Tsunami-Warnsystem Lektionen der Natur


Überall gibt es Warnsysteme, nur im Indischen Ozean nicht, dabei hatten Seismologen in aller Welt das Erdbeben vor Sumatra registriert. Warnungen gab es einzig in Thailand, aber die Gefahr wurde heruntergespielt.

Wenige Minuten nach dem Erdbeben im Indischen Ozean schlug der Pager von George Crawford im US-Bundesstaat Washington bereits Alarm. "Ich wusste gleich, dass es ein starkes Beben war, das eine Tsunami-Welle auslösen könnte, die uns an der US-Westküste aber nicht gefährden würde." Nach einem starken Beben vor Alaska hätte er rund drei Stunden Zeit, um die Küstenbewohner Washingtons vor einer Flutwelle in Sicherheit zu bringen, schätzt Crawford.

Als Einsatzleiter im Katastrophenzentrum von Tacoma hat Crawford einen direkten Draht zum "Tsunami Warning Center" in Alaska, das 1967 als Frühwarnsystem für die Monsterwellen von der amerikanischen Ozean- und Atmosphärenbehörde (NOAA) im Pazifikraum eingerichtet wurde. Drei Jahre zuvor im März 1964 hatte ein Erdbeben der Stärke 9,2 in Alaska 132 Menschenleben gefordert - die meisten wurden durch eine Tsunami-Welle getötet. In Asien brachte die Flut für viele Tausend Menschen den Tod, aber es gab keine Ansprechpartner, die man hätte rechtzeitig warnen können.

"Tsunameters" auf dem Meeresboden

"Heute können wir in fünf bis zehn Minuten nach einem Erdbeben Warnungen herausgeben", sagt Paul Whitmore, Leiter der Zentrale in Alaska. Sechs "Tsunameters" oder Tiefsee-Sensoren haben die Forscher auf dem Meeresboden zwischen dem Äquator und den Aleuten-Inseln in Alaska installiert. Sie geben Informationen über seismische Aktivitäten an Bojen auf der Meeresoberfläche und von dort via Satellit an die Zentralen weiter. "Bei schweren Beben ab der Stärke 7 schicken wir gewöhnlich eine Tsunami-Warnung in die gefährdeten Regionen, auch wenn die Welle noch gar nicht messbar ist", erklärt Whitmore. Via Radiosignal, Internet und Telefon werden Kommandozentralen, Wetterdienste und Nachrichtensender alarmiert.

Vasily Titov, NOAA-Mitarbeiter in Seattle, entwickelt derzeit ein Berechnungsmodell, mit dem die Höhe und Geschwindigkeit einer Flutwelle schneller und genauer vorhergesagt werden kann. "Unser Modell ist auf den Pazifik ausgerichtet, wo rund 95 Prozent aller Tsunamis vorkommen", meint der Ozeanograph. "Die Stärke des Bebens im Indischen Ozean konnten wir dennoch recht genau messen, nur gab es kein Netzwerk, um die örtlichen Behörden vor der Flutkatastrophe zu warnen."

Denn anders als im pazifischen Raum - etwa auf Hawaii oder in Japan - gibt es für die Anrainerstaaten des Indischen Ozeans kein Tsunami-Frühwarnsystem, das zahlreichen Menschen das Leben hätte retten können. Die einzigen Warnungen vor der tödlichen Flut gab es in Thailand. Doch die Radiosender im Süden des Landes spielten die Gefahr herunter. Auch im Internet wurde eine Warnung veröffentlicht - allerdings erst drei Stunden, nachdem die Tsunamis dort mehr als tausend Menschen in den Tod gerissen hatten. Die anderen Länder trafen die Wassermassen völlig überraschend. Bei den Menschen herrscht Wut und Fassungslosigkeit, dass es in der Region kein Warnsystem gibt. Die Regierungen geraten unter Druck.

"Das ist absolut inakzeptabel"

In Sri Lanka können die Menschen nicht glauben, dass es in aller Welt Warnsysteme gibt, nur im Indischen Ozean nicht. "Das ist tragisch", sagte der frühere Chef der srilankischen Luftwaffe, Harry Goonetilleke, und fügte an: "Das ist absolut inakzeptabel". Auch in Malaysia herrscht Ungläubigkeit: "Es lagen mindestens drei Stunden zwischen dem Beben und dem Zeitpunkt, als die Wellen bei uns einschlugen", sagt Meena Raman von der Organisation Umweltfreunde Malaysias. "Die Menschen sind wütend und wollen wissen, warum die Regierungsstellen keinen Alarm gegeben haben", erklärte sie.

