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750 Flüchtlinge auf 100 Einwohner Läuft in Sumte


Sumte ging durch die Weltpresse. Bis zu 750 Flüchtlinge in einem winzigen Örtchen mit genau 102 Einwohnern - das hat für Aufsehen gesorgt. Knapp 600 Flüchtlinge sind nun da. Und: Alles ist ruhig. Wie die Region profitiert.

102 Einwohner, ein paar Kühe, kein Supermarkt, keine Kneipe. Das ist Sumte in der niedersächsischen Gemeinde Amt Neuhaus. Bis zu 750 Flüchtlinge sollten in dem abgelegenen Dorf in der brettflachen Elbmarsch untergebracht werden, das sorgte auch international für Schlagzeilen. Die Ortschaft wurde zum Symbol für die deutsche Flüchtlingspolitik stilisiert. Unter den Bewohnern gab es viel Aufregung, als sie von den Plänen der Landesregierung erfuhren, so viele Menschen in dem jahrelang leerstehenden Bürokomplex am Ortsrand unterzubringen.

"Wir haben derzeit 587 Flüchtlinge aus 25 Nationen in der Unterkunft", sagt Leiter Jens Meier vom Arbeiter-Samariter-Bund, der die Notunterkunft betreibt. "Wir haben über 100 Familien im Haus mit insgesamt 189 Kindern bis 15 Jahren." Die meisten kämen aus Syrien, dem Iran, dem Irak und Afghanistan, bis zu 750 sollen es werden. "Es gab bislang keine großen Probleme in Sumte - alles auf Kurs."

Draußen sieht alles so aus wie vor der Ankunft der ersten Flüchtlinge Anfang November. Auf der Dorfstraße ist niemand zu sehen. Nur an der Pferdekoppel warnen jetzt Schilder auf Arabisch und Englisch davor, die Tiere zu füttern oder mit ihnen zu spielen.

Kein Ärger

"Man sieht sie kaum", sagt Anika Venz über die Flüchtlinge. Die 24-Jährige wohnt direkt an der Zufahrt zur Unterkunft. "Es hat keinen Ärger gegeben", berichtet sie. "Ab und zu liegt mal Müll herum, der wird dann aber schnell weggeräumt." Auch über Lärm könne sie nicht klagen. Nachbar Reinhold Schlemmer sieht es ähnlich. "Ich fand es von Anfang an gut, dass das Bürodorf von unseren Flüchtlingen belegt wurde", betont er. "Die Leute grüßen höflich, ich kann nicht klagen."

66 Arbeitsplätze sind laut Meier durch die Flüchtlinge schon entstanden. "Am Ende werden es mindestens 90 sein", sagt er. Allein fünf Beschäftigte kämen aus Sumte. "Die Arbeitslosigkeit in der Region ist gesunken, viele haben Arbeit in der Unterkunft gefunden", bestätigt Grit Richter, parteilose Bürgermeisterin der Gemeinde Amt Neuhaus. Auch der Supermarkt im rund vier Kilometer entfernten Neuhaus profitiere, Shuttle-Busse verbinden die Unterkunft mit den Orten der Umgebung. "Das Miteinander läuft schon recht gut", betont Richter. "Die Sumter arbeiten weiter gut mit und bringen sich ein."

In der Unterkunft geht es lebendig zu, am Eingang spielt ein kleiner Junge Fußball. Die Menschen stehen in Gruppen beisammen und unterhalten sich. Es gibt eine Kantine, eine Wäscherei, eine Krankenstation und einen kleinen Laden, Alkohol wird nicht verkauft. "Wir machen Deutschunterricht und Staatsbürgerkunde, Kino und Disco und am Dienstag Musik", berichtet Meier. In den großen Hallen auf dem durch lange Gänge verbundenen Komplex soll im Winter auch Sport wie Rollschuhlaufen und Tischtennis angeboten werden.

Ein Blog über das Zusammenleben

Einige Flüchtlinge - vor allem junge Männer - sind gleich nach der Ankunft in Sumte noch vor der Registrierung wieder verschwunden. Doch Atheer Jabber fühlt sich wohl dort. "Wir sind sehr zufrieden", übersetzt seine Frau, Jabber strahlt. Er ist mit seiner Frau und den beiden kleinen Töchtern aus dem Irak geflohen. "Ich werde hier als Koch arbeiten, heute geht es los." Meier nickt. "Er ist von Haus aus Koch und hat den Gesundheitscheck hinter sich", bestätigt er.

Zu den Helfern in Sumte gehört auch Dirk Hammer - obwohl ihm nur 200 bis 300 Flüchtlinge lieber gewesen wären. "So eine große Einrichtung ist unverhältnismäßig für ein Dorf mit nur 102 Einwohnern", sagt der 45-Jährige. In seinem Blog "sumte.news" geht es um das Leben mit den Flüchtlingen. Hammer will ein realistisches Bild zeichnen, geht Gerüchten auf den Grund, ruft zu Hilfestellung und Spenden auf. Dafür hat er Drohungen bekommen. Hammer hat sie auf seine Seite gestellt.

Doch er sieht die Not. "Die Menschen, die vor einem unmenschlichen Krieg geflohen sind, brauchen ein Dach über dem Kopf", sagt er. "Ich bin Christ, deshalb gibt es für mich da keine Frage. Ich helfe, egal, wer da an meine Tür klopft."

Peer Körner DPA

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