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Indien: Die Geschichte eines Wunders

Wie viele Menschen auf den Andamanen und Nikobaren durch den Tsunami umkamen, kann niemand genau sagen. Mut spendet den Überlebenden die Geschichte des 14-jährigen Murlidharan. Sein Überlebenswille war stärker als die Gesetze der Natur.

Von Jan-Philipp Sendker

Sie schauen ihn an, als wäre er ein Geschenk Gottes. Ein Botschafter der Hoffnung. Mit großen Augen und halb geöffneten Mündern beobachten sie ihn, lauschen jedem seiner Worte, können seine Geschichte nicht oft genug hören. Es ist die Geschichte einer Rettung. Die Geschichte eines Wunders. Und nach nichts sehnen sich die Menschen mehr in diesem Flüchtlingslager in Port Blair, der Hauptstadt der indischen Andamanen. Wenn dieser schmächtige, tot geglaubte Junge die Katastrophe überlebt hat, dann ja vielleicht auch ihre vermissten Brüder, ihre Schwestern, ihre Eltern, Onkel und Tanten.

Der 14-jährige Murlidharan

wiederholt seine Geschichte mit fast flüsternder Stimme. Er spielte am Morgen des 26. Dezember 2004 mit Freunden Cricket am Strand, als plötzlich die Erde bebte. Kurz darauf hörte er ein Grollen aus dem Meer und sah seine Eltern, seine Schwester und die Nachbarn um ihr Leben rennen. Eine riesige Welle kam auf das Dorf zu. Murlidharan lief, so schnell er konnte. Er fürchtete das Meer, selbst wenn es spiegelglatt vor ihm lag. Er konnte nicht schwimmen. Murlidharan rief nach seinen Eltern, er stürzte, rappelte sich auf, lief weiter, stürzte wieder. Dann hatte ihn das Wasser erreicht. Es nahm ihn mit, spülte ihn zu einem Baum, an den er sich klammerte mit all seiner Kraft. Er erwischte einen Ast, zog sich hoch und kletterte bis in die Krone hinauf. Von dort sah er das Wasser unter sich wüten. Sah, wie es sein Dorf zerstörte, Menschen mitriss, Palmen entwurzelte. Er hörte Hilfeschreie, zerberstende Mauern, brechende Holzlatten und Stämme. Seine Rettungsinsel, ein kräftiger Fruchtbaum, blieb stehen.

Murlidharan verbrachte den Tag und die Nacht auf seinem Ast. Das Meer hatte sich beruhigt, aber nicht zurückgezogen. Der Baum stand noch immer tief im Wasser. Von seinem Dorf Tapomming auf der Insel Car Nicobar waren nur ein paar weit weg vom Strand gelegene Häuser geblieben. Murlidharan sah und hörte keinen Menschen. Vom Baum traute er sich nicht, weil er nicht wusste, wie tief das Wasser noch war. Einmal sah er in der Ferne Dorfbewohner in den Trümmern ihrer Häuser wühlen, aber da war er längst heiser vom Schreien um Hilfe. Sie hörten ihn nicht.

Elf Tage und Nächte blieb er in der Krone hocken. Elf Tage und Nächte ohne zu essen oder zu trinken. Medizinisch eigentlich unmöglich. Er hätte verdursten müssen, Tag für Tag etwas mehr austrocknen, bis er tot vom Baum gefallen wäre. Die behandelnden Ärzte im Krankenhaus von Port Blair vermuten, dass der Schock seinen Körper in eine Art Trancezustand versetzt hat, in dem alle Funktionen auf ein Minimum reduziert wurden. Sein Überlebenswille war stärker als die Gesetze der Natur. Eine andere Erklärung haben sie nicht.

Am morgen des elften Tages verließen Murlidharan die Kräfte, halb ohnmächtig stürzte er vom Ast. Das Wasser weckte ihn wieder und er merkte, dass es ihm nur noch bis zur Brust reichte. Er schleppte sich an Land, wo ihn kurz darauf Dorfbewohner fanden und zur nahen Militärbasis trugen. Der nächste Rettungsflug der indischen Luftwaffe brachte ihn nach Port Blair.

Der Körper des Jungen

ist gezeichnet von der Tortur. Es ist ein kleines Bündel Mensch, das auf einer Holzbank im provisorischen Lager sitzt, gebeugt, die Hände im Schoß gefaltet, und seine Geschichte erzählt. Er ist zum Skelett abgemagert, seine Arme haben den Umfang eines kräftigen Männerdaumens. Knapp einen Meter fünfzig ist er groß und wiegt noch 21 Kilo, aber seine Augen strahlen. "Mama und Papa sind am Leben", sagt er immer wieder. Kurz zuvor hat er erfahren, dass seine Familie sich retten konnte. Die Mutter liegt mit gebrochenen Beinen in einem Krankenhaus im 1.200 Kilometer entfernten Chennai, auf dem indischen Festland, sein Vater ist bei ihr. Die 12-jährige Schwester ist in einem anderen Lager. Alles andere interessiert ihn nicht.

