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Beerdigung von Liam Colgan: Das Ende, das alle gefürchtet haben

Liam Colgan wird heute in seiner Heimatstadt beerdigt. stern-Redakteur Patrick Rösing gehörte zu den zahlreichen Hamburgern, die irgendwie immer die Augen nach dem verschwundenen Schotten aufhielten. Abschied von einem Unbekannten, der uns für 72 Tage doch ganz nah war. 

Vermisster Schotte: Liam Colgan - Chronik eines mysteriösen Verschwindens

" ‘s Körper wurde nach Hause gebracht und er wird an diesem Freitag in seiner Heimatstadt Inverness beigesetzt"

Diese letzte Nachricht postete Liam Colgans Familie in dieser Woche bei . Damit ist die Geschichte um den vermissten Schotten nun endgültig vorbei. Und sie hat nun doch das Ende, das alle gefürchtet haben.

Ich habe Liam Colgan nie gesehen und doch macht mich sein sehr traurig. Ich wünschte, ich hätte ihn gesehen - nach dieser Nacht zum 10. Februar, in der er einfach verschwand. Ich gehöre zu den zahlreichen Hamburgern, die seitdem Liams Bild immer im Kopf hatten. Die ihren Blick auf jedem Weg durch die Stadt etwas mehr schweifen ließen als sonst. Die gegen jede Wahrscheinlichkeit darauf hofften, den 29-Jährigen irgendwo zu entdecken.

72 Tage war Liam verschwunden. Am 23. April wurde sein Körper leblos in der Hafencity aus der Elbe geborgen. versetzte diese Nachricht einen Stich ins Herz. Liam war ein Fremder, um den sich eine ganze Stadt gesorgte hatte. Den am Ende jeder doch irgendwie zu kennen glaubte. Die Flyer mit seinem Gesicht, die überall in der Stadt hingen und die bis zum Schluss die Hoffnung am Leben erhielten, muteten nun auf einmal wie Traueranzeigen an.

Warum nahmen so viele Fremde Anteil an seinem Schicksal?

Die Suche nach Liam war beispiellos, die Solidarität der Hamburger mit seiner Familie und seinen Freunden ebenso. Bei aller Tragik war die Geschichte auch immer eine der Hoffnung. Die Post verteilte 300.000 Flyer im Norden, weil sie helfen wollte, ihren schottischen Kollegen zu finden. Immer wieder reisten sein Eamonn oder andere Freunde und Familienmitglieder nach Hamburg. Sie wollten so lange weitersuchen, bis sie Liam wieder mit nach Hause nehmen konnten. Etliche Freiwillige beteiligten sich an den Suchaktionen oder halfen den Schotten auf andere Weise. Bei der Polizei gingen rund hundert Hinweise ein. Überall hing Liams Gesicht, sein Verschwinden war über Wochen Gesprächsthema, auch in den Medien.

Warum nahmen so viele Fremde Anteil am Schicksal des Schotten? Die Fotos von ihm zeigen einen fröhlichen Typen, der gern mit seinen Freunden in den Pub oder ins Stadion geht. Einen liebevollen Onkel, der mit seiner kleinen Nichte spielt. Einen leidenschaftlichen Musiker, der Gitarrist in einer Band ist. Liam schien ganz einfach ein Typ zu sein, der unser aller Freund oder Bruder hätte sein können. Ich konnte die Verzweiflung nachfühlen, mit der Eamonn nach seinem kleinen Bruder suchte. Es würde mir nicht anders gehen. Ich konnte den Trotz verstehen, mit dem er sich weigerte, die Hoffnung aufzugeben. Bis zum Schluss.

Was ihm zustieß, ist noch immer unklar

Auf der Homepage wurden weitere Fotos des Vermissten veröffentlicht

Die Familie veröffentlichte etliche Fotos

Was Liam letztlich in jener Nacht im Februar zustieß ist noch immer unklar. Sein Bruder und seine Freunde sahen ihn zuletzt im "Hamborger Veermaster" auf der Reeperbahn. Wie kam er von da aus zum zwei Kilometer entfernten "Gruner + Jahr"-Gebäude, wo eine Überwachungskamera gegen 2.30 Uhr die letzten Aufnahmen von ihm machte? Und vor allem: Was geschah danach?

Darüber lässt sich nur mutmaßen. Anzeichen auf ein Verbrechen gibt es laut Polizei nicht. Liam war betrunken. Es kann gut sein, dass er einfach orientierungslos loslief, die Reeperbahn runter und immer weiter. Von "Gruner + Jahr" bis zur Elbe sind es nur wenige Schritte. Vielleicht lief Liam einfach in die falsche Richtung und fiel in die eiskalten Fluten. Nachts im Februar bedeutet das quasi den sicheren Tod. 

An diesem Abend hatte Liam keinen Schutzengel

Es wäre ein tragischer Unfall und ein sinnloser Tod. Und vor allem einer, der jeden ereilen kann. Die meisten von uns dürften sich schon mindestens einmal im Leben so betrunken haben, dass sie ohne Hilfe kaum noch den Weg vom Barhocker zur Tür finden konnten. Meistens enden solche Abende glimpflich. Es gibt so eine Redensart: "Kinder und Betrunkene haben immer einen Schutzengel". Liam hatte den diesmal nicht.

Hamburg sollte für Liam Colgan, seinen Bruder und seine Freunde der Schauplatz eines legendären Abends werden, an den sie sich ihr Leben lang erinnern wollten. Stattdessen wird es nun für die Hinterbliebenen für immer der Ort sein, an dem ihnen der Fluss den Sohn nahm, den Bruder und den Freund.

Lieber Liam, Ruhe in Frieden.