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"Ich schreie: Lass mich nicht allein": Fischer treibt 438 Tage auf dem Pazifik – und überlebt

Mehr als 14 Monate trieb José Salvador Alvarenga in einem kleinen Boot auf dem Pazifik. Sein Kumpel verhungert, er überlebt. Im stern-Interview erzählt er vom Geschmack der Quallen und vom Kampf gegen die Einsamkeit.

Von Jan Christoph Wiechmann

José Salvador Alvarenga

José Salvador Alvarenga galt mehr als 14 Monate als verschollen. Nach 438 Tagen wurde er gerettet (links oben). Im stern-Interview berichtet er von seiner Odyssee 

Eine Steilküste in Südkalifornien. Der Pazifik, spiegelglatt. Salvador Alvarenga sitzt am Ufer, 38 Jahre alt, frisch rasiert und ordentlich gescheitelt. Nicht zu vergleichen mit jenem langmähnigen Schiffbrüchigen, der am 29. Januar 2014 nach mehr als einem Jahr auf dem Meer an Land gespült wurde. Er zündet sich einen Joint an, die Hände zittern. Er atmet tief.

Was ist los? Sie wirken unruhig.

Ich bin nicht mehr gern am Meer.

Aber es ist keine Wolke am Himmel. Kein Anzeichen eines Sturms.

So ruhig war es meistens. Und das bedeutet: kein Trinkwasser, brennende Sonne, Haie, Einsamkeit. Es kommen viele Erinnerungen hoch.

Welche vor allem?

Zu viele. Wie mein Freund verhungert. Wie ich meine Fußnägel verspeise. Schildkrötenblut trinke.

Wollen wir an einem anderen Ort sprechen?

Nein. Ich kann ja nicht immer fliehen. Ich bin ein Mann des Meeres.

Mehr als 400 Tage trieben Sie auf diesem Meer.

438 Tage. Und keinen weniger.

Überlebender Schiffbrüchiger José Salvador Alvarenga  fotografiert in der Naehe von Malibu Beach, Kalifornien, November 2015

438 Tage. 10 000 Kilometer. In einer Nussschale. Eine unglaubliche Odyssee. So unglaublich, dass manche sie anzweifeln.

Das macht mich traurig. Die sollten das mal durchstehen. Glauben Sie mir auch nicht?

Ich glaube Ihnen. Aber ich habe viele Fragen. Sie haben sich bisher nicht ausführlich geäußert.

Ich habe den Ansturm der Medien gehasst. Fragen Sie meine Kollegen.

Habe ich. Tatsächlich fuhr ein Fischer namens Salvador Alvarenga am 17. November 2012 im mexikanischen Fischernest Costa Azul hinaus aufs Meer und kehrte nicht zurück. Aber er war nicht allein.

Ezequiel Córdoba. Gott hab ihn selig.

Sie kannten Córdoba gar nicht. Er war erst zwanzig Jahre alt. Dennoch nahmen Sie ihn mit aufs Meer.

Ich wollte wie immer mit meinem Partner raus, Ray Perez, der ist erfahren, furchtlos. Aber an dem Tag musste Ray zur Polizei. Er hatte ständig Probleme mit dem Gesetz.

Und da nahmen Sie einen unerfahrenen Seemann?

Ein Fehler. Aber ich wollte unbedingt wieder raus. Am Vortag hatten wir Unmengen gefangen: Goldmakrelen, Haie, Marlins. 600 Kilo. Das ist viel Geld.

Es heißt, Ihnen bleiben gerade mal 40 Cents von einem Fisch, der auf dem Markt in Mexico City 25 Dollar kostet.

Kommt hin. Aber von einem guten Fang kann man eine Woche lang leben.Und Weihnachten stand vor der Tür. Wir brauchten Kohle.

Für jenen 17. November war Sturm aus Norden angekündigt, ein berüchtigter Norteño.

Wir hatten schon viele Norteños erlebt. Wir konnten nicht ahnen, dass es ein Jahrhundertsturm wird. Er meldet sich nicht gerade an.

Andere Fischer fuhren nicht raus. Über Funk wurde gewarnt.

Ich habe nichts gehört. Norteños lauern an Land, und erst über dem Meer entladen sie sich.

Was für ein Boot hatten Sie?

Acht Meter lang. Fiberglas. Keine Kajüte. Kein Dach. Ich nannte es "Titanic".

Das später gefundene Boot von José Salvador Alvarenga

Das einige Tage nach seiner Rettung gefundene Boot von José Salvador Alvarenga 


Ihre Ausrüstung?

250 Liter Benzin. 60 Liter Frischwasser. 50 Kilo Sardinen als Köder. Hunderte Fanghaken. Und das wichtigste: Rinderleber.

Rinderleber?

Für meine geliebten Tacos. Mit Tomaten und Koriander. Sehr lecker.

Ein Funkgerät?

Ja, aber nur halb geladen. Und ich schaue selten drauf.

GPS?

Ja, aber nicht wasserdicht.

Anker?

Ich dachte nicht, dass ich auf hoher See einen Anker brauchen würde.

Rettungswesten?

Eine.

Entschulden Sie die Direktheit. Wie leichtsinnig muss man sein. Solche Fehler können Leben kosten.

Ich habe einige Fehler gemacht. Aber 15 Jahre ging es gut.

So fahren Sie also raus, Richtung Golf von Tehuantepec, 90 Kilometer vor der Küste. Der Wetterbericht sagt voraus: starke Böen, 80 Stundenkilometer. Wenig Regen.

Die Wellen erreichten schon bald drei Meter Höhe, unser Boot wurde ein Spielball des Sturms. Córdoba seekrank. Ich entschied: Wir müssen zurück. Kurs: Nordost, 70 Grad.

In den Sturm hinein?

Mitten hinein. Der stärkste Sturm, in dem ich je war. Was für ein Gegner. Aber ich hatte Hoffnung. Lenkte uns mit Feingefühl, beschleunigte, wartete ab, ritt auf den Wellen, wie ein Surfer. Es war eine Achterbahnfahrt. Und das in der Nacht.

Sie klingen euphorisch.

Mehr Adrenalin geht nicht.

Es schwappte kein Wasser ins Boot?

Unmengen. Bald knietief. Wir schöpften Wasser ohne Ende. Wenn Córdoba nicht kotzte, schöpfte er. Dann flog er über Bord. Konnte sich so gerade noch an der Bordwand festklammern. Ich zog ihn an den Haaren wieder rein.

Es war nun etwa acht Uhr morgens. Sie waren die Nacht hindurchgefahren. Wie viel fehlte noch zum Land?

Ich sah schon die Berge. Wir waren etwa 25 Kilometer weg. Dann plötzlich hustet der Motor. Er rattert. Dann ist es vorbei. Ich dachte: Vielleicht ist es die Zündung, die Treibstoffzufuhr? Die Küste war zum Greifen nah.

Was machten Sie?

Ich funkte meinen Boss Willy an. Ich rief: Willy, der Motor ist kaputt. Er sagte: Gib mir die Koordinaten. Ich: Mein GPS funktioniert nicht. Er: Wirf Anker. Ich: Hab keinen dabei. Er: Wir suchen Euch.

Willy sagt, er ließ 14 Tage nach Ihnen suchen. Es scheint mir eine verschworene Gemeinschaft.

Wir nannten uns Tiburoneros.

Haifischjäger.

Wir haben uns gegenseitig in Seenot gerettet. Haben Männer verloren. Haben tagelang gefeiert. MitTequila und Frauen. Diese Einheit kann keiner beurteilen, der nicht zur See fährt.

Was bedeutete die See für Sie?

Alles. Liebe. Sie gab mir Essen. Adrenalin. Sie war mein Gegner. Mein Begleiter. Das können Landratten nicht beurteilen.

Jetzt waren Sie ihr ausgesetzt – ohne Motor.

Wir wurden hochgespült, hoch wie drei Stockwerke – und wieder runtergeschleudert. Wir lehnten uns gegen die Bootswand und knallten hin. Ich dachte: Wir packen das nicht lang. Wir sind zu schwer.

Was also tun?

Wir schmissen alles über Bord, 500 Kilo Fisch, 200 Liter Benzin. Ich baute einen Schleppanker aus einer Fangleine und 50 Bojen für mehr Stabilität. Er rettete uns.

Das Funkgerät?

War tot. Ich warf es über Bord.

Das war nur Tag eins. Die Vorhersage für Tag zwei lautete: Wind mit 90 Stundenkilometern, fünf Meter hohe Wellen.

