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stern-Repoter vor Ort Unterwegs im Migrantenviertel - was Einwanderer in Paris über den Terror denken


In konservativen Medien wird Goutte d'Or gerne als "No-go-Area" bezeichnet, aber die multikulturelle Nachbarschaft wirkt bunt und freundlich. Was denken die Leute hier über den Terror? Streifzug durch ein Migrantenviertel mitten in Paris.
Von Silke Müller, Paris

Es riecht nach getrocknetem Fisch und geröstetem Mais, und als die Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer des Pariser Terroranschlags große Teile Europas innehalten lässt, werden hier Säcke voller Erdnüsse ausgeladen und die Händler mit den gefälschten Gucci-Taschen huschen um die Ecke. 

Paris, hinter dem Gare du Nord: Im 18. Arrondissement zwischen den Metro-Stationen Barbès-Rochechouart und Chateau Rouge, liegt "La Goutte d’Or", das letzte Arbeiterviertel der Stadt. Über die Hälfte der Einwohner sind Migranten. Frauen in knallbunten afrikanischen Roben mit passendem Kopfputz tragen ihre Einkäufe nach Hause, Männer mit langen Gewändern stehen diskutierend auf der Straße, eine Truppe lärmernder afrikanischer Kinder turnt zwischen geparkten Autos herum. Vor allem Einwanderer aus dem Maghreb und den afrikanischen Ländern südlich der Sahara haben sich hier niedergelassen und bilden eine multikulturelle, multireligiöse Nachbarschaft, die konservative Medien als "No-go-Area" bezeichnen.

Klein-Afrika an der Station Chateau Rouge

Doch wenn die Gegend eines nicht ist, dann eine "Go-Area": Ein Markt verwandelt die Straße direkt an der Station Chateau Rouge in "petite Afrique", Klein-Afrika. Die Metzger, Fischläden und Gemüsehändler stellen ihre Ware auf die Straße. Läden voller quietschbunter Waxprint-Stoffe, afrikanische Haarsalons, Beauty-Shops und das selbst ernannte beste Couscous-Restaurant der Stadt reihen sich aneinander und laden zum Entdecken ein. Unfreundlich, gar abweisend ist hier niemand. Eher im Gegenteil.

"Setzt Euch zu mir. Wollt Ihr einen Kaffee?", sagt Mohammed, 39. Er stammt aus Tunesien, sitzt vor der Tür des Restaurants "Le Doudeauville" und trinkt Mokka. "Was am Freitag passiert ist, berührt uns alle", sagt er. "Hier im Viertel leben Menschen aller Religionen, und wir alle haben die gleichen Ziele. Das wird uns nicht auseinander bringen." Er verurteilt die Politiker, die um Öl und Einfluss kämpften, das sollten sie doch lieber unter sich ausmachen, statt es auf dem Rücken der einfachen Leute auszutragen. 

Die Attentäter selbst machen ihn wütend: "Was erlauben die sich, über uns, die Franzosen und unseren Lebensstil zu urteilen?" Der ruhige, freundliche Mann mit dem fehlenden Schneidezahn redet sich in Fahrt: "Diese Typen sind Angsthasen, Feiglinge! Sie haben wehrlose Menschen angegriffen. Assad ist nicht hier, der ist in Syrien. Sollen sie ihre Kämpfe dort austragen!"

Khaled Chniter, 30, hat sich einen Tag frei genommen – wie so viele Pariser, die das Geschehen von Freitag erst einmal verkraften müssen. Er arbeitet in einem Gemüseladen, aber heute fühlt sich alles anders an, und er selbst bewegt sich lieber nicht vom Fleck. "Das hätte genauso mich treffen können", sagt er und hofft, dass nichts weiter passiert: "Die Sicherheitsvorkehrungen sind gut."

In seinem Viertel gebe es niemanden, der Terror gut heiße, sagt Chniter und fügt hinzu: "Islam heißt Freundschaft und Liebe. Die Terroristen haben nichts mit dem Islam zu tun. Seinen Glauben muss jeder mit sich selbst ausmachen. Mir ist egal, wie der Gott heißt."

"Das ist seit Charlie Hebdo ganz normal"

Wie überall in diesen Tagen in Paris patroullieren auch auf den Straßen von Goutte d’Or auffallend viele Polizisten. Vor einem unscheinbaren Gebäude stehen vier hoch gerüstete Soldaten mit Schnellfeuerwaffen im Anschlag. Gibt es eine Drohung? "Nein", sagt einer, "das ist seit Charlie Hebdo ganz normal." Hinter der trüben Fassade verbirgt sich eine Synagoge. Alle jüdischen Gotteshäuser und Einrichtungen werden seit dem Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins im Januar 2015 scharf bewacht. Inmitten der Muslime und Afrikaner, von denen einige katholisch sind oder katholisch beeinflussten Kulten anhängen, der Hindus und Buddhisten und all der anderen spirituellen Menschen, von denen es hier viele gibt, scheint die Synagoge fast sicherer als an anderen Orten der Stadt. Diversität schützt – alle.

Nur einen Mann treffen wir, der am liebsten sofort Frankreich verlassen würde: Er stammt aus Indien, arbeitet im Drogeriegeschäft seiner Familie und fühlt sich nicht mehr wohl. "Ich kann hier nicht weg, weil ich Familie habe, aber in Indien würde ich mich sicherer fühlen. Das ist ein großes Land."

Auch Frankreich ist nicht klein, aber die Situation für Migranten außerhalb von Paris ist so viel schwieriger als in der weltoffenen Metropole. Migratenghettos, Diskriminierung, Gewalt und die steigende Akzeptanz der Rechten um Marine Le Pen mögen ihm das Gefühl geben, in Paris gefangen zu sein. "Ich bin auch nicht damit einverstanden, wie die Anschläge hier aufgenommen werden. Als das große Attentat in Mumbai passierte, ging hier niemand auf die Straße. Und die 20 Bomben der Franzosen auf Akka haben vielleicht auch Leute umgebracht, die nichts mit dem Attentat in Paris zu tun haben. Für diese Leute spendet keiner Blut." Er ist sichtlich erschüttert. Seinen Namen mag er nicht nennen, und ein Foto – auf gar keinen Fall.

"Frankreich hat den afrikanischen Ländern alles genommen"

Sehr sendungsbewusst tritt dagegen Chantal Woguia Kamden aus Kamerun auf. Sie sei auch bereit, im deutschen Fernsehen zu sprechen, die Welt müsse das erfahren: "Das Attentat ist eine natürliche Reaktion, weil die Araber nicht mehr wissen, was sie machen sollen. Frankreich, Deutschland, England, Russland und die USA zerstören die Welt. Frankreich hat den afrikanischen Ländern alles genommen, aber nichts gegeben: Keine Schulen, keine Straßen, keine Krankenhäuser, kein Wasser."

Sie sei eine sehr spirituelle Frau und in direktem Kontakt mit Gott, versichert Kamden. Die Attentäter hingegen seien vom Satan besessen, sagt sie und die Polizei, der Staat zu blind, um das Böse zu sehen und zu besiegen: "Weil sie nur mit zwei Augen gucken."


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