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Ölpest im Golf von Mexiko: Auch Florida ruft den Notstand aus

Die Ölpest im Golf von Mexiko nimmt immer verheerendere Ausmaße an. Auch Florida hat den Notstand ausgerufen. Erste Ölschlieren schwappen unterdessen ins Mississippi-Delta.

Nach dem US-Bundesstaat Louisiana hat das ebenfalls von der Ölpest im Golf von Mexiko betroffene Florida den Notstand ausgerufen. Gouverneur Charlie Crist unterzeichnete am Freitag eine entsprechende Entscheidung. Damit kann der Bundesstaat nun Notmittel einsetzen und Unterstützung aus Washington anfordern, um gegen die Folgen des Bohrinsel-Unglücks in der vergangenen Woche anzukämpfen.

Louisiana hatte am Donnerstag den Notstand ausgerufen, zugleich erklärte die US-Regierung in Washington die Ölpest zur "nationalen Katastrophe". Starke südöstliche Winde trieben am Freitag bereits erste Ölschlieren in das Küstengebiet um das Mississippi-Delta. In Florida, Alabama und Mississippi ist die Fischerei in Gefahr, die das Hauptstandbein der örtlichen Wirtschaft ist. Die US-Ratingagentur Fitch bezifferte den wirtschaftlichen Schaden auf zwei bis drei Milliarden Dollar (1,5 bis 2,2 Milliarden Euro).

Bislang gingen in Louisiana und in Alabama bereits acht Klagen gegen den Betreiber der Bohrinsel, den britischen Ölkonzern BP, ein. Vertreter einzelner Berufsgruppen, unter anderem der Fischerei, der Gastronomie, der Tourismus- oder der Immobilienbranche, werfen BP vor, keine ausreichenden Vorkehrungen zur Vermeidung einer solchen Umweltkatastrophe getroffen zu haben.

Schlimmste Katastrophe in der Geschichte

Auf der Bohrinsel hatte sich am 20. April eine Explosion ereignet, zwei Tage später versank die Plattform im Meer. Elf Arbeiter starben bei dem Unfall. BP hat zehn Untersee-Roboter im Einsatz, die bislang erfolglos versuchen, das Leck in 1500 Metern Tiefe zu schließen. Gleichzeitig bauen Ingenieure eine riesige Kuppel, um das ausströmende Öl unter der Wasseroberfläche einzufangen und von dort abzupumpen - doch deren Fertigstellung dauert mindestens zwei Wochen.

Der US-Küste droht aus Sicht von Umweltschützern die schlimmste Ölkatastrophe in der Geschichte des Landes. Sie befürchteten am Freitag, die Ölpest im Golf von Mexiko könne verheerender werden als das Tankerunglück der "Exxon Valdez" 1989 in Alaska. Naturschutzgebiete im Mississippi-Delta werden von den Ölmassen gefährdet, die am frühen Freitag die Küstengewässer des US-Bundesstaates Louisianas erreichten. Das Öl sprudelt aus mehreren Lecks einer Ölleitung der gesunkenen Plattform "Deepwater Horizon" Das Unglück der "Exxon Valdez" gilt als die bisher schlimmste Ölpest der USA. Hunderttausende Vögel und Fische sowie tausende Säugetiere starben. Die Folgen sind bis heute zu spüren.

"Wir sind hier auf das Schlimmste vorbereitet", sagte die Sprecherin der Wildschutzbehörde von Louisiana, Laura Deslatte. Experten befürchten, dass sich die rostbraune Öl-Masse übers Wochenende ihren Weg bis nach Florida bahnt. US-Präsident Barack Obama geriet unterdessen wegen seiner Ölbohrpläne in die Kritik.

Er unterstrich in Washington, dass der britische Ölkonzern BP für die entstehenden Kosten der Ölpest im Golf von Mexiko aufkommen muss. Der Energiekonzern erklärte am Freitag, man wolle die "volle Verantwortung" für den Ölteppich übernehmen.

