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Saarland: Und plötzlich bebte die Erde

Kinder schrien, Schornsteine stürzten ein, Lampen fielen von der Decke: Ein Grubenbeben der Stärke vier erschütterte gestern Saarlouis. Die RAG hat daraufhin den Steinkohleabbau in der Region vorerst komplett gestoppt - und mehr als 3000 Mitarbeiter freigestellt.

Das bisher stärkste Grubenbeben im Saarland hat zu einem vorläufigen kompletten Abbaustopp von Steinkohle in der Region geführt. Bei dem Erdstoß im Abbaugebiet Primsmulde Süd im Landkreis Saarlouis wurde am Samstagnachmittag nach Angaben der RAG Deutsche Steinkohle eine Stärke von 4,0 gemessen. Die Polizei in Saarlouis sprach von Stromausfällen und Gebäudeschäden. Verletzte habe es nicht gegeben, allerdings hätten sich einige Menschen wegen Schocksymptomen behandeln lassen.

Notbelegschaft mit 100 Mann

Wegen des Förderstopps hat die RAG Deutsche Steinkohle fast die gesamte Belegschaft im Bergwerk Saar von der Arbeit freigestellt. Für die Grubensicherheit ist bloß eine Notbelegschaft von etwa 100 der insgesamt 3600 Mitarbeiter nötig, wie Karlheinz Pohmer, Sprecher der RAG an der Saar, am Sonntag der Nachrichtenagentur AP mitteilte. Diese Entscheidung habe RAG-Vorstandschef Bernd Tönjes getroffen und darüber auch den saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller (CDU) informiert.

In den kommenden Tagen müsse nun über die weiteren Schritte beraten werden. Zunächst sollten Urlaub und Freizeitausgleich in Anspruch genommen werden. Als nächstes Mittel komme dann auch die Anmeldung von Kurzarbeit in Frage, sagte Pohmer. Derweil sicherte die RAG betroffenen Bürgern eine unbürokratische Schadensregulierung zu. "Wir entschuldigen uns für alle Folgen, die dies Erderschütterung ausgelöst hat, und werden alles tun, um vor Ort zu helfen", erklärte Tönjes am Sonntag. Über die Schadenshöhe können laut RAG noch keine Aussagen gemacht werden. Nach Worten des Vorstandsvorsitzenden konnte das Unternehmen mit Ereignissen dieses Ausmaßes aber nicht rechnen.

Schachteinsturz ist "Unsinn"

Mehr als 1000 Menschen protestierten am Samstag spontan gegen die Folgen der Bergbaus in der Region. Das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau teilte mit, die Kernregion sei Lebach gewesen. Vermutungen über den möglichen Einsturz eines Schachtes wies Karlheinz Pohmer, Sprecher der RAG an der Saar, zurück. "Das ist völliger Unsinn. Grubengebäude des Bergwerks Saar sind nicht in Mitleidenschaft gezogen worden." In den kommenden Tagen solle nun nach der Ursache für das Erdbeben gesucht werden. Der Kontakt zu externen Gutachtern sei bereits hergestellt.

Beben war kein Einzelfall

Nach Angaben des Landesverbands der Bergbaubetroffenen Saar kam es in der jüngsten Vergangenheit immer wieder zu schweren Beben, die die Menschen in der Region stark beunruhigten. Weil die Behörden und der Bergwerksbetreiber die Ängste der Bevölkerung nicht ernst nähmen, sei der soziale Friede nachhaltig gestört. Der Interessengemeinschaft zufolge sind 150.000 Menschen in der unmittelbaren und weiteren Umgebung von immer wieder auftretenden Erdstößen betroffen. Der vorläufige Abbaustopp müsse zu einem endgültigen Ende der Kohleförderung in der Region ausgeweitet werden. Am Abend und in den kommenden Tagen waren weitere Protestkundgebungen geplant.

Auto von Schornsteintrümmern zerstört

Ministerpräsident Peter Müller (CDU) hatte sich noch am Abend ein Bild von der Lage gemacht und vor vielen aufgebrachten Bürgern den vorläufigen, aber zunächst unbefristeten Abbaustopp bekanntgegeben. Anwohner berichteten von vor Angst schreienden Kindern. Bilder und Lampen seien von Wänden und Decken gestürzt. Geflickte Mauerrisse von früheren Erdbeben brachen wieder auf, weitere bildeten sich neu. Ein Auto wurde von einem abstürzenden Schornstein getroffen. Mehrere weitere Schornsteine gelten als einsturzgefährdet. Eine erheblich in Mitleidenschaft gezogene Kirche in Saarwellingen, von deren Turm Bauteile abstürzten, erwies sich nach Behördenangaben nach einem ersten Gutachten als standfest. Sie wurde aber geschlossen.

Die Erschütterung war die bisher stärkste, die im Saarland vom Bergbau ausgelöst wurde, wie RAG-Sprecher Pohmer bestätigte. Die Erschütterung aus einer Tiefe von über einem Kilometer habe sich mit erheblicher Geschwindigkeit ausgebreitet, sagten auch Experten. Die gemessene sogenannte Schwinggeschwindigkeit, die Auskunft über den Gefährdungsgrad von Gebäuden gebe, lag nach Worten Pohmers bei 93,5 Millimetern pro Sekunde. Einen solchen Wert habe es in der Region zuvor noch nie gegeben.

AP / AP