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Venezuela: Der alltägliche Kampf im katastrophalsten Staat unserer Zeit

Leere Supermärkte, Plünderungen, immer mehr Gewalt: Venezuela versinkt im Chaos. Die Geschichte einer Familie und ihrer größten Sorge: Was sollen wir essen?

Venezuela Hunger

Yunni Pérez (auf der Treppe) und Antonia Torres (2. v. l.): tägliche Suche nach Nahrung

Es ist Montagnacht um zwei in Caracas’ größtem Slum Petare, als sich Yunni Pérez, Mutter dreier hungriger Kinder, auf die Jagd nach etwas Essen macht. Es ist ihre tägliche Suche nach Nahrung, nach einem einzigen Kilo Reis, doch sie endet als Trip in den Surrealismus, in die Endzeit des tropischen Sozialismus.

Es beginnt schon damit, dass es in Venezuela kaum noch Grundnahrungsmittel gibt, kaum Milch und Zucker, wenig Speiseöl oder Reis, und wenn doch, kostet ein Kilo so viel wie 400 Liter Benzin, und das ist nur ein Problem dieses abgebrannten Landes. Da sind auch noch solche Probleme wie 700 Prozent Inflation, Rekordrezession, Kapitalflucht, Bandenkriege, 25 000 Morde pro Jahr – und nimmt man alles zusammen, erhält man so was wie den katastrophalsten Staat 2016.

Aber Daten sind abstrakt, wenn sich der abgemagerte Sohn vor Hunger krümmt und der andere schwerkranke Sohn dringend Medikamente braucht, und Yunni, 45, eine Mutter Courage der Tropen, den Kühlschrank aufreißt und unter Tränen gesteht: "Es ist verdammt noch mal nichts da, nichts außer zwei unreifen Mangos." Wie zum Beweis zeigt sie das Attest des Kinderarztes, dessen Diagnose für ihre drei Söhne mit einem Wort auskommt: "Unterernährt." Es klingt wie eine Diagnose ganz . Korruption, Misswirtschaft und kollabierende Ölpreise haben aus einem der reichsten Länder Lateinamerikas ein Armenhaus gemacht.

Abgefangenes Nudelwasser für den einjährigen Enkel

Yunni muss zehn Familienmitglieder versorgen. Sie rührt die Illusion von etwas Babynahrung für ihren einjährigen Enkel Adrian an: abgefangenes Nudelwasser mit ein paar Tropfen Melasse, und reicht sie ihrer Schwiegertochter Alina, 21, die im achten Monat schwanger ist. Aus dem Bad dringt der Gestank eines Lebens ohne Leitungswasser und Seife. In der Ferne hallen blechern die Schüsse der Banden wider, der Soundtrack der venezolanischen Nacht. "Die Jahre der Knappheit waren schlimm" , sagt sie. "Aber jetzt haben wir richtig Hunger."

Yunni tritt hinaus in die Nacht vor ihre karge Hütte in Petare – eine mächtige rote Wand aus Tausenden Ziegelsteinhütten. Unter ihr liegt dünn beleuchtet Caracas, einst die Ölhauptstadt des Kontinents. Vor zehn Jahren noch brach sie Rekorde in Wirtschaftskraft und Bauboom, heute nur bei Entführungen und Absurditäten: Ein Hühnchen kostet doppelt so viel, wie das Wochengehalt einer Sozialarbeiterin wie Yunni beträgt.

Draußen in den Gassen hat das Wettrennen um Nahrung schon begonnen – zu einer Tageszeit, als früher die Salsa-Nächte endeten. Die ärmsten Bewohner, einst fanatische Anhänger der Regierung, hetzen in Scharen den Hügel hinab durch die sternlose Nacht, vorbei an den allgegenwärtigen Wandbildern des verstorbenen Revolutionsführers Hugo Chávez und seiner Proletarierpoesie: "Der Sozialismus lebt. Der Imperialismus geht." Es ist das alte Rezept: Je größer die Not, desto böser der Feind im Norden.

Hungrige Massen auf dem Weg zu den Supermärkten

Unten in der Ebene angekommen, folgt Yunni den hungrigen Massen zu den Supermärkten. Die Schlange vor dem Einkaufscenter Makro ist vier Stunden vor Öffnung schon 500 Meter lang. Ausgezehrte Gestalten hocken davor wie Plastiken von Käthe Kollwitz. Junge Mütter mit Babys an der mageren Brust und gebrechliche Rentner mit lederner Haut. Und stets dabei die berüchtigten Colectivos, die Schlägertrupps der Regierung, die gern die Schlange nach Regimetreue neu ordnen.

Eigentlich ist heute Yunnis Tag – Montag, der einzige Tag, an dem sie berechtigt ist, Grundnahrungsmittel einzukaufen. Montags ist das Einkaufen in Venezuela beschränkt auf Bürger mit Personalausweisen der Endziffern 0 und 1. Als Yunni nach vier Stunden Warten aber endlich dran ist, sind die Regale leer. Kein Reis mehr. Kein Speiseöl. Auch kein Maismehl, mit dem sie Arepas macht, das Nationalgericht. Dafür, um den Eindruck der Üppigkeit zu bewahren, stehen die Regale 50 Meter voller Diet Coke, jede Flasche zum Preis eines halben Wochenlohns.