Barrieren reichen längst nicht aus

Obama erklärte im Weißen Haus, seine Regierung werde weiterhin alles zur Bereinigung der Katastrophe beitragen, was nötig sei. 1900 staatliche Helfer seien bereits am Golf von Mexiko stationiert. 300 Schiffe und Flugzeuge seien vor der Küste Louisianas im Einsatz. Außerdem würden sämtliche Ölplattformen vor den US-Küsten derzeit auf ihre Sicherheit überprüft.

Obama reiste zunächst nicht in die Region, sondern schickte Heimatschutzministerin Janet Napolitano, Innenminister Ken Salazar und die Chefin der US-Umweltbehörde EPA, Lisa Jackson. Sie sollten sich einen Überblick über das Ausmaß des Desasters verschaffen, das am Vortag als Katastrophe "nationalen Ausmaßes" eingestuft worden war.

Umweltschützer zeigten sich besorgt über die Lage im Golf von Mexiko. "Das ist ein Desaster, jenseits jeden Ausmaßes, das ich je erlebt habe", sagte ein Experte der Ozean-Gesellschaft in San Francisco, Stan Minasian, in US-Medien. Auch die Fischerei- und Tourismus-Industrie verfolgen die Entwicklung mit großer Sorge, sie sehen erneut ihre Existenz bedroht. Die US-Bundesstaaten Louisiana, Mississippi, Florida, Georgia und Alabama waren im August 2005 vom Hurrikan "Katrina" heimgesucht und schwer verwüstet worden.

An der Küste Louisianas bereiteten sich Biologen auf die Rettung von ölverschmierten Tieren vor, sagte Wildschutzexpertin Deslatte. "Wir durchforsten die Region nach Tieren, die durch das Öl in Not geraten", sagte sie. Spezielle Stationen seien zur Säuberung eingerichtet worden.

Der Ölteppich könnte bald die Küsten erreichen

Tausende Helfer waren an Land im Einsatz. Das Wetter arbeitete gegen sie: Starke Winde und eine raue See trieben den Ölteppich voran und verhinderten die Säuberungsarbeiten auf dem Meer. "Auch heute wird es nicht möglich sein, mit dem Abfackeln des Ölfilms fortzufahren", sagte ein Sprecher der Küstenwache, Michael Abendhoff.

Bereits am Vortag hatten die Helfer Pläne aufgegeben, den auf die Küste zutreibenden Ölteppich durch kontrollierte Brände aufzulösen. Er war am Freitag bis zu 72 Kilometer breit und bis zu 160 Kilometer lang. Hohe Wellen trieben das Öl auf das von Menschen unbewohnte Wildschutzgebiet Pass-A-Loutre am Mississippi-Delta zu. Nach Berechnungen der Meeresbehörden könnte der Ölteppich über das Wochenende die Küsten Mississippis und Alabamas erreichen. Die bislang verlegten Barrieren mit einer Länge von 61 Kilometern reichten nach Angaben der Experten längst nicht aus, um das Öl von Louisianas Küste fernzuhalten.

75 Schiffe lagen am Morgen bereit, um die Mischung aus Öl und Wasser aus dem Meer abzusaugen. Bislang hätten diese Schiffe rund 2800 Tonnen abpumpen können, so die Küstenwache. Hilfstrupps haben nach Angaben des Heimatschutzministeriums bis Freitag 380 000 Liter an chemischen Mitteln ins Meer gekippt, um das Öl zu zersetzen.

Tausende Kilometer nördlich, in der Hauptstadt Washington, wurde am Freitag eine Frage immer lauter: "Was ist falsch gelaufen?" In die Schusslinie gerieten nicht nur der Ölkonzern BP und der Plattformbetreiber Transocean, sondern vor allem Obama. Der US- Präsident, der als Verfechter grüner Energien angetreten war, hatte Umweltschützer vor einem Monat vor den Kopf gestoßen, als er grünes Licht für Ölbohrungen vor der US-Küste gab. Der demokratische Senator aus Florida, Bill Nelson, kritisierte Obama am Freitag. "Stoppen sie den Fünfjahresplan für Bohrungen vor der Küste", forderte er.

DPA/AFP / DPA