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Notaufnahme in Jena: Der ganz normale Wahnsinn im Schockraum

"Jeder. Immer. Alles." So lautet das Motto des Teams, das in der Jenaer Notaufnahme jährlich 33.000 Patienten versorgt. Ob Herzinfarkt oder Pilzvergiftung – hier muss jeder Arzt alles behandeln können.

Von Anika Geisler

Im Schockraum Nummer 2 Jenaer Notaufnahme kümmern sich Ärzte, Schwestern und Pfleger um einen verletzten Mann

Im Schockraum Nummer 2 Jenaer Notaufnahme kümmern sich Ärzte, Schwestern und Pfleger um einen verletzten Mann

Das rote Telefon in seiner Kitteltasche ist das Schockraumhandy. Wenn es klingelt, wird selbst der unbeirrbar gut gelaunte Steffen Herdtle ernst. Denn nun naht etwas wirklich Schlimmes: ein schwerer Unfall, ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall. Oberarzt Herdtle, 1,96 Meter groß, mit randloser Brille, lauscht an diesem Mittwochmittag in den Hörer und vergewissert sich, dass er alles richtig verstanden hat. Dann legt er auf. Ein Blick in die Runde, ein schnelles Briefing für die Kollegen: "Verkehrsunfall, der Hubschrauber kommt in zehn Minuten."

Kurz darauf versammeln sich 16 Ärzte, Schwestern und Pfleger im Schockraum 2 der Notaufnahme der Uniklinik Jena. Hier versorgt das Team "Polytraumen"– Schwerverletzte, die aus Jena und Umgebung eingeliefert werden. 180 Mal im Jahr passiert das.

Ausnahmesituationen wie diese können Hektik und Chaos auslösen. Dieser Gefahr wird hier mit einem festgelegten und genau geprobten Schema begegnet. Konzentriert steht jeder an seinem Platz und bereitet sich auf seine zugewiesene Aufgabe vor. Ein für diese Minuten ernannter Teamleiter wird den Überblick behalten und die Anweisungen geben. Zwei Mitarbeiter sind für die Atemwege des Kranken zuständig, kümmern sich um Sauerstoff und die Beatmungsmaschine. Ein anderer hält die farblich markierten Medikamentenboxen parat. Blau: Schmerzmittel, lila: Kreislaufmedikamente, gelb: Narkosemittel. Der Leiter der Notaufnahme, Christian Hohenstein, steht steril vermummt bereit, um zentrale Gefäßzugänge für Infusionen oder Blutkonserven zu legen.

Routine im Schockraum

Dann schwingt die automatische Tür am Eingang der Notaufnahme auf. Die Hubschrauberärztin mit der neongelben Weste und ein Rettungsassistent rollen eine Trage auf einem hohen Gestell herein. Darauf liegt festgezurrt ein Mann, er ist wach und blinzelt ins Deckenlicht. Seinen Hals umschließt eine Plastikhalskrause, die die Wirbelsäule stabilisiert. Die Ärztin übergibt den Patienten: 36 Jahre alt, mit dem Auto an einen Baum geprallt, Geschwindigkeit unklar, Airbag hat sich geöffnet, Fahrer war eingeklemmt, die Feuerwehr hat ihn herausgelöst, Atmung, Puls und Blutdruck stabil.

Das Team im Schockraum übernimmt. Über der Tür zeigt eine Stoppuhr mit großen roten Ziffern die verrinnenden Sekunden. "Umlagern mit Unterlage, Kommando auf drei“, befiehlt der Teamleiter, und 18 Hände heben den Verletzten auf die Liege vor dem Computertomografen. "Bodycheck!"Ein Arzt tastet Oberkörper und Bauch nach Brüchen und Verletzungen ab. Der Zustand des Patienten bleibt stabil, er hat keine auffälligen Blessuren. "Alle raus", ruft der Teamleiter nach sieben Minuten und 15 Sekunden. Der Computertomograf startet, wegen der Röntgenstrahlen warten alle im Nebenraum, einer Art Schaltzentrale. Dort erscheinen auf einem campingtischgroßen Bildschirm an der Wand die Aufnahmen aus dem Körperinneren des Patienten. Der Radiologe analysiert sie sofort.

Auf der Liege vor dem Computertomografen wird ein Verletzter im Schockraum nach einem festen Schema untersucht

Auf der Liege vor dem Computertomografen wird ein Verletzter im Schockraum nach einem festen Schema untersucht

Einzigartige Notaufnahme

Als die Stoppuhr 17 Minuten und eine Sekunde anzeigt, ist klar: Der Mann hat großes Glück gehabt – keine inneren Blutungen, keine zerrissenen Organe; Schädel, Gehirn und Wirbelsäule sind in Ordnung. Nur die Knochen des linken Knies sind lädiert. Ein Fall für die Kollegen der Unfallchirurgie.

