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Japan-Experte zur Jahrhundertkatastrophe: Öffentlich klagen kommt für Japaner nicht infrage

Japan ist schwer getroffen. Jedoch zeigt sich im Zusammenhalt auch in dieser tiefen Krise die intakte Sozialstruktur des Landes, findet Japan-Experte Harald Fuess. Plünderungen seien schwer denkbar, man hilft sich, wo man kann. An der Haltung zur Atomkraft wird jedoch wohl auch Fukushima nichts ändern.

Herr Professor Fuess, eine Ihrer Mitarbeiterinnen befindet sich zurzeit in Japan. Wie hat sie die Katastrophe überstanden?
Sie ist unversehrt und wohlauf. Sie saß gerade im Shinkansen zwischen Tokio und Kyoto. Wie es bei Erdstößen üblich ist, hielt der Zug sofort an. Später ging die Fahrt ohne Schwierigkeiten in das südlicher gelegene Kyoto weiter. Doch auch dort an normale Arbeit oder Alltag angesichts der Bilder aus dem Norden und der Atomgefahr nicht zu denken.

Trotz der Jahrhundertkatastrophe wirken die Japaner erstaunlich gefasst.
Vielleicht ist das nur die Ruhe nach dem Sturm. So richtig weiß ja niemand: Ist es jetzt vorbei? Oder kommt da doch noch was? Überhaupt kann man sagen, dass die japanische Bevölkerung sowohl praktisch als auch mental auf Naturkatastrophen vorbereitet ist, sowohl auf Erdbeben als auch auf Tsunamis. Die Angst vor Kernkraft und einer möglichen Verstrahlung ist in Japan dagegen sehr viel weniger ausgeprägt als in Deutschland.

Man sieht in den Fernsehbildern nur selten Menschen, die öffentlich weinen und klagen.
Das stimmt. Und wenn man emotionale Gesichter im japanischen Fernsehen sieht, handelt es sich oft um Freudentränen, etwa wenn es Lebenszeichen von Verwandten gibt. Tatsächlich bemühen sich die Japaner sehr darum, ihre Emotionen nicht zu stark zu zeigen und Mitmenschen mit eigenem Kummer zu belasten. Das ist sicher nicht überall so: Reaktionen aus Korea etwa empfinden Japaner traditionell als etwas zu laut.

Die Disziplin angesichts des Elends erstaunt schon. Die Bevölkerung steht sogar bei Hamsterkäufen brav in einer Reihe.
Das ist tatsächlich typisch japanisch. Insgesamt kann man auch sagen, dass es in Japan ein viel höheres Sicherheitsempfinden gibt als in vielen westlichen Staaten. Die Kriminalitätsraten sind sehr niedrig, für viele Eltern ist es kein Problem ihre Kinder allein durch Tokio zu schicken. So rechnet auch nach der Katastrophe niemand mit Plünderungen.

Man versucht also miteinander aus der Krise zu kommen?
So könnte man das sagen: Japan profitiert in solchen Momenten von einer sehr ausgeprägten Sozialstruktur. Es ist üblich, die Nachbarn zu kennen und sich gegenseitig zu helfen. Als in Tokio viele Pendler nach dem Beben nicht nach Hause kamen, teilweise stundenlang zu Fuß gehen mussten, haben überall Menschen Tee angeboten oder Ladegeräte, um Handys wieder aufzuladen.

Wie wird man mit den vielen Obdachlosen umgehen?
Es gibt in Japan Überlegungen, einige Küstenorte im Norden nicht wieder aufzubauen. Ob die Bevölkerung da mitmacht, kann man noch bezweifeln. Wir haben es nach dem Kobe-Erdbeben von 1995 erlebt, dass die Menschen ihre Region nicht verlassen wollten. Inzwischen hat wohl bereits eine Baufirma angekündigt, zeitnah 30.000 Häuser bauen zu wollen. Insgesamt bin ich zuversichtlich, dass Japan auch diese schwere Krise in den Griff bekommt.

Wird sich nun die Einstellung der Japaner zur Kernkraft ändern?
Das hängt davon ab, ob nun wirklich in größerem Ausmaß Menschen zu Schaden kommen. Im rohstoffarmen Japan gilt die Atomkraft bisher als alternativlos. Angesichts der Störungen in Fukushima geht die Debatte vor allem um Sicherheitsstandards in alten Atomkraftwerken als um die Atomkraft als solche. Ich wage mal folgende Prognose: Die Auswirkungen der Katastrophe auf die deutsche Atompolitik werden stärker sein als auf die japanische.

Björn Erichsen