Sturm Kyrill Die langen Ausläufer des Jahrhundertsturms


Erst in der Ruhe nach dem Sturm ist klar geworden, wie heftig "Kyrill" in Deutschland und ganz Europa gewütet hat. 40 Menschenleben sind dem Orkan zum Opfer gefallen, dazu hat er schwere Schäden verursacht. Noch ein Jahr danach sind vielerorts die Spuren zu sehen.

Der Schreckensorkan raste mit Tempo 200 durch Europa, knickte Bäume wie Streichhölzer und hinterließ Tote und Milliardenschäden. Im Sturm "Kyrill" starben vor einem Jahr, am 18. Januar 2007, europaweit mehr als 40 Menschen, elf davon in Deutschland. "Kyrill" deckte Hausdächer ab, knickte Ampeln, zerstörte ganze Waldgebiete und brachte in Deutschland das öffentliche Leben über Stunden zum Erliegen. "Die größte Naturkatastrophe, die das Land jemals erlebt hat", urteilt Nordrhein-Westfalens Umweltminister Eckhard Uhlenberg. Die Folgen der Sturmnacht sind vielerorts bis heute sichtbar.

Das stärkste Orkantief der vergangenen 20 Jahre hat vor allem in den waldreichen Gegenden Nordrhein-Westfalens, Thüringens und Bayerns an vielen Stellen das Gesicht der Landschaft dauerhaft verändert. Auf dem Schweizer Aletschgletscher wurde mit 225 Stundenkilometern die höchste Windgeschwindigkeit gemessen, auf dem Brocken im Harz 198 Stundenkilometer. In Nordrhein-Westfalen brachte es "Kyrill" zwar "nur" auf Tempo 144, dennoch wurden an Rhein und Ruhr die meisten Schäden verzeichnet. "Zu der Großwetterlage kam eine Gewitterfront, die sich hier aufgebaut hatte", sagt Meteorologe Thomas Kesseler vom Deutschen Wetterdienst in Essen. Das Zusammentreffen von zwei Luftschichten sorgte dafür, dass die Sturmböen mit aller Macht bis auf den Boden durchschlagen konnten.

Orkan sorgt für Furcht und Entsetzen

Das griechische Wort "Kyrill" bedeutet "der Herrliche", doch die Kraft des Orkans sorgte nur für Furcht und Entsetzen. Am Glasdach des neuen Berliner Hauptbahnhofs löste sich ein tonnenschwerer Stahlträger aus der Hallenkonstruktion und krachte aus 40 Metern Höhe zu Boden. Nur durch großes Glück kam dabei niemand um. Die Wetterdienste hatten schon Tage zuvor gewarnt. Schulen und Kindergärten blieben geschlossen, an der Nordseeküste und auf den Inseln hatten sich die Menschen auf Sturmfluten vorbereitet.

Zehntausende Fernreisende verbrachten die Sturmnacht wider Willen in Bahnhofshallen. Die Bahn AG hatte den Zugverkehr vorsorglich eingestellt. "Das hatten wir noch nie in Deutschland", sagte Bahnchef Hartmut Mehdorn. Einige Bahnstrecken blieben wegen umgestürzter Bäume und zerstörter Oberleitungen noch tagelang gesperrt. Auch auf vielen Straßen ging nichts mehr. Betroffen waren auch Autobahnen. In einigen Regionen Deutschlands waren zehntausende Menschen für Tage ohne Strom.

Zehntausende saßen im Dunkeln

Auch im Ausland sorgte "Kyrill" für den Ausnahmezustand: In Großbritannien starben 13 Menschen, in den Niederlanden gab es sechs, in Polen vier Tote. Besonders wild tobte der Orkan über dem Ärmelkanal. In einer dramatischen Rettungsaktion holten Helfer mit Hubschraubern alle 26 Seeleute von Bord des manövrierunfähigen Containerschiffs "Napoli". Auch in Großbritannien, Polen und Österreich saßen nach Stromausfällen Zehntausende im Dunkeln.

Die Wunden, die der Orkan in den Wäldern geschlagen hat, werden noch über Jahre sichtbar sein. Die Böen hatten im Sauer- und Siegerland so schlimme Schäden angerichtet, dass viele Waldbauern danach vor dem Ruin standen. Es wird voraussichtlich noch bis zum Sommer dauern, bis das ganze Holz aus den Wäldern geborgen und abtransportiert ist. Aus ganz Deutschland, aus Polen, Österreich und Finnland wurden Fachleute und große Holzernte-Maschinen nach Nordrhein-Westfalen geholt, um die Orkan-Flächen zu räumen. Auch das ist alles andere als ungefährlich. Allein in NRW starben bei Aufräumarbeiten durch umstürzende Bäume oder eingeklemmte und plötzlich hochschnellende Stämme bereits sechs Waldarbeiter, mehr als 700 wurden verletzt.

Die Düsseldorfer Landesregierung stellte zur Beseitigung der Sturmschäden 100 Millionen Euro bereit. Die Europäische Union greift Deutschland bei der Beseitigung der Orkanfolgen mit 167 Millionen Euro unter die Arme. Insgesamt schätzt das Bundeslandwirtschaftsministerium den "Kyrill"-Schaden allein in Deutschland auf 4,7 Milliarden Euro.

Jörg Taron/DPA DPA

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