Normale Cola wird in Venezuela nicht mehr hergestellt – denn es gibt keinen Zucker mehr. Auch Bier wird nicht mehr produziert – weil der Hersteller Polar nicht an Gerste kommt. Es gibt kein Klopapier, weil die Produktionsanlagen veraltet sind. Es mangelt an lebenswichtigen Medikamenten, weil Devisen für den Import fehlen. Es gibt kein Shampoo, keine Windeln, keine Antibiotika.

Man kann auch sagen: Venezuela macht gerade dicht.

Noch vor zehn Jahren gab es alles im Überfluss im Land der größten Erdölreserven der Welt. Es war die Zeit, als der Ölpreis noch doppelt so hoch war wie heute, und Chávez den Bürgern sein "sozialistisches Paradies" schenkte: billige Wohnungen und subventioniertes Essen – und zum Einschlafen die Nationalhymne, gesungen vom großen Führer selbst: Comandante Hugo Chávez.

In jenen Jahren importierte Chávez alles gegen Erdöl, selbst Maismehl, Reis und Milch. Er vernachlässigte die Landwirtschaft und die Staudämme. Er enteignete Unternehmen und verstaatlichte die Bauwirtschaft. Als der Ölpreis fiel und der Staat seine Importe nicht mehr bezahlen konnte, brach das System zusammen.

Die Krise schwelt schon seit zwei Jahren, aber in diesen Wochen ist alles anders. Erstmals sterben Neugeborene, weil es an Brutkästen fehlt. Täglich kommt es zu Plünderungen von Supermärkten und Lieferwagen, seit Jahresbeginn mehr als 250. Hungrige Massen blockieren Straßenkreuzungen; ein kurzes Auflodern von Rebellion, bevor die Nationalgarde die Proteste niederschlägt. Neun von zehn Bürgern haben nicht genug Essen.

Yunni macht sich per Bus auf die Suche nach weiteren Supermärkten, immer tiefer hinein in den venezolanischen Surrealismus. In den Mangobäumen am Wegrand hängen Bauarbeiter und pflücken sich ihr einziges Mittagessen. Soldaten stehen schwer bewaffnet vor Märkten und Bäckereien, als Bodyguards für Brot.

Lufthansa fliegt nicht mehr nach Venezuela

Yunni fährt durch eine Geisterstadt, die sie Absurdistan nennt, vorbei an leeren Bürotürmen, verlassen von internationalen Konzernen und Airlines; auch die Lufthansa fliegt nicht mehr direkt nach Venezuela. Vorbei an leeren Einkaufszentren mit einem Rest unerreichbarer Produkte: Ein paar Turnschuhe kosten 120 000 Bolivares, das ist so viel wie vier Monatsgehälter. Ein Cheeseburger ist so teuer wie 500 Fahrten mit der staatlich subventionierten U-Bahn.

Das venezolanische Zentrum für Dokumentation und Sozialanalyse hat eine umfassende Berechnung angestellt. Eine Familie in Venezuela brauchte 16 Mindestlöhne, um sich ernähren zu können, etwa 500 Dollar. Yunni verdient als Sozialarbeiterin zehn Dollar pro Monat, ein Drittel des Mindestlohns.
Sie steuert an diesem Tag sechs weitere Supermärkte der Zwei-Millionen-Metropole an, aber nirgendwo findet sie Reis oder Mehl. Erst am Nachmittag kehrt sie erschöpft zurück nach Petare, in der Tüte nur ein paar verschrumpelte Tomaten und Yucca. Ihre Hoffnung ruht auf ihrer Freundin Yolanda, einer dürren Frau mit Baggy Jeans und Baseballkappe, die aussieht wie ein Rapper. "Lass uns Hotdogs essen", sagt sie scherzhaft. – Ha, warum nicht Steaks, pariert Yolanda. "Hast du etwas Reis?" – Nein, nichts. "Keine Deals am Laufen? – Nein, die Geschäfte gehen scheiße. "Keine Aktionen?" – Erst heute Nacht.

Das Gespräch nimmt eine eigenartige Wendung. Erst nach einigen Fetzen stellt sich heraus, dass Yolanda die Anführerin einer lokalen Drogengang ist. Sie übernahm das "Familienunternehmen", als ihr Mann im vergangenen Jahr mit 15 Schüssen hingerichtet wurde. Die beiden Frauen haben einen Deal geschlossen: Yolanda schützt Yunni vor den Schlägertrupps der Regierung. Yunni, die für den Bezirk arbeitet, hilft Yolanda dabei, an Basketbälle für ihre Gang zu kommen. Sie sind das, was man ein schräges Paar nennen könnte – Verbrecherin und Sozialarbeiterin –, aber der Hunger macht in Venezuela keine Unterschiede.

Venezuela: Wirtschaftskrise hat die Halbwelt erreicht

Die Wirtschaftskrise hat längst die Halbwelt erreicht. Bei Drogen gebe es kaum mehr was zu holen, erzählt Yolanda, die Kohle fehle. Auch Banküberfälle sind sinnlos, weil man für die wertlosen Banknoten 20 Koffer brauchte. Es laufen noch Express-Entführungen, bei denen Ausländer gezwungen werden, Bargeld von Automaten abzuheben, aber der Konkurrenzkampf ist heftig. "Ich habe selbst nichts mehr für meine Kinder", sagt sie und deutet auf ihre dürren Arme und Brüste, die nichts als "zwei Punkte" seien, "und das im Land der schönsten Frauen".
Das sind Venezuelas derzeitige Superlative: die meisten Schönheitsköniginnen und die am stärksten steigende Mordrate.

Stunden später bricht eine Schießerei in Yunnis Straße aus, das bizarre Ende einