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Besäufnis, Verletzungen, Todesfälle: "Stag Nights" mit tragischem Ende - die eskalierenden Junggesellenabschiede der Briten

Liam Colgan ist tot. Der junge Schotte verschwand während eines Junggesellenabschieds auf der Reeperbahn. Solche Feiern britischer Männer sind berüchtigt für tragische Todesfälle – Tendenz steigend.

Liam Colgan verschwand bei einem Junggesellenabschied auf der Reeperbahn

Liam Colgan verschwand bei einem Junggesellenabschied auf der Reeperbahn. Seine leiche wurde zweieinhalb Monate später in der Elbe gefunden.

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Liam Colgan verschwand ganz unspektakulär – aber für immer. Es war Samstag, der 10. Februar, morgens um 1.30 Uhr. Der 29-jährige Postbote aus Schottland zog mit Freunden über die Reeperbahn in Hamburg, es war die Nacht des Junggesellenabschieds von Liams Bruder Eamonn. Eine unvergessliche Nacht hatte es werden sollen. Fröhlich, und vielleicht etwas verrückt. Mit Dingen, die man so tut, wenn man viel Alkohol getrunken hat. Und die man macht, wenn man ein letztes Mal so richtig über die Stränge schlagen kann. Bevor man Frau und vielleicht auch Kind hat.

Die Gruppe junger Männer aus Inverness war schließlich im Begriff, die Kneipe Hamborger Veermaster zu verlassen. Liam sei kurz vor den anderen aus dem Lokal gegangen, würde der vier Jahre ältere Eamonn später über seinen Bruder sagen. Als sie selbst draußen vor der Kneipe standen, war Liam verschwunden. "Wir wissen nicht, wie wir ihn so schnell aus den Augen verlieren konnten“, zitiert das "Hamburger Abendblatt" den Bruder. Zehn Wochen suchten er, seine Angehörigen, Freunde und der halbe Hamburger Kiez nach Liam Colgan. Dann wurde die Leiche des jungen Mannes in der Elbe gefunden.

Dass es ausgerechnet ein Junggesellenabschied war, bei dem Liam zu Tode kam, ist Teil eines traurigen Trends, der in Großbritannien Schlagzeilen macht: Diese Feten junger Briten enden seit ein paar Jahren auffällig häufig tragisch, wie jüngst der "Guardian" berichtete. Und auch die Art, wie Liam verschwand, gehört zum traurigen Repertoire von schief gegangenen Junggesellen-Abschiedspartys. Einer aus der Gruppe geht im Trubel seiner alkoholisierten Freunde verloren. Zunächst denkt sich niemand etwas dabei. Es sind Momente, Sekunden, in denen die fröhlichen Feiern zu Tragödien werden.

Lange Liste tragischer Junggesellenabschiede

"Stag nights“ – so nennen die Briten die Junggesellenabschiede - wobei "stag" auch das Wort für "Hirsch" ist. Eine Gruppe junger Hirsche feiert, bis es nicht mehr geht.

Der "Guardian" weiß von einer ganzen Reihe von Fällen zu berichten, in denen diese "stag nights“ tödlich oder mit schweren Verletzungen enden: von dem 25-jährigen Briten auf Ibiza etwa, der 2014 im Rausch von Kokain und Ecstasy vom Balkon seines Hotelzimmers sprang und im Haltegriff herbeigerufener Polizisten starb. Oder von einem jungen ehemaligen Feuerwehrmann, der 2016 in Magaluf auf Mallorca betrunken schwimmen ging – und mit seinem Kopf so heftig aufstieß, dass er heute querschnittsgelähmt ist. In anderen britischen Medien ist das tragische Ende einer Junggesellen-Abschiedsparty in Budapest zu lesen: Dort kam im vergangenen Jahr ein 24-Jähriger zu Tode: Er verlor im Trubel der Feier den Kontakt zu seiner Gruppe, geriet auf eine Schnellstraße und wurde überfahren.

Die Liste solcher Unglücke ließe sich verlängern, nehmen sie doch in der letzten Zeit deutlich zu, wie die "Giardian"-Reporterin Sirin Kale zusammengezählt hat: Mindestens 30 britische Männer seien allein im vergangenen Jahrzehnt bei Junggesellenabschieden gestorben. Und etwa ein Drittel dieser Todesfälle habe sich 2017 ereignet.

Aber warum enden diese "stag nights" junger britischer Männer so oft auf dem Friedhof oder im Rollstuhl? Der "Guardian" hat darauf mehrere Antworten: Zum einen seien diese Feiern im Laufe der Jahre zu regelrechten "Männlichkeitstests" geworden, die dann völlig aus dem Ruder laufen. Wenn ein Mann an der Schwelle von der Lebenswelt des Junggesellen zu der eines verheirateten Familienvaters stehe, werde er von seinen Freunden "rituell bestraft" – er muss alberne Kleidung tragen und sich mit seinen Freunden ein exzessives Besäufnis liefern, erklärt der Soziologe Thomas Thurnell-Read dieses Phänomen. Zum anderen spiele der  Gruppenzwang eine große Rolle bei diesen ritualisierten Trink-Gelagen. Mittrinken ist ein Muss, um die anderen jungen Hirsche aus der Gruppe nicht zu beleidigen. Aus der Reihe tanzen ist nicht drin, wenn man Teil der Gruppe sein will – und bleiben möchte.

Festes soziales Umfeld - und dann ein exzessives Besäufnis

Denn diese Gemeinschaft besteht nicht nur während der Abschiedsfeier. Dann wäre es vielleicht völlig egal, wie man sich benimmt. Die Party-"Hirsche" feiern in den sozialen Strukturen, die in ihrem Leben generell wichtig sind – im engen Freundeskreis, mit Familienmitgliedern. Typischerweise kämen Teilnehmer dieser "stag nights" aus einem sehr gefestigten sozialen Umfeld. Sie hätten einen festen Job, seien vielleicht Mitglied einer Sportmannschaft, erklärt Soziologe Thurnell-Read.

Dass diese berüchtigten Partys heute oft im Ausland gefeiert werden und nicht daheim auf den britischen Inseln, hat einen wirtschaftlichen Grund: Seit dem Boom der Billigflüge zu Beginn des Jahrtausends ist es unkomliziert und günstig, Party-Gruppenreisen in die Feten-Hotspots Europas zu organisieren.

Noch vor einer Generation seien solche Junggesellenabschiede im Heimatort im Pub um die Ecke gefeiert worden, sagt Thurnell-Read. Heute fliegen Gruppen junger britischer Männer zum Junggesellen-Abschied nach Budapest, Ibiza oder Magaluf.

Liam Colgan sollte bei der Hochzeit des Bruders doch dabei sein - hoffte der Bruder

Oder  - wie im Falle von Liam Colgan – nach Hamburg. Ein unvergessliches Erlebnis sollte diese "stag night" auf der berühmten Reeperbahn werden. Doch dann war Liam von der einen Minute auf die andere nicht mehr da.

Bruder Eamonn organisierte die Suche nach seinem Bruder, und er schob seine Hochzeit auf. Sie sollte erst gefeiert werden, wenn Liam dabei sein könnte, sagte er immer wieder während der bangen zweieinhalb Monate, in der Familie und Freunde auf ein Happy End hofften: Vielleicht lebte Liam doch noch? Vielleicht hatte er in jener Nacht sein Gedächtnis verloren und würde doch noch lebend gefunden? Die Hoffnungen waren vergebens: Auch diese "stag night" gehört zu denen, die ein tragisches Ende fanden.

Vermisster Schotte: Liam Colgan - Chronik eines mysteriösen Verschwindens