"Standardisierte Abläufe helfen, dass in stressigen Situationen nichts durcheinandergeht“, sagt Oberarzt Herdtle, ausgebildeter Anästhesist, der schon mit elf Jahren bei der Jugendfeuerwehr war. "Man weiß nie genau, wie schlecht es dem Patienten geht. Manchmal ist es schlimmer als angekündigt, manchmal harmloser. Aber wir sind immer auf alles vorbereitet."

Chefarzt Wilhelm Behringer hat die ganze Zeit im Hintergrund gestanden und beobachtet. "Ich versuche, bei möglichst vielen Schockraumeinsätzen dabei zu sein, um kontinuierlich zu überprüfen, ob man an den Abläufen noch etwas verbessern kann“, sagt der 51-Jährige. Vor eineinviertel Jahren kam der Wiener nach Jena und wurde der erste Professor für Notfallmedizin hierzulande. Seine Notaufnahme ist deutschlandweit einzigartig: 27 fest angestellte Ärzte arbeiten in einem ausgeklügelten Schichtsystem und versorgen täglich bis zu 130 Kranke. Von Zeckenstich, Bauchweh und Husten über Panikattacken und Armbrüche bis hin zu Pilzvergiftungen, Messerstechereien und Stürzen vom Balkon. 33.000 Patienten im Jahr. Etwa 12.000 kommen mit dem Rettungsdienst, rund 1100 mit dem Hubschrauber. 70 Prozent der Patienten, oftmals jene, die zu Fuß in die Notaufnahme kommen, können die Mediziner zügig versorgen und anschließend wieder entlassen. Das Team arbeitet schnell, präzise und effektiv.

Chefarzt Wilhelm Behringer beobachtet oft die Abläufe im Schockraum, um sie weiter zu perfektionieren

Chefarzt Wilhelm Behringer beobachtet oft die Abläufe im Schockraum, um sie weiter zu perfektionieren

Unzufriedene Patienten, unzufriedene Ärzte

So soll es sein. Aber in zahlreichen anderen der mehr als 1300 deutschen Rettungsstellen, die schätzungsweise 25 Millionen Patienten pro Jahr versorgen, läuft der Alltag ganz anders. Unorganisierter. Planloser. Schlechter. Oftmals arbeiten hier vor allem Assistenzärzte, die während ihrer Ausbildung durch die unterschiedlichen Stationen in einer Klinik rotieren. Die Etappe Notaufnahme gilt häufig als kurze Pflichteinheit. Sobald sich die Jungmediziner eingearbeitet haben, wechseln sie schon wieder zur nächsten Abteilung.

Zudem ist in vielen deutschen Notaufnahmen die Tätigkeit von Internisten und Chirurgen strikt voneinander getrennt. Sind die Beschwerden des Patienten nicht eindeutig einer Fachrichtung zuzuordnen, verzögern sich Diagnostik und Behandlung. Die Oberärzte sind im Operationssaal oder auf anderen Stationen, schwer greifbar für die jungen diensthabenden Ärzte, die dann überfordert und allein gelassen vor sich hin wursteln. Und immer wieder haben sie mit Menschen zu tun, die eigentlich gar keine Notfälle sind, sondern die Notaufnahme als Praxisersatz nutzen. Die Folge aus alledem: unzufriedene Patienten, unzufriedene Ärzte, Wartezeiten von vielen Stunden.

Von Chirurgie bis Psychiatrie

Auch Christian Hohenstein, der Leitende Arzt, arbeitete früher in einer Notaufnahme der alten Schule mit strikt getrennten Fachdisziplinen: "Wenn draußen Glatteis war und die Leute reihenweise mit gebrochenen Handgelenken kamen, weil sie gestürzt waren, wusste ich als chirurgisch tätiger Arzt nicht mehr, wohin vor Arbeit. Die Internisten haben sich derweil zeitweise gelangweilt. Das läuft bei uns in Jena jetzt anders."Der Wahlspruch in der Abteilung lautet: "Jeder, immer, alles."Das bedeutet: Jeder Arzt in der Notaufnahme ist in der Lage, internistische und chirurgische Krankheiten zu diagnostizieren und mit der Behandlung zu beginnen.

