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Schlammlawine nach Dammbruch: Die Wut wächst: Welche Rolle spielte der Tüv Süd bei der Katastrophe in Brasilien?

Der Tüv Süd ist ins Visier der Behörden in Brasilien geraten, zwei seiner Mitarbeiter wurden festgenommen. Das deutsche Unternehmen hatte erst vor wenigen Monaten den Damm des Rückhaltebeckens für stabil gehalten - ein tödlicher Irrtum.

Es wird eng für den Tüv Süd, den Prüf-Konzern aus München. Jetzt geht es um alles: den guten Ruf. Jahrelang galt er als Unternehmen mit viel Wachstumspotential: 24000 Angestellte, 2,43 Milliarden Euro Umsatz, Aufträge in der ganzen Welt, große Expansionspläne. Das Motto: "Mehr Wert. Mehr Vertrauen." 

Jetzt taucht der Tüv Süd nur noch in einem Zusammenhang auf: Brumadinho. Genauer: Der Dammbruch in Brumadinho beim brasilianischen Bergbauunternehmen Vale. Der Dammbruch mit vermutlich mehr als 350 Toten. Bisher wurden 84 Leichen geborgen,  275 Menschen werden weiterhin vermisst. Dass sie lebend gefunden werden, gilt als sehr unwahrscheinlich.

Der Tüv Süd hatte im September noch die letzte Sicherheitsprüfung des zum Rückhaltebecken gehörenden Dammes verantwortet. Vier Monate später nun brach der Damm, eine Schlammlawine vergrub Teile der Minenanlage, eine Cafeteria und Wohnsiedlungen unter sich. 

Politik in Brasilien macht ernst

Schlimmer geht es kaum: Ein Prüf-Konzern, der Katastrophen verhindern soll, sieht sich mit einer der schlimmsten Katastrophen der Bergbaugeschichte konfrontiert. Die brasilianische Politik und Justiz machen nun ernst. Zunächst hat die Umweltbehörde Strafen in Höhe von 58 Millionen Euro gegen Vale verhängt. Dann hat die Justiz auf den Konten Vales 2,75 Milliarden Euro eingefroren - für mögliche Strafen und Entschädigungen. Nun wurden drei Mitarbeiter festgenommen und Geschäftsräume durchsucht. 

Außerdem auch zwei Mitarbeiter vom Tüv Süd. Sie sollen verantwortlich für die Sicherheitsprüfung im September gewesen sein, die den Damm als stabil zertifizierte. Zusätzlich wurden sieben Durchsuchungsbefehle ausgesprochen, "um die kriminelle Verantwortlichkeit für den Dammbruch zu untersuchen."

Das deutsche Unternehmen meldete die Festnahmen am Abend: "Wir können zum jetzigen Zeitpunkt bestätigen, dass zwei Mitarbeiter von Tüv Süd in Brasilien verhaftet wurden." Um wen es sich handelt, war eine Schlüsselfrage. Mitarbeiter vom Stammhaus in München oder brasilianische Mitarbeiter? Jetzt wurden die Namen bekannt: André Y. und Makoto N., beide Ingenieure, beide mit Sitz in Sao Paulo.

Risiko eines Bruchs als gering eingeschätzt

Makoto N. hatte die Zertifizierung für den Tüv Süd unterzeichnet. Das Risiko eines Bruchs wurde von ihm als gering eingestuft. 2018 erhielt N. noch einen Preis für die Untersuchung eines Rückhaltebeckens in Itabirucu, 160 Kilometer entfernt von Brumadinho.

Bei der Festnahme schwiegen die beiden Mitarbeiter. "Sie wurden vom Anwalt dazu angehalten", ließ der leitende Ermittler Osvaldo Nico Goncalves wissen. Die Ermittler haben nun 30 Tage Zeit, um die fünf Verdächtigen zu vernehmen. Politik und Justiz stehen in Brasilien stark unter Druck. Die Angehörigen sind außer sich vor Trauer und Wut, die Gesellschaft ist aufgebracht, dass drei Jahre nach der Giftschlammkatastrophe von Mariana trotz aller Versprechungen wieder ein solches Unglück passieren konnte.

Der Zertifizierungsprozess in Brasilien gilt zudem als sehr fragwürdig. Zwar sollen unabhängige Stellen die Sicherheit der Dämme durch Inspektionen regelmäßig überprüfen. Jedoch werden diese Stellen von den Bergbauunternehmen selber ausgewählt und bezahlt, was leicht zu einem Interessenskonflikt führen kann.

Gesamtschaden könnte vier Milliarden Dollar erreichen

Vale verwies in ersten Statements auffällig oft auf die Deutschen. Made in Germany. In Brasilien sind die Deutschen bekannt für Genauigkeit und Effizienz, auch für Pingeligkeit - nicht das Schlechteste, wenn es um Zertifizierungen geht. Der Tüv Süd selber verweist darauf, dass es sich wegen laufender Ermittlungen nicht äußern könne

Der Gesamtschaden des Dammbruchs könnte laut Schätzungen vier Milliarden Dollar erreichen. Haftung und Schadenersatz durch den Tüv Süd werden nach einem langen Rechtstreit vermutlich erst in einigen Jahren feststehen. In Brumadinho ist die Wut größer als je zuvor. Viele Menschen haben gleich mehrere Verwandte verloren. Vale hat angekündigt, den Angehörigen 100.000 Reais zu zahlen, weniger als 25.000 Euro.

Die ersten Beerdigungen finden nun statt. Auf einer, der des Lokführers Duana Moreira, 33, bezeichnete der Priester Juarez Oliveira den Tod als Mord. Und fügte hinzu: "Wir müssen wieder Hoffnung wiederbeleben. Es gibt sehr viel Hass, aber wir brauchen Sauerstoff."

Brasilien: Nach Dammbruch in Brumadinho – "Wenig Chancen, noch Überlebende zu finden"
tis