Terroranschläge Bedrohung für Spanien hält an


Ein Jahr nach den Anschlägen von Madrid wird klar, dass der al-Kaida-Terror keine Rache für den Irak-Einsatz war. Rächen wollten sich die Extremisten vielmehr für das harte Durchgreifen Spaniens gegenüber ihren Glaubensbrüdern.

Als am 11. März vergangenen Jahres 191 Menschen bei den Bombenanschlägen auf Vorortzüge in Madrid ums Leben kamen, sahen viele Spanier die Ursache im Militäreinsatz an der Seite der US-Streitkräfte im Irak. Ein Jahr später wird vor der eigenen Haustür gekehrt. Wie man jetzt allgemein weiß, war Spanien keineswegs ein einmaliges Betätigungsfeld von Islamisten, die Rache für den Irak-Einsatz nehmen wollten. Über ein Jahrzehnt konnten muslimische Extremisten unbeobachtet und unbehelligt tun und lassen was sie wollten.

Spanien sei eine Schaltstelle für Extremisten, sagt der französische Privatdetektiv Jean-Charles Brisard, der für Anwälte von Opfern der Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA arbeitet und mit europäischen Polizeibehörden kooperiert. Was die Zusammenarbeit mit Terrorzellen in Europa angehe, seien die Strukturen von al Kaida in Spanien bedeutender als in anderen Ländern. Dies sei auch noch nach den Festnahmen im Zusammenhang mit den Madrider Anschlägen der Fall. Von überall in Europa werde Kontakt mit spanischen al-Kaida-Mitgliedern gepflegt.

Nach den Madrider Anschlägen wurden 131 mutmaßliche islamische Extremisten festgenommen - teilweise wegen einer Verschwörung, den Staatsgerichtshof in die Luft zu sprengen und Richter zu ermorden. Gegenwärtig sitzen 22 Personen wegen der Bombenanschläge vom 11. März in Untersuchungshaft, 52 weitere wurden auf freien Fuß gesetzt, gelten aber weiter als verdächtig.

"Spanien ist jetzt sicherer"

Der Terrorismus-Berater des Innenministeriums, Fernando Reinares, sagte zur Nachrichtenagentur AP: "Spanien ist jetzt sicherer, aber das Bedrohungsniveau für Spanien und die Europäische Union allgemein ist nicht niedriger geworden." In Spanien lebten vermutlich einige hundert islamistisch indoktrinierte Muslime, die bereit wären, sich für den Terrorismus rekrutieren zu lassen. Laut Reinares planten die Urheber des Terrors von Madrid auch Selbstmordanschläge. Dies zeige, dass ihr eigentliches Ziel nicht die "Bestrafung" der damaligen, eng mit den USA zusammenarbeitenden Regierung gewesen sei.

Reinares und Jesus Nunez Villaverde, Leiter eines Madrider Instituts für Konfliktforschung, sind sich einig: Wichtigstes Tatmotiv sei Rache dafür gewesen, dass nach den in den USA verübten Terroranschlägen in Spanien zahlreiche mutmaßliche al-Kaida-Mitglieder verhaftet wurden, womit Spaniens traditioneller Status eines sicheren Hafens und Transitlandes für radikale Muslime endete.

Sicherheitsapparat auf Eta fixiert

Spaniens Sicherheitsapparat war seit den 60er Jahren fast ausschließlich auf den Terror der baskischen Separatistenorganisation Eta fixiert. Pionier im Kampf gegen die islamistische Bedrohung wurde der Richter Baltasar Garzon, der 1996 Ermittlungen einleitete. Im November 2001 zerschlug er schließlich eine Terrorzelle, die Spanien als Bereitstellungsraum für die Anschläge in den USA benutzt hatte.

Aber auch danach glich der Kampf gegen die neue Bedrohung eher einem Stochern im Nebel. "Wir sprechen von sehr begrenzten Ressourcen an Menschen und Material", sagt Reinares.

Die 2004 angetretene neue Regierung bemüht sich um Abhilfe. Die Zahl der mit islamistischem Terrorismus befassten Ermittler wurde vervierfacht, der Informationsaustausch verbessert, die Kontrolle über Sprengstoffe verschärft, die inhaftierten Verdächtigen wurden auf unterschiedliche Gefängnisse verteilt, wie Reinares berichtet.

Sieben mutmaßliche Rädelsführer, die Selbstmordanschläge geplant haben sollen, sprengten sich am 3. April 2004 nahe Madrid in die Luft, um der Verhaftung zu entgehen. Ein einzelner führender Kopf, der im Hintergrund die Fäden ziehen könnte, ist von den Behörden nicht benannt worden. Laut Reinares haben die Ermittler drei oder vier Verdächtige im Sinn, die Verbindungen zwischen der meist aus nordafrikanischen Einwanderern entstandenen einheimischen Zelle und al Kaida geknüpft haben könnten.

Reinares nennt keine Namen. Vermutet wird, dass der jetzt im Irak vermutete Syrer Mustafa Setmariam Nasar zu den Verdächtigen gehört. Er gilt als Gründer der spanischen al-Kaida-Zelle und wurde von Garzon im Zusammenhang mit den Anschlägen in den USA angeklagt. Die USA haben eine Belohnung von fünf Millionen Dollar für Informationen ausgelobt, die zu seiner Festnahme führen. Ebenfalls gesucht wird der als sein Stellvertreter geltende Marokkaner Amer Asisi.

Daniel Woolls/AP AP

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