Die Mediziner müssen sich auch in Neurologie, Psychiatrie, Intensivmedizin, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und Dermatologie auskennen. "Hier sind alle fachlich breit aufgestellt. So kann jeder jedem helfen und jeder immer jeden Fall übernehmen oder einspringen“, erklärt Hohenstein. "Das heißt auch: Entweder alle machen Pause – oder keiner."

Chefarzt Wilhelm Behringer, der in seinem Wiener Dialekt statt Urinbeutel "Harnsackl"und statt Labor "Laber"sagt, kämpft dafür, dass irgendwann in ganz Deutschland die Versorgung in den Rettungsstellen verbessert wird. "In den meisten europäischen Ländern, in den USA und Australien gibt es eine fünfjährige Facharztausbildung zum Notfallmediziner", sagt er. "Man lernt, wie man zügig vom Symptom zur richtigen Diagnose kommt. Dafür muss man viele verschiedene mögliche Diagnosen im Kopf haben. Wenn jemand etwa mit Schwindel kommt, kann die Ursache eine Erkrankung des Herzens, des Gehirns oder des Gleichgewichtsorgans sein oder etwas Psychisches."Sein Kollege Hohenstein ergänzt: "Und man lernt, wie man mit relativ wenig Informationen weitreichende Entscheidungen fällt."

Die Aufnahmen aus dem Computertomografen erscheinen im Nebenraum auf einem großen Bildschirm, der Radiologe analysiert sie sofort

Die Aufnahmen aus dem Computertomografen erscheinen im Nebenraum auf einem großen Bildschirm, der Radiologe analysiert sie sofort

Die Jenaer Notaufnahme ist in die "Lieger“- und die "Läufer“-Seite eingeteilt. Im linken Trakt werden die Patienten versorgt, die liegend eingeliefert werden; im rechten jene, die laufen können. "Die Läuferseite erscheint auf den ersten Blick unspektakulärer. Aber gerade hier muss man als Arzt besonders wachsam sein“, sagt Christian Hohenstein. "Die Kunst ist es, die gefährlichen Fälle herauszufischen."Was hat die rothaarige Frau mit den Bauchschmerzen? Ist es der Magen, die Gallenblase, ein Harnwegsinfekt, der Blinddarm oder doch eine Eileiterschwangerschaft? Oder der Mittfünfziger mit den Kopfschmerzen: Ist es ein simpler grippaler Infekt oder Migräne oder doch eine Hirnhautentzündung?

Riskante Ellenbogenschmerzen

Jeder der Ärzte hier erinnert sich an Fälle, die auf den ersten Blick banal erschienen und sich später als dramatisch entpuppten: der Mann, der wegen Schmerzen in den Ellenbogen kam – und der letztlich einen Herzinfarkt hatte, bei dem die Schmerzen nicht in der Brust auftraten, sondern an diesen Stellen des Arms. Oder der junge Vater, der sich nach dem Toben mit seinen Kindern "irgendwie unwohl"fühlte – und bei dem herauskam, dass er einen lebensgefährlichen Einriss der Aortenwand hatte, verursacht durch einen Stoß seines kleinen Sohnes. Oder der alte Herr mit Parkinson, der nicht mehr richtig gehen konnte und bei dem die niedergelassenen Ärzte gedacht hatten, das läge an seiner lange bekannten Krankheit. In Wirklichkeit hatte man einen Beckenbruch übersehen.

Natürlich gibt es auch hier immer mal wieder die Fälle, bei denen die Mediziner genervt sind. Der Betrunkene, der nach einer Kneipentour auf die Idee kommt, nachts um elf die Rückenschmerzen, die er seit sechs Wochen hat, untersuchen zu lassen. "Früher, als junger Arzt, war ich bei so jemandem sauer und habe mit ihm herumdiskutiert, warum er nicht tagsüber zum Hausarzt geht“, sagt Chefarzt Behringer. Aber das bringe nichts, der Patient fühle sich in dem Moment eben als Notfall, und der Arzt solle so jemanden lieber schnell untersuchen und schauen, ob die Beschwerden harmlos sind oder nicht.

Und so seltsam es klingt: Genervtheit kann sogar ein diagnostisches Mittel sein. Wenn die Jenaer Notärzte merken, dass sie gereizt sind, weil ein Patient zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit wegen etwas scheinbar Lapidarem kommt, schrillen bei ihnen die Alarmglocken. Sie nennen es das "Wiederkehrer-Phänomen“. Solche Patienten müssen besonders sorgsam untersucht werden – denn oftmals wurde beim ersten Mal doch etwas Wichtiges übersehen.

