt fassungslos zwischen Zigarettenschachteln und hochgestapeltem Mobiliar in seinem ehemaligen Büro. Vor der Haustür steht das Wasser kniehoch, sein Keller ist schon voll, in der Küche drückt es durch den Boden, es ist klamm, kalt, ein Batterie betriebenes Radio krächzt vom Fensterbrett. "Was wollen Sie hören?", erzürnt sich Horn, "Es ist eine einzige Katastrophe. Die Hitzackeraner fühlen sich vom Bürgermeister und dem Landrat im Stich gelassen." Dann bricht es in einem Monolog aus Horn heraus: Die Wasserstandsprognosen seien falsch gewesen, der Katastrophenalarm sei viel zu spät gekommen, weil keiner die Kosten für die Helfer habe übernehmen wollen. Es sei abstoßend, wie sich Bürgermeister und Landrat nun gegenseitig die Schuld zuschieben wollten. "Wir hatten das alles schon einmal 2002. Und man denkt: Das machste nie mehr wieder mit. Aber man hat nicht dazu gelernt." Dann geht er hinters Haus, wo der THW pumpt, aber es nicht klar, was wohin gepumpt wird, weil ohnehin nur noch Wasser zu sehen ist. "Da hinten sollte eine Staumauer gebaut werden. Aber die Eingaben von Naturschützern und Anwohnern haben den Bau verzögert. 2004 sollte sie fertig werden. Nun ist sie für 2008 geplant. Wenn wir nächstes Jahr wieder Hochwasser haben, geht es von vorne los." Horn hat zwei Katzen, die haben sich bereits in den ersten Stock geflüchtet. Demnächst will er das Haus verlassen. Es hat keinen Sinn mehr zu bleiben.

Altstadt, Drahwehner Torschenke: In das Fachwerkhaus, in dem die 300 Jahre alte Dorfkneipe liegt, führt ein schmaler Bretterstieg. Am Donnerstag bestand noch Hoffnung, die Kneipe zu retten, am Freitagmorgen um 6 Uhr trat das Wasser über die Terrassenmauer und flutete den Gastraum. "Das Jahr fängt schon scheiße an", sagt Carsten Gnad, ein Helfer, der resigniert im Türrahmen steht. "Vor Feuer kannste weglaufen, vor Wasser nicht." Die Besitzer der Kneipe, erzählt Gnad, haben schon 2002 eine Überschwemmung erlebt. Davon zeugt eine Bootsplanke, die im Gastraum montiert ist. Der darauf eingeritzte Wasserpegel von 7, 59 Meter am 23.8.2002 liegt bereits unter dem jetzigen Wasserstand. "Ein Jahrhunderthochwasser soll das gewesen sein", sagt Gnad mit grimmiger Ironie. Ob die Besitzer die Dorfschenke noch mal instand setzen können - niemand weiß es. Die Bierflaschen dümpeln im Wasser, Stühle und Tische stapeln sich in der Brühe, vom Zigarettenautomat ist nur noch die Hälfte zu sehen. Die Kneipe wurde "aufgegeben", wie man unter den Fluthelfern Hitzackers so sagt.

Altstadt, Hauptstraße

: Es ist dunkel geworden, der THW hat in einigen Straßenzügen provisorische Stromverteiler-Stationen aufgebaut, Flutlichtlampen brennen. Ein Gruppenführer des THW kontrolliert den Sicherungskasten, der auf einem Autoanhänger steht. Er hat den nervigen Job, die Sicherungen wieder einzuschalten, wenn ein Anwohner wieder einmal zuviel Strom aus der Leitung gezogen hat und das Netz kurzfristig zusammenbricht. "Wenn das Wasser durch die Wände drückt, muss man die Häuser fluten, sonst besteht Einsturzgefahr" sagt er. "Einige sind bereits geflutet." Die Sandsäcke, die Planen, die Pumpen, all das könne die Wassermassen nicht mehr zurückdrängen, es gehe nur noch darum, die Situation zu stabilisieren, sagt er. "Halten", sagt er. "Das ist alles, was wir tun können."

Der Wasserpegel, so sagen Experten, wird erst nach Ostern wieder sinken.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker