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Sechs Monate nach dem Erdbeben: In Haiti herrscht noch immer die Not

Es waren Bilder des blanken Grauens, die nach dem Erdbeben vom 12. Januar um die Welt gingen. Leichenberge mitten auf der Straße, Haiti in Trümmern. Ein halbes Jahr danach wartet das arme Karibikland auf die angekündigten Hilfslieferungen. Zudem kündigt sich die nächste Naturkatastrophe an.

Die Geduld vieler Haitianer scheint erschöpft. Sechs Monate nach dem verheerenden Erdbeben der Stärke 7 wartet das ärmste Land der westlichen Hemisphäre noch immer auf den Großteil der zugesagten Milliarden-Hilfen. Die Hauptstadt Port-au-Prince gleicht auch heute noch einer Trümmerlandschaft. Die Katastrophe tötete mehr als 220.000 Menschen und machte mehr als eine Million Menschen obdachlos. Die sehen sich nun einer weiteren Naturbedrohung ausgesetzt: In der Region hat die Hurrikan-Saison begonnen, und die soll dieses Jahr besonders heftig werden.

Anders als die ersten Soforthilfen nach dem Erdbeben im Januar fließen die versprochenen Gelder in Höhe von mehr als elf Milliarden US-Dollar nur zögerlich ins Land. Viele Hilfsorganisation sind beunruhigt, und auch die Vereinten Nationen (UN) pochen auf die Einhaltung der Versprechen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon bemängelte, dass das Hilfsprogramm nicht so schnell wie geplant vorankommt. Beim Treffen der Karibischen Gemeinschaft (Caricom) in Jamaika vor wenigen Tagen machte er aber auch klar, dass Geduld notwendig ist. "Die Erholung wird viele Jahre dauern und bedarf der beharrlichen Anstrengung aller Partner Haitis."

800.000 Kinder leben in Zeltlagern

Besonders gravierend ist die Lage für die jungen Haitianer. Mehr als 800.000 Kinder in Notaufnahmelagern seien "in hohem Maße von Krankheiten, Mangelernährung, Ausschluss von Bildung sowie Missbrauch und Gewalt bedroht", warnte das UN-Kinderhilfswerk Unicef am Montag in einer in New York veröffentlichten Zwischenbilanz. "Die Kinder brauchen weiter dringend unsere Unterstützung. Zu viele leben immer noch unter inakzeptablen Bedingungen", erklärte die Unicef-Leiterin in Haiti, Françoise Gruloos-Ackermans.

Als großen Erfolg der internationalen Hilfe werte Unicef die Tatsache, dass es bisher gelungen sei, Hunger und Epidemien in Haiti zu verhindern. Allerdings sei ein nachhaltiger Wiederaufbau noch lange nicht erkennbar. Nach Einschätzung von Unicef muss die eigentliche Nothilfe noch mindestens 18 Monate weitergehen, damit die humanitäre Krise sich nicht verschärfe. Schließlich lebten noch immer 1,6 Millionen Menschen in überfüllten Notlagern. Ministerien und öffentliche Verwaltungen seien nur eingeschränkt handlungsfähig.

Bürgerproteste erst nach der WM

Einige Haitianer sind des Wartens auf den Wiederaufbau müde. Sie machten ihrem Unmut über die Verzögerungen im April und Mai mit Straßenprotesten Luft. Die Stimmung gärt und richtet sich auch gegen die Regierung und deren Entscheidung, die nach dem Beben erlassenen Notstandsgesetze zu verlängern. Angeheizt wird die Atmosphäre durch Forderungen der Opposition nach einem Rücktritt von Präsident René Préval. Auch die Interimskommission für den Wiederaufbau Haitis (CIRH) und deren Zusammensetzung ist vielen ein Dorn im Auge. Der Kommission gehört auch der UN-Sonderbeauftragte für Haiti an, Ex-US-Präsident Bill Clinton.

Mitten im alltäglichen Chaos gab die Fußball-Weltmeisterschaft in den vergangenen vier Wochen vielen Haitianern eine kleine Verschnaufpause und die Chance, die Misere wenigstens für ein paar Stunden zu vergessen. Für die meisten Haitianer ist Brasilien wie eine zweite Nationalmannschaft. Viele sind aber auch Fans des Erzrivalen Argentinien. Beide Mannschaften schieden vorzeitig aus. Haiti selbst schaffte es nur einmal in die Endrunde: 1974 in Deutschland.

Wahlen im November

Die UN-Truppen hatten gemeinsam mit Hilfsorganisationen Bildschirme hergerichtet, auf denen die Spiele aus Südafrika zu sehen waren. In den Straßen von Port-au-Prince waren Fahnen der WM-Teilnehmer zu sehen. Während der Fußball-WM ruhten auch die Proteste auf der Straße. Dies soll sich nach dem WM-Ende ändern: Oppositionsführer kündigten schon für Dienstag neue Protestmärsche an. Diese Aktionen werden an Intensität zunehmen, je näher der 28. November rückt. Dann wird in Haiti ein neuer Präsident und ein neues Parlament gewählt. Präsident Préval darf laut Verfassung nicht mehr antreten. Auch die politische Zukunft Haitis ist ungewiss.

Helmut Reuter und Sandra Parra/DPA/AFP / DPA