Trotz Hektik ein Menschenfreund geblieben

Die Mischung aus Detektivarbeit und Nervenkitzel ist für viele der Ärzte hier Berufung. "Ich möchte nirgendwo anders arbeiten“, sagt Oberarzt Felix Lorang, Turnschuhe und markante Hornbrille, der zur Nachmittagsschicht kommt. Der 41-jährige Kardiologe könnte in einer Praxis mit sehr viel weniger Arbeitsaufwand sehr viel mehr Geld verdienen. "Aber immer, wenn ich über diese Option nachdenke, sagt meine Frau: Hör auf mit dem Quatsch, das ist nichts für dich“, erzählt er und grinst.

Wer Lorang bei der Arbeit zusieht, spürt, dass er trotz all der Hektik ein Menschenfreund geblieben ist. Dem 16-Jährigen, der mit kribbelnden Händen, tauben Füßen und Puls 150 eingeliefert wird und Angst hat, nach "seiner allerersten Zigarette" vergiftet zu sein, streicht er beruhigend über den Arm: "Du bist nicht vergiftet, dir kann nichts passieren. Atme ganz langsam aus, und zähle dabei bis fünf." Schon nach den ersten Sätzen der Rettungsassistenten hatte Lorang nämlich einen Verdacht: Der Teenager hat vermutlich das erste Mal Haschisch geraucht, dann Angst bekommen und hyperventiliert, also zu hektisch geatmet – das löst derartige Symptome aus.

Eine alte Dame wird eingeliefert. Sie ist eine Treppe hinuntergestürzt. Gesicht und Pullover blutverschmiert, Kopfverband, geschienter Arm und starke Beinschmerzen – doch ihre erste Sorge gilt den Ärzten, die sie ja nun um den Feierabend bringe. Lorang lächelt und versichert ihr, dass sie sich darum keine Sorgen machen müsse. Die alte Dame seufzt erleichtert auf.

"Früher oder später muss hier jeder seine Hüllen fallen lassen"

"Hier sieht man das wahre Leben. Die Menschen können sich meist nicht auf den Besuch bei uns vorbereiten, manche kommen in Schlafanzug und Pantoffeln, andere nur in Unterwäsche", sagt Lorang anschließend. Und früher oder später muss hier jeder seine Hüllen fallen lassen.

Dabei erleben die Ärzte auch Skurriles, autoerotische Unfälle zum Beispiel. Christian Hohenstein erinnert sich an einen Mann, der ins Sprechzimmer kam. "Herr Doktor, mir ist ein Malheur passiert", sagte er, legte den Griff eines Vibrators auf den Tisch und ergänzte: "Der Rest ist noch drin."

Oberarzt Steffen Herdtle (links im Bild) legt nebenan bei einem Patienten, der nahezu bewusstlos zu Hause vorgefunden wurde, einen Gefäßzugang; sein Blutzuckerwert ist der höchste, der je in der Notaufnahme gemessen wurde. 

Oberarzt Steffen Herdtle (links im Bild) legt nebenan bei einem Patienten, der nahezu bewusstlos zu Hause vorgefunden wurde, einen Gefäßzugang; sein Blutzuckerwert ist der höchste, der je in der Notaufnahme gemessen wurde. 

"Helm, Helm, Helm"

Um null Uhr ist dieser Mittwoch in der Jenaer Notaufnahme vorbei – nach 103 Patienten. Ein Tag der Superlative. Der höchste Promillewert der Woche: 3,4. Die älteste Patientin des Jahres: eine 102-Jährige, die aus dem Bett gefallen war. Und der höchste Blut zuckerwert, der je in der Notaufnahme gemessen wurde: 1067 Einheiten. Gesunde haben einen Wert um 100.

Und welche Lehren nehmen die Ärzte von hier mit, für den eigenen Alltag zu Hause? "Helm, Helm, Helm", sagt Oberarzt Steffen Herdtle, "beim Fahrradfahren und Inlineskaten." Felix Lorang sagt: "Meine drei Töchter dürfen nicht reiten. Ich habe zu viele schwere Unfälle gesehen." Und Christian Hohenstein sagt: "Man wird demütiger, wenn man hier arbeitet." So oft habe er erlebt, wie schnell sich das Leben komplett ändern kann. Innerhalb von Sekunden, "mit einem Fingerschnipp"– und nichts ist mehr wie bisher.

Im Notfall würden stern-Reporterin Anika Geisler und Fotograf Bertram Solcher, beide Mediziner, am liebsten auch nach Jena gebracht werden