Der Sturm dauerte fünf Tage. Wir schöpften immer gerade genug Wasser, dass wir nicht untergingen. Córdoba, völlig seekrank, schrie: Lass uns sterben. Ich schrie: Nein, wir halten durch.

Nach Berechnungen von Ozeanografen trieben Sie etwa 450 Kilometer aufs Meer. Keine Küstenwache sucht Sie da noch.

Ich wusste nicht, wo wir waren. Es gibt kaum etwas Unheimlicheres: im Sturm, in der Dunkelheit, auf diesem unendlichen Ozean.

Schliefen Sie überhaupt?

Kaum. In der Fischkiste. Eng an eng. Wir waren nass und kalt.

Zwei fremde Männer in enger Umarmung?

Wir haben sogar die Beine umeinander gewickelt.

Fünf Tage Sturm. Und dann?

Ist es plötzlich ruhig. Gespenstisch. Eine Flaute. Und wir am Leben. Ich blicke mich um. Ich sehe den Himmel wieder.

Aber kein Land in Sicht?

Kein Land.

Kein Schiff?

Nichts. Nur die brennende Sonne.

Wie schützen Sie sich?

Wir verbringen die Tage in der Kühlkiste. Aber unser erster Gedanke war: Wir werden verdursten. Mein Hals fühlte sich trocken an. Die Speiseröhre geschwollen.

Was trinken Sie?

Unser letztes Wasser. Dann irgendwann Urin. Er schmeckt salzig.

Survival-Experten raten davon ab. Im Urin sind viele Salze, die den Flüssigkeitsbedarf noch erhöhen.

Das merkten wir auch bald. Wir tranken dann warmes Schildkrötenblut. Ich fing Schildkröten.

Wie viel Essen hatten Sie noch?

Eine rohe Zwiebel.

Wovon lebten Sie?

Schildkröten und Quallen.

Wie schmecken Quallen?

Sie hinterlassen ein Brennen im Hals. Man muss sich die Nase zuhalten. Aber dann, nach zwei Wochen, spüren wir Tropfen.

José Salvador Alvarenga verlässt das Krankenhaus

Nach 14 Monaten auf See leidet Alvarenga unter Blutarmut und hat Parasiten in der Leber

Regen?

Endlich Regen. Zuerst nur ein paar Tropfen. Dann immer stärker. Wir tanzen vor Freude. Wir sammeln das Wasser auf einer Plastikplane. Von dort füllen wir es in Flaschen und Eimer ab.

Welche Flaschen?

Es treibt so viel auf dem Meer: Flaschen, Kanister, Tüten. Das Meer ist eine große Müllgrube. Man findet allerhand Kostbarkeiten.

Was fanden Sie noch?

Altes Küchenfett. Wir stürzen es hinunter. Ich stelle mir dabei vor: ein Hamburger, welch Delikatesse. Oder wir finden saure Milch. Ich fantasiere: Joghurt – wunderbar.

Sie treiben jetzt etwa 20 Kilometer pro Tag nach Westen. Wie ist es so allein an Bord, mit einem jungen Kerl wie Córdoba,Tag und Nacht?

Wir werden Brüder. Wir reden über unser Leben. Wir waren beide schlechte Söhne. Ich zudem ein schlechter Vater. Habe mein Dorf in El Salvador vor 15 Jahren verlassen. Mich nie um meine Tochter Fatima gekümmert. Wir versprachen uns: Wenn wir überleben, wollen wir bessere Menschen werden. Aber Córdoba wird schwächer.

Was ist passiert?

Er isst zu wenig. Ich fange Vögel und esse sie roh. Aber ihm wird davon schlecht. Er verweigert sich. Ich schneide ihm das Fleisch in Stücke, erwärme sie auf dem von der Sonne erhitzten Motor. Stecke sie auf Fischgräten - als Partyspieß. Erst dann isst er. Aber wir fangen nicht genug.

Wie reagierte Córdoba?

Er schrie nach seiner Mutter. Und: Haie werden mich fressen.

Es gab Haie?

Jede Menge. Sie klopften an. Sie spüren, dass da im Boot ihre Beute ist. Sie versuchen, es zu entern. Córdoba wird immer schwächer. Irgendwann kann er noch nicht mal die Wasserflasche heben. Wir machen einen Deal: Wer überlebt, besucht die Mutter des anderen.