Nach der Katastrophe kündigten die Regierungen der betroffenen Staaten nun den Aufbau eines Netzwerkes zur Warnung vor Flutwellen an. Der australische Ministerpräsident John Howard sagte, man prüfe, wie Australien die Region dabei unterstützen könne. Auch Japan zeigte sich bereit, sein Know-how aus rund 40 Jahren Tsunami-Forschung beizusteuern. Auch der indonesische Präsident Susilo Bambang Yudhoyono sagte am Montag zu Journalisten, sein Land werde mit den Nachbarstaaten ein Frühwarnsystem aufbauen, um künftig gegen Flutwellen gewappnet zu sein. Es wird erwartet, dass die Teilnehmer einer Geberkonferenz der ASEAN-Staaten am Donnerstag in der indonesischen Hauptstadt der Errichtung eines solchen Warnsystems zustimmen werden.

Der Seismologe Rainer Kind sprach sich am Sonntagabend in der ARD-Sendung "Sabine Christiansen" für ein Satelliten-gestütztes System aus, mit dem der Verlauf von Tsunamis nachvollzogen und die Bevölkerung rechtzeitig gewarnt werden könnte. "Warnsysteme sind bisher nur nach Katastrophen eingerichtet worden", beklagte der Professor vom Geo-Forschungs-Zentrum Potsdam. Kind appellierte an die Politik, sich für ein solches System einzusetzen. "Es erfordert nur die Anstrengung."

Der für humanitäre Einsätze zuständige stellvertretende UN-Generalsekretär Jan Egeland erklärte, er habe nicht gewusst, dass es in der Region keine Warnsysteme gebe. Bei der Weltkonferenz zum Schutz vor Katastrophen im kommenden Monat in Kobe in Japan werde man die Möglichkeiten für ein entsprechendes Netzwerk erörtern. "Ich denke, es wird ein gewaltiges Unternehmen, ein wirklich ausgeklügeltes Tsunami-Warnsystem aufzubauen, das dann auch wirklich an vielen dieser Orte effektiv arbeitet", sagte Egeland. Harley Benz vom amerikanischen Erdbeben-Informationszentrum in Golden im US-Staat Colorado erklärte, der Aufbau eines Basissystems würde etwa zwei Jahre dauern. Die größte Schwierigkeit liege allerdings in der Koordination zwischen den unterschiedlichen Behörden in der Region.

Thailändische Regierung kündigt Untersuchung an

Ein weiteres Problem lässt sich jedoch auch mit dem besten Warnnetzwerk nicht lösen, wie die Vorgänge in Thailand zeigten. Aus Angst vor negativen Folgen für den Tourismus - eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes - werden Warnungen möglicherweise nicht vollständig und rechtzeitig weitergegeben. "Vor fünf Jahren hat das staatliche Wetteramt eine Warnung vor einer möglichen Flutwelle herausgegeben, nachdem sich ein Erdbeben bei Papua-Neuguinea ereignet hatte. Danach gab es massive Beschwerden der Tourismusbehörde, dass eine solche Warnung dem Tourismus schade", sagte Sumalee Prachuab, der das nationale Seismologische Institut leitet. Seitdem sei das Wetteramt zur Zurückhaltung bei solchen Meldungen angehalten. Der thailändische Minister für Information und Kommunikationstechnik, Surapong Suebwonglee, kündigte an, dass eine unabhängige Kommission in Kürze ihre Arbeit aufnehmen werde. Sie soll überprüfen, ob das Wetteramt es tatsächlich versäumt hat, die Öffentlichkeit rechtzeitig zu warnen.

Tsunami-Warnungen entlang der Pazifikküste werden im Schnitt alle ein bis zwei Jahre erteilt. Die letzte erfolgte im November 2003 nach einem Erdstoß der Stärke 7,5 vor der Küste von Alaska, in einer dünn besiedelten Region, wo niemand evakuiert werden musste. Auch Falschwarnungen sind möglich. "1994 wurden wir alarmiert, aber es traf keine Tsunami ein. Die Evakuierung eines kleinen Küstenstreifens kostete uns einige Millionen Dollar, aber das nimmt man vorsichtshalber in Kauf", meint Crawford.

Doch Bewegungen in der Meerestiefe, die wie jetzt in Südostasien durch einen Bruch in der Erdkruste hervorgerufen werden, sind nach einem Bericht des "Wall Street Journal" im Allgemeinen noch nicht einmal auf einem Schiff in unmittelbarer Nähe spürbar. "Natürlich hätten wir alles dafür gegeben, die Menschen in dem betroffenen Gebiet auf das bevorstehende Beben hinzuweisen und sie vor der Katastrophe zu bewahren", sagte William Bakun von der amerikanischen Bundesbehörde US Geological Survey im kalifornischen Menlo Park gegenüber der Deutsche Presse-Agentur in New York. Doch ein zuverlässiges Frühwarnsystem für Erdbeben haben die Seismologen noch nirgendwo auf der Welt entwickeln können. Es ist ihr "heiliger Gral".

Dusko Vukovic (mit Agenturen)

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