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Anschläge in Frankreich "Wir befinden uns mitten im Dritten Weltkrieg"

Ein Soldat patroulliert unter dem Eiffelturm
Ein Soldat patroulliert unter dem Eiffelturm in Paris
© Francois Guillot/AFP
Die Pariser Journalistin Anna Erelle ist IS-Expertin der ersten Stunde und warnt im stern-Interview: "Charlie Hebdo" war der Anfang, die Anschläge vom Freitag waren nicht das Ende.
Von Sophie Albers Ben Chamo

Die Pariser Journalistin Anna Erelle* lebt seit fast einem Jahr unter Polizeischutz. Ihr Buch "Undercover Dschihadistin" ist kurz nach dem Attentat auf "Charlie Hebdo" erschienen. Darin beschreibt Erelle professionell detailliert und emotional persönlich, wie sie sich im Internet monatelang als IS-Sympathisantin ausgegeben hat, um die Rekrutierungsstrategien des IS aufzudecken. Sie war so erfolgreich, dass die Terrorvereinigung eine Fatwa gegen sie in Umlauf brachte. Bereits damals warnte sie davor, dass die europäischen Regierungen der zunehmenden Radikalisierung von Jugendlichen nicht ausreichend entgegenwirken. Nun haben unter anderem junge Franzosen im Namen des IS in Paris mindestens 132 Menschen ermordet und Hunderte verletzt.     

Anna Erelle, wie geht es Ihnen?
Ich erhole mich gerade. Ich bin vor drei Wochen nachts in meiner Straße in Paris von zwei Männern mit einem Baseballschläger angegriffen worden. Es wird untersucht, ob es mit dem Buch zu tun hat oder ob ich zur falschen Zeit am falschen Ort war.
Was glauben Sie selbst?
Ich bin keine Risiken eingegangen, habe immer aufgepasst. Wenn es um mich gegangen wäre, hätten sie mich leicht töten können. Ich war allein. Aber ich bemitleide mich nicht, ich mache weiter meinen Job. Es gibt viele Fragen, und ich will Antworten. Die Anschläge von Freitagabend machen mich vor allem sehr, sehr wütend.

Wütend?
Trotz aller Drohungen, haben wir nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, uns zu schützen. Wer bin ich, die Regierung zu verurteilen. Ich denke, sie machen einen guten Job. Aber wir befinden uns mitten im Dritten Weltkrieg. Und das war auch vor "Charlie Hebdo" so. Schon seit vier, fünf Jahren. Warum müssen erst so viele Menschen sterben bevor wir einsehen, dass dies ein Krieg ist? Viele meiner Journalistenkollegen in Frankreich sind wütend, weil die Regierung nicht entschlossen auftritt, weil sie unsicher wirkt. Das können wir uns in Zeiten wie diesen nicht leisten. Vor den Anschlägen gab es viele Anzeichen. Wir hätten schon reagieren müssen, als Franzosen und andere Europäer angefangen haben, sich dem sogenannten Islamischen Staat anzuschließen. Aber ich will niemanden verurteilen, das ist meine Wut nach den Anschlägen.

Was Freitagnacht passiert ist, hat Sie also nicht überrascht?
Leider nein. Und schlimmer noch: Bei den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" ging es nicht um die Anzahl der Toten, es ging um eine wie immer geartete Botschaft: Sie haben Polizisten angegriffen, die Medien, Menschen jüdischen Glaubens. Kalt und abstrakt betrachtet haben sie weniger Menschen getötet als ein Amokläufer in Amerika. Das war diesen Freitag anders. Sie wollen ein Klima der Angst schaffen. Ich möchte keine Paranoia verbreiten, aber "Charlie" war der Anfang, was Freitag passiert ist, war nicht das Ende. Die Angreifer sind zwar nicht besonders intelligent, aber viele: in Frankreich, in Belgien, in jedem Land Europas. Es ist einfach für sie, zu tun, was sie Freitag getan haben.

Warum jetzt?
Der IS will vor allem eines: Anerkennung. Da findet gerade ein Wettbewerb statt, wer der größere Terrorist ist - IS oder al Kaida. Im Augenblick ist al Kaida vorn.
Sie sagen, das ist ein PR-Krieg?
Ja. Dabei gibt es zwei Szenarios und beide sind schlecht für uns. Ein Terror-Wettkampf bedeutet, dass uns den einen Tag al Kaida angreift und am nächsten der IS. Wenn sie sich zusammen tun sollten, die Intelligenz von al Kaida und der Wahnsinn des IS - gute Güte!

Sie sind der Meinung, nach den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" hat sich nichts geändert?
Es hat die Franzosen aufgeweckt, es hat gezeigt, was man uns antun kann. Aber es hat offensichtlich nicht gereicht. Einen Monat lang hat Frankreich getrauert. Aber danach vergessen die Menschen schnell wieder, auch wenn sie vorsichtig sind. In der Untersuchungskommission zu den Angriffen auf "Charlie Hebdo" haben sich viele Leute gefragt, was wohl passieren würde, wenn ein großer Anschlag kommt. Aber das wollte niemand hören. "Macht uns keine Angst", hieß es. Jetzt ist der große Anschlag da. Aber ich verstehe die Leute: Es ist nicht einfach, sich einzugestehen, dass wir im Dritten Weltkrieg leben.

Was sollen wir Ihrer Meinung nach tun - Politiker, Journalisten, alle?
Die Antwort darauf verdient den Nobelpreis. Aber ich glaube, wir müssen vor allem mit den muslimischen Menschen sprechen. Denn auch wenn alle sagen, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun, denken viele, dass alle Muslime böse sind. Das hilft niemandem! Muslime sagen, dass sie sich nicht rechtfertigen müssen. Das verstehe ich. Aber ich denke, wir sind an einem Punkt, wo sich jeder rechtfertigen muss. Egal ob christlich, jüdisch, atheistisch. Jeder muss sagen, wo er steht. Wir müssen sehr stark sein.

*Anna Erelle ist ein Pseudonym.


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