Es war klar, wer überlebt.

Eines Tages sagt er: Ich sterbe.

Wann war das?

Nach etwa zwei Monaten. Ich sage ihm: Denk nicht dran. Er fleht: Wasser. Wasser. Ich halte es ihm an den Mund. Er stöhnt noch, er wird steif, dann ist es vorbei.

Er ist tot?

Ich schreie: Lass mich nicht allein. Du musst leben. Er hat die Augen noch offen.

Was machen Sie mit dem Leichnam?

Ich rede mit ihm.

Wie bitte?

Ich stabilisiere ihn, damit er nicht umfällt. Ich sage: Wie geht es dir heute? Wie ist der Tod so?

Werden Sie verrückt?

Ich bin einsam. Wir haben zusammen überlebt. Ich weine stundenlang. Ich stelle mir einfach vor, er lebt weiter.

Die Leiche verwest doch.

Die Sonne trocknet den Leichnam aus. Ich habe ihn sogar umarmt. Erst nach sechs Tagen frage ich mich: Was mache ich hier? Dann nehme ich ihm die Kleidung ab, ziehe sie an. Ich schiebe die Leiche ins Wasser. Dann werde ich ohnmächtig.

In den Medien wurde spekuliert, es könne sich um einen Akt von Kannibalismus handeln.

Lieber würde ich sterben.

Es war nie ein Thema zwischen Ihnen?

Córdoba fragte mich: Wirst du mich essen? Ich sagte im Scherz: An Dir ist nichts dran. 

Warum haben Sie überlebt?

Der Wille. Die Erfahrung. Aber ich fühle mich schuldig. Ich hatte Córdoba mitgenommen. Jetzt kann ich nicht mehr. Können wir mit dem Interview morgen weitermachen?

Ein anderer Tag. Eine düstere Gegend von Los Angeles. Pfandhäuser. 99-Cent-Läden. Dazwischen ein salvadorianisches Restaurant. Alvarenga bestellt Suppe und Tamales. Er stürzt sich drauf.

Sie schlingen das Essen hinunter.

Ich kann Unmengen essen.

Immer noch Nachholbedarf?

Ich verbrachte Tage ohne jede Nahrung. Der Hunger raubte mir den Verstand. Ich wollte meinen Finger abhacken, mit der Machete, in kleine Stücke, und verspeisen. Aber ich hatte Angst zu verbluten.

Wie haben Sie überlebt?

Ich habe Finger- und Fußnägel gegessen.

Wie schmecken Fußnägel?

Nicht so schlecht wie Barthaare. Ich schnitt sie mir ab, besprenkelte sie mit Salzwasser und schluckte sie als Knäuel hinunter. Oder zerstampfte Fischknochen zu Mehl und mischte es mit Wasser. Mein Haferbrei.

Davon können Sie doch nicht überleben.

Die meiste Zeit gab es Fisch. Ich fing sie mit bloßen Händen. Ich beugte mich über den Rand und ließ die Arme im Wasser baumeln. Irgendwann kommen sie. Am besten Drückerfische, wenn sie satt sind. Dann packte ich zu, bohrte Fingernägel in die Schuppen.

Und sonst?

Kleinere Haie sind eher leichte Beute. Man packt sie am Rücken und wirft sie ins Boot. Auch bildeten sich Muschelbänke unter dem Rumpf. Und einmal trieb da ein toter Wal. Das war ein Festmahl. Er zog andere Tiere an, viele Vögel.

Wie fängt man Vögel?

Ich entwickelte eine spezielle Technik. Sie landeten gern auf meiner Kühlkiste, weil sie auf dem endlosen Pazifik eine Flugpause brauchen. Man bleibt dann bewegungslos sitzen. Irgendwann packt man sie von unten an den Füßen. Aber sie wehren sich, beißen und hacken.

Er zeigt Arme und Hände voller Narben. 

Mit dem toten Wal kamen viele Seeschwalben. Ich legte mir eine Zucht an. Ich fing sie und brach ihnen die Flügel. Ließ sie Fußballspielen. Zehn gegen zehn.

Fußball?

Ich warf ihnen einen getrockneten Kugelfisch mit Stacheln hin. Den konnten sie nicht essen, aber sie waren so hungrig, dass sie sich drauf stürzten. Mexiko gegen Brasilien. Ich kommentierte live.

Wer gewann?

Mexiko natürlich.

Wie kamen Sie mit der Einsamkeit zurecht?

Sehr schwer. Ich redete mit mir selber. Betete mehrmals am Tag. Aus Haihaut machte ich Mokassins. Aus Knochen Trommelstöcke. Ich hielt mir einen Freund, Pancho, eine Meerente. Fütterte ihn. Redete mit ihm: Was für ein schöner Tag, Pancho.

Was wurde aus Pancho?

Ich tötete ihn in meiner Hungersnot. In der Nacht, um es nicht zusehen. Drehte ihm den Hals um. Danach weinte ich.

Und Sie sahen nie ein Schiff?

Doch, einige. Vor allem große Containerschiffe. Auch Handelsschiffe. Ich suchte nach jedem kleinen Hinweis am Horizont. Ich band mein T-Shirt an eine Holzstange. Wollte es anstecken, um mit der Rauchwolke auf mich aufmerksam zu machen. Einmal kam eines direkt auf mich zu.

Die Rettung?

Das dachte ich. Ich winkte, ich schrie. Es kam näher, 300 Meter, 200 Meter. Und dann fuhr es direkt an mir vorbei. Kein Mann an Deck. Diese Monster fahren auf Autopilot.

Da wird man doch verrückt.

Ich wurde langsam verrückt. Ich hatte da schon zehn Mondphasen hinter mir, 300 Tage.

Kommen da nicht Gedanken an den Freitod? Es kommt ein Buch über Sie heraus, in dem es heißt, Sie hatten Suizidgedanken.

Ich habe daran gedacht. Hatte Depressionen. War einsam. Aber sterben wollte ich nicht. Meine Mutter hat mir immer gesagt: Selbstmörder kommen nicht in den Himmel.

Sind Sie sehr gläubig?

Ich war es nie. Bin nie zur Kirche gegangen. Aber durch Córdoba fand ich zum Glauben. Wir beteten immer zusammen. Ich fragte: Gott, was willst du noch? Was muss ich noch überleben? Und ich gab ein Versprechen: Wenn ich überlebe, werde ich ein anderer Mensch.

Sie waren seit Monaten mitten auf dem Pazifik. Bis zur nächst großen Landmasse, Australien, waren es 2500 Meilen.

Und dann sah ich auf einmal Treibholz. Äste. Es musste Land in der Nähe sein. Ich erblickte eine Insel. So dachte ich. Wahrscheinlich wieder Halluzinationen. Aber sie blieb. Eine Insel mit Palmen. Ohne Menschen. Ohne Häuser. Ich sprang über Bord, paddelte wie wild. Hatte keine Muskeln um zu schwimmen. Wurde aber an Land gespült.

José Salvador Alveranga verlässt nach seiner Rettung ein Boot der Küstenwache

Alvarengas Odyssee endete am 30. Januar 2014 auf den Marshallinseln. Er wurde per Boot in ein Krankenhaus gebracht. In See gestochen war er im November 2012


Es handelte sich um Tile Islet, eine von mehr als 1000 winzigen Inseln der Marshall Islands. Was machten Sie zuerst?

Ich krallte mich in den Sand. Erde. Blumen. Ich aß Blumen. Ich wollte gehen, aber die Kraft reichte nur für ein paar Schritte. Ich war Knochen und Haut. Ich verlor das Bewusstsein.

Erde und Blumen am Strand?

Sie glauben mir nicht?

Ich glaube Ihnen, aber solche Details kann keiner überprüfen. Ist etwas Seemannsgarn dabei?

Überhaupt nicht. Mein Boot wurde gefunden.

Experten halten Ihre Odyssee für plausibel. Auch den emotionalen Zusammenbruch.

Ich schleppte mich langsam über die Insel. Sie war so groß wie einige Fußballfelder. Ich dachte, jetzt musst du an Land überleben und auf ein Schiff warten. Da sah ich etwas Rotes.

Ein Haus?

Ein Hemd. Dann ein Haus. Auf der anderen Seite eines Kanals. Ich dachte: Wilde? Kannibalen? Da sah ich eine Frau. Ich winkte. Sie winkte. Das war Emi und dann auch ihr Mann Russell. Ureinwohner. Sie fütterten mich durch.

