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Prozess gegen Utøya-Attentäter: Breiviks Bühne

Erst die Bombe, dann das Massaker: Anders Behring Breivik erschütterte am 22. Juli 2011 Norwegen. Ab Montag will der Attentäter den Mammutprozess nutzen, um zu erklären, was nicht zu erklären ist.

Von Swantje Dake

Ein Freitagnachmittag im vergangenen Sommer. Die Büros in Oslo leeren sich. Ohnehin ist die Stadt verschlafen. Ferienzeit. Dann wird die Ruhe zerstört von einer gewaltigen Explosion. Eine 950-Kilo-Bombe detoniert unter dem Regierungshochhaus, verwüstet große Teile des politischen Viertels in der Innenstadt der norwegischen Hauptstadt. Acht Menschen sterben, mehr als 200 werden verletzt. Nur eineinhalb Stunden später findet 40 Kilometer entfernt auf der Insel Utøya ein Massaker mit 69 Toten statt. Es ist der 22. Juli 2011, und Norwegen erlebt seinen schlimmsten Tag seit dem Zweiten Weltkrieg. Verantwortlich dafür ist ein Mann: Anders Behring Breivik.

Ab Montag steht Breivik vor dem Osloer Amtsgericht. Die Anklage lautet auf 77-fachen Mord und Terrorismus. Zehn Wochen lang soll ihm der Prozess gemacht werden. Dass Breivik der Täter ist, ist unbestritten. Er ließ sich auf Utøya widerstandslos festnehmen und war geständig, sogar mehr als das. Breivik hatte vor der Tat das Manifest "2083 - eine europäische Unabhängigkeitserklärung" veröffentlicht. Auf 1500 Seiten sollen rechtsextremes Gedankengut, wirre Allmachtsfantasien, Hasstiraden gegen Muslime, Ausländer und Befürworter einer multikulturellen Gesellschaft erklären, was nicht zu erklären ist.

Ein Massaker in der Idylle

Eine knappe halbe Stunde nach der Explosion in Oslo war der Täter in gefälschter Polizeiuniform identifiziert. Ein Norweger, bislang ein unauffälliger Zeitgenosse. Doch er war zu einer unvorstellbaren Tat fähig, seit Jahren geplant, kaltblütig ausgeführt. Die Bombe war dabei nur der Auftakt, der grausame Hauptakt fand auf Utøya statt. Auf der kleinen Insel im Tyrifjord-See veranstaltete die sozialdemokratische Jugendorganisation AUF (Arbeidernes Ungdomsfylking) ihr jährliches Ferienlager. Knapp 600 Jugendliche verbrachten hier einen unbeschwerten Sommer, spielten, feierten und diskutierten - bis Breivik kam.

Mit einer kleinen Fähre setzte der 32-Jährige, immer noch in seiner selbstdesignten Polizeiuniform gekleidet, über. Bewaffnet mit einer Pistole und einem halbautomatischen Jagdgewehr eröffnete er sofort das Feuer als er das Eiland betrat. Fünf Jahre hatte Breivik sich auf diesen Tag vorbereitet. Er lernte im Schützenverein schießen, kaufte Waffen, mietete sich im April 2011 einen Bauernhof 170 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, kaufte Chemikalien, bastelte die Bombe und schrieb sein Manifest, das Erklärung und dezidierte Dokumentation zugleich sein soll.

Trond Berntsen, der Stiefbruder der Kronprinzessin Mette-Marit, und Monica Bøsei, die "Mutter Utøya" genannt wurde, weil sie jahrelang die Ferienlager betreute, waren seine ersten Opfer. Breivik, der sich selbst als Tempelritter eines Ordens sieht, durchkämmte die einen halben Quadratkilometer große Insel. Er zielte auf wehrlose Jugendliche, erschoss Kinder, die sich im Speisesaal, in ihren Zelten und auf Bäumen versteckten. Exekutierte die, die sich ihm in den Weg stellten, die, die versuchten, von der Insel schwimmend zu entkommen. Aufgeputscht von Amphetaminen und "Lux Aeterna" aus dem "Herr der Ringe" in der Endlosschleife auf dem iPod mordete Breivik 90 Minuten lang. 67 der Opfer wurden von Schüssen tödlich verletzt, zwei weitere fielen von Klippen oder ertranken. 34 Opfer waren Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren, weitere 22 waren 18 bis 20 Jahre alt.

Der "Tempelritter" und seine Notwehr-Argumentation

Breivik hatte auch Gro Harlem Brundtland, die frühere Ministerpräsidentin, töten wollen, aber sie hatte Utøya bereits verlassen. Ministerpräsident Jens Stoltenberg sollte durch die Bombe vor dem Bürohaus sterben, aber arbeitete an dem Juli-Freitag zu Hause. "Ich wollte genug töten, damit die Veröffentlichung meines Manifests genug Aufmerksamkeit in der Weltpresse auf sich zieht. Die Operation war nur eine Formalität", sagte Breivik in einem der vielen Polizeiverhöre. Er kalkulierte mit dem Entsetzen. Er hinterließ bewusst Spuren, schrieb sein Manifest und rechnete damit, dass die Welt über seine Gedanken reden würde. Im Prozess werde der Angeklagte bereuen, dass er nicht noch mehr Jugendliche hinrichtete, hat sein Anwalt Geir Lippestad angekündigt. Der selbsternannte Ritter sagt, er habe in Notwehr gehandelt. Er führe einen Krieg gegen die Islamisierung Europas und es sei seine Pflicht, die multikulti-freundliche Regierung Norwegens zu stoppen.

Während Attentäter mit der Explosion einer Bombe ihr Werk vollenden, war es für Breivik nur der Anfang. Im Unterschied zu vielen Amokläufern kannte Breivik seine Opfer nicht, hatte nicht mal indirekt eine Beziehung zu ihnen. Er löschte nicht die aus, die er persönlich hasste, die ihn gemoppt oder gequält hatten. Breivik verspürte nie Todessehnsucht, wollte sich nie selbst für seine Sache opfern. Sein Ziel war der Prozess. Der Osloer Gerichtssaal soll seine Bühne werden. Das will die norwegische Justiz verhindern. Aber auch ohne den "Zirkus Breivik" werden die kommenden Wochen eine Herausforderung für die norwegische Gesellschaft. Womöglich werden sie emotionaler und anstrengender als die Wochen nach den Attentaten. Damals reagierten die Norweger erstaunlich gefasst, begegneten der Brutalität mit Gemeinschaftssinn, hielten Rosen in die Höhe anstatt Hass und Hetze die Oberhand gewinnen zu lassen. Viele grausige Details der Tat sind bekannt. Der Prozess wird weitere Einzelheiten zutage bringen. Hinterbliebene und auf Utøya Verwundete erwarten, dass neben einer Verurteilung geklärt wird, warum die Polizei erst so spät eintraf, warum kein Hubschrauber bereitstand und warum Breivik bei seinen Vorbereitungen nicht entdeckt wurde.

Schuldfähig oder nicht? Das ist die Frage

So eindeutig die Schuldfrage geklärt ist, so ungeklärt ist die mögliche Strafe. In Norwegen gibt es keine lebenslängliche Haftstrafe. Die Höchststrafe für Breivik wären 21 Jahre, die durch eine sogenannte "forvaring", die in etwa der deutschen Sicherungsverwahrung entspricht, beliebig verlängert werden kann. Allerdings gibt es zwei gegensätzliche Gutachten über Breivik. Das erste kommt zu dem Schluss, dass der Attentäter paranoid-schizophren, somit nicht zurechnungsfähig ist und daher nur in der Psychiatrie untergebracht werden kann. Das zweite, erst in dieser Woche vorgelegte, geht davon aus, dass Breivik unter einer narzisstischen Störung leidet, aber sehr wohl schuldfähig ist.

Bislang fordert die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage die Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt, hält sich aber offen, je nach Aussage der psychiatrischen Gutachter während des Prozesses für eine Haftstrafe oder Sicherungsverwahrung zu plädieren.

In den ersten sechs Tagen wird der Saal 250 des Osloer Amtsgerichts unweigerlich zu einer Breivik-Bühne werden. Der Attentäter hat das Wort. Breivik wird auf "unschuldig" plädieren. Im Februar hatte er beim Haftprüfungstermin gesagte, er verdiene eher einen Orden als eine Haftstrafe. Anwalt Lippestad räumt ein, dass sein Mandat mit der Argumentation wenig Erfolg haben werde. "Aber technisch gesehen haben wir keine andere Wahl, als seine Argumente darüber vorzutragen, warum er das getan hat", so Lippestad. Und er warnte, es werde hart sein, der Aussage Breiviks zuzuhören.