Seine Geschichte verbreitet sich binnen weniger Stunden in ganz Port Blair und weiter auf den anderen Inseln. Sie macht den Überlebenden, die Angehörige vermissen, Mut und gibt den tausenden von Soldaten und freiwilligen Helfern Kraft, wenn sie in dieser abgelegenen Region unterwegs sind.

Auch fast drei Wochen nach der Katastrophe ist die Lage auf dem 572 Inseln zählenden Archipel in der Bucht von Bengalen noch immer unübersichtlich. Selbst die indischen Behörden wissen nicht mit Sicherheit, wie viele Menschen dort vor der Tsunami gelebt haben, wie viele umkamen, oder obdachlos geworden sind. Weite Teile der Andamanen und Nikobaren sind nur schwer zugänglich, sie erstrecken sich über eine Länge von 700 Kilometern und liegen zum Teil nicht einmal 50 Seemeilen vom Epizentrum des verheerenden Bebens entfernt. Über ein Drittel der schätzungsweise 400.000 Einwohner lebte in und um Port Blair, der Rest verstreut auf 35 anderen Inseln. Manche Dörfer liegen eine mehrere Tage dauernde Schiffsreise mit anschließendem stundenlangem Fußmarsch von der Hauptstadt entfernt. Da die Flutwelle viele Bootsanleger zerstörte und der dichte Dschungel den Armee-Hubschraubern keine Landemöglichkeiten bietet, haben die Hilfsmannschaften bis heute große Gebiete noch gar nicht erreicht.

Erst in den letzten Jahren haben sich die Andamanen zu einem exotischen Urlaubsziel entwickelt. Für abenteuerlustige Touristen waren ihre weiten, menschenleeren Strände ein Geheimtipp, unter Tauchern und Schnorchlern galten ihre Korallenriffe und Fischbestände als die schönsten und unberührtesten in ganz Südostasien. Dieses Paradies hat der Tsunami zerstört, von den Stränden blieb oft nur ein schmaler Streifen.

Die weiter südlich gelegenen Nikobaren waren Speergebiet für Ausländer, selbst Inder brauchten für die Einreise eine Sondergenehmigung. So konnte die Armee ihren Stützpunkt auf Car Nicobar unter großer Geheimhaltung weiter ausbauen. Zum anderen waren die vom Aussterben bedrohten Naturvölker damit geschützt. Die Jarawas, Onges, Schompen und Sentinalesen siedeln seit der Steinzeit dort und leben in den Regenwälder-Reservaten einiger Inseln zum Teil noch in völliger Abgeschiedenheit als Jäger und Sammler. Über ihr Schicksal ist kaum etwas bekannt.

Indische Anthropologen vermuten,

dass sie die Zeichen der Natur für eine herannahende Katastrophe, zum Beispiel ins Landesinnere fliehende Tiere, frühzeitig erkannt und sich in Sicherheit gebracht haben. Ein Versuch der indischen Luftwaffe, mit den Sentinalesen Kontakt aufzunehmen, scheiterte. Das Urvolk beschoss den tief fliegenden Hubschrauber mit Pfeilen, am Strand drohten Krieger mit langen Speeren. Zumindest konnten die Piloten sehen, dass sich der Schaden auf der hügeligen Insel in Grenzen hält, nur wenige Bäume waren entwurzelt, das Wasser kaum ins Landesinnere vorgedrungen.

Offiziell sprechen die Behörden in Port Blair von rund 1.200 Toten, 5.500 Vermissten und 44.000 Obdachlosen in verschiedenen Auffanglagern. Angaben, die zahlreiche Hilfsorganisationen für viel zu niedrig halten. Allein auf der Insel Car Nicobar lebten annähernd 30.000 Menschen in 14 Dörfern, von denen das Meer acht völlig und die anderen teilweise zerstört hat. Vom direkt am Strand gelegenen Malacca mit seinen 1.400 Bewohnern zum Beispiel, ist nicht mehr als die vage Andeutung eines Ortes geblieben. Einige Mauern der Schule stehen noch. Drumherum liegen Töpfe, Kleider, zerquetschte Fahrräder, Bruchstücke von Fernsehern und Möbeln. Dazwischen stochern vereinzelt Männer in den Trümmern ihrer Häuser. Sie haben sich Tücher um den Mund gebunden gegen den Verwesungsgeruch. Es ist schwer vorstellbar, dass viele Dorfbewohner dieser Zerstörung lebend entkommen sind.

"Mehrere Mitarbeiter von uns waren auf Car Nicobar", sagt Alex Dias, der Bischof von Port Blair. "Sie haben nichts als Verwüstung gesehen. Sie schätzen die Zahl der Toten und Vermissten auf der Insel auf über 10.000." Zuverlässige, von den Behörden unabhängige Zahlen zu bekommen ist schwierig. Die Regierung betrachtet private Hilfsorganisationen mit Misstrauen. Ausländische Helfer dürfen die Hauptstadt nicht verlassen, indische sind bei ihrer Arbeit auf die Unterstützung und das Wohlwollen der Verwaltung und der Armee angewiesen.

Wer Zeit in den Auffanglagern von Port Blair verbringt, ist überrascht, von der Ruhe und Disziplin. Am Tage liegen die Menschen auf Decken unter Zeltplanen oder in Klassenräumen und dösen, Kinder spielen Fußball, Cricket oder "Mensch ärgere dich nicht". Private Hilfsorganisationen und freiwillige Helfer kümmern sich ums Essen, Trinken und die medizinische Versorgung. Besucher werden oft mit einem Lächeln begrüßt, das schnell wieder verschwindet. Die Flüchtigkeit dieser Geste verrät die Sorgen, die sich dahinter verbergen.

Die Familie Roy lebt

mit 20 anderen Menschen in dem kleinen Klassenzimmer einer Schule in Port Blair. Namita Roy hält ihr zwölf Tage altes Baby in ihren Armen. Es ist winzig, ein acht Monatskind, das nicht mehr als 1.500 Gramm wiegt. Die 26-Jährige hat ihre Tochter am 26. Dezember auf einer Anhöhe im Dschungel auf der Flucht vor dem Meer geboren und "Tsunami" getauft. Die erste Euphorie über die Geburt und das wundersame Überleben ist vorbei, jetzt spürt sie die Schmerzen - und die Angst. "Was soll aus uns werden?", fragt ihr Mann Laxmin Narayan, ohne eine Antwort zu erwarten. Der 34-Jährige kam vor 22 Jahren im Rahmen eines Umsiedlungsprogramms mit seiner Familie aus Kalkutta auf die Andamanen. Er war Rikschafahrer, hat der Familie über fast 20 Jahre ein kleines Haus zusammengestrampelt. Haus und Fahrrad hat das Meer geschluckt, die Roys besitzen nicht mehr als sie am Leib tragen. "Wie lange können wir in dieser Schule bleiben? Wo sollen wir hin?" Zurück auf das Festland wollen sie nicht und vor dem Meer fürchten sie sich jetzt.

Etwas weiter sitzt zusammengesunken ein kleiner Mann mit zerschnittenen Beinen und bandagiertem Arm. Ihn, Wilfred Sylvanus, quälen ganz andere Gedanken. Er denkt an Gott und seine drei Kinder. Seine Tochter Fopin, 20 Jahre alt, seine Söhne Emerson, zweieinhalb, und Julien, sechs Monate. Vor der ersten Welle konnte sich die Familie noch auf Bäume retten. Die zweite riss seiner Frau Emerson aus den Armen. Bei der dritten konnte er Julien nicht mehr halten und auch Fopin verschwand in den Fluten. Seine Frau und er überlebten mit rund 150 anderen Bewohnern des 870 Seelen-Dorfes Kimios auf Car Nicobar.

Wilfred ist der Pastor des Ortes. Zu ihm kommen die Überlebenden jetzt mit ihren Fragen. Der Herr sei gepriesen, Vater Sylvanus, aber warum hat er uns das angetan? Was waren unsere Sünden? Sie flehen ihn an: Er soll dem Sinnlosen einen Sinn geben. Wilfred bemüht sich. Sagt, dass sie mit Gott dem Allmächtigen nicht zürnen dürfen. Nur er weiß, für welche Sünden sie büßen müssen. Warum er ihnen diese Prüfung auferlegt hat. Seine Wege seien unergründlich. Er predigt, aber seine Stimme ist tonlos. Er hat nicht nur seine Kinder verloren. Neben ihm hockt seine Frau. Sie schweigt. Nur einmal widerspricht sie mit zwei Sätzen ihrem Mann: "Ich weiß nur, dass ich meine Babys verloren habe. Mein Herz ist erloschen."

Am Abend halten die Überlebenden einen Gottesdienst unter freiem Himmel ab. Von den Nicobaresen sind fast 95 Prozent Christen, fast das ganze Lager. Wilfred Sylvanus fehlt die Kraft. Die Gläubigen beten und singen zusammen, eine fast feierliche Stimmung liegt über der Wiese. Danach kommen drei Männer von "The Art of Living", einer spirituellen, keiner Religion zugehörenden Organisation aus Indien. Sie wollen mit den Flüchtlingen meditieren.

Die Menschen setzen sich

im Halbkreis auf die Erde, schließen die Augen und hören der tiefen beruhigenden Stimme eines Gurus zu. Langsam ein- und ausatmen sollen sie. An nichts denken. Nicht an die Welle. Nicht an die Toten. Einer der Männer spielt Gitarre und singt "Halleluja". Wie ein Mantra wiederholt er das Wort.

Nach einer Weile stimmen die ersten ein, leise, kaum hörbar. Langsam trauen sie sich, werden lauter, ihre Stimmen kräftiger. Bald singt ein viele hundert Stimmen starker Chor. Die Augen geschlossen, laufen manchen Tränen über die Wangen. Andere Gesichter entspannen sich zum ersten Mal seit langer Zeit. Eine junge Frau in der ersten Reihe öffnet die Augen, ihr Mund verzieht sich zu einem kleinen, vorsichtigen Lächeln.