Was war Ihre erste Mahlzeit?

Pfannkuchen. Ich stürzte sie mit beiden Händen in mich rein. Dann Reis und Kokosnuss. Hühner. Alles. Emi und Russell riefen nach Hilfe. Es kamen ein Polizist und eine Krankenschwester. Sie setzten mich in ein Boot und brachten mich in ein Krankenhaus.

Wie lautete die Diagnose?

Ich litt unter Blutarmut. Die Leber war voller Parasiten wegen der roh verspeisten Vögel. Ich verbrachte elf Tage im Krankenhaus. Aber ich war bei Verstand. Ich war am Leben. Das Schlimmste kam danach: Medien. Diplomaten. Produzenten. Ein wahrer Sturm.

Jose Alvarenga umarmt nach der Entlassung aus dem Krankenhaus seine Eltern

Alvarenga (M.) umarmt seine Eltern Mariá Alvarenga und José Ricardo Orellana nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus. Er sagt, er sei ein schlechter Sohn gewesen

Der letzte Tag. Eine Sozialwohnung westlich von Los Angeles. Alvarenga wohnt hier bei seiner Tante. Ein Anwalt hat ihm ein US-Visum besorgt. Sie wollen die Filmrechte verkaufen. In der Ferne die Berge, die weißen Buchstaben: HOLLYWOOD. 

Sie wollen einen Hollywood-Film über ihr Leben machen lassen?

Ein Film wäre wunderbar. Darüber dass es sich lohnt zu kämpfen. Was glauben Sie, wie viel kann ich bekommen?

Keine Ahnung. Aber die Leute in Hollywood sind gerissen. Suchen Sie sich einen guten Berater.

Ich kann nicht lesen. Ich bin nur zwei Jahre zur Schule gegangen. 

Im Guardian hieß es, ein Anwalt habe Sie bereits auf eine Million Dollar verklagt, weil Sie sich nicht an eine Abmachung hielten.

Ich hatte ja keine Ahnung. Es gab so viele Versprechungen.

Sie müssen aufpassen, dass man Sie nicht ausnimmt. Glauben Sie, dass Sie gewappnet für Hollywood sind?

Ich weiß nicht.

Sie wirken hier etwas verloren.

Ich habe Heimweh. Mir fällt es schwer genug, über mein Schicksal zu sprechen. Mir ist das alles zu viel. 

Wie war Ihre Rückkehr nach El Salvador, in Ihren Heimatort Garita Palmera?

Nicht leicht. Es war das erste Mal nach 15 Jahren. Meine Tochter wusste nicht mal, dass ich verschollen war. Sie fragte: Warum hast du mich nie besucht? Ich sagte ehrlich: Ich habe viel gefeiert und Drogen genommen. Sie hat mir schließlich verziehen.

Wie sehen die Menschen Sie heute?

Ich bin eine Berühmtheit. Meine Geschichte ging um die Welt. Alle Kirchen wollen mich als Prediger. Ich soll den Menschen erzählen, wie Gott mich gerettet hat. Aber es gibt viel Missgunst. Die Leute denken, ich sei jetzt reich. Ich war kurz wieder mit der Mutter meiner Tochter zusammen, aber sie wurde immer eifersüchtig, weil alle Frauen mich wollten. Jetzt habe ich eine junge Freundin, erst 21. Sie erwartet ein Kind von mir.

Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Körperlich okay. Ich habe lediglich einen Leberschaden. Aber ich wache nachts oft auf und bin im Traum wieder auf dem Meer. Ich kann nicht allein sein. Lasse das Licht nachts an. Ich gehe zu einem Psychologen. Das hilft etwas.

Haben Sie wie versprochen Córdobas Mutter besucht?

Ja, ich fuhr nach Mexiko. Sprach zwei Stunden mit ihr. Sie glaubt mir, dass ich ihren Sohn nicht getötet habe. Aber die Brüder glauben mir nicht. Sie wollen Geld.

Sie wirken so, als würde Sie das alles sehr belasten.

Ich will nur mein einfaches Leben zurück. Ein Häuschen. Eine Familie. Ein kleines Geschäft,Werkzeugverkauf oder so. Nur zur Seefahren werde ich nie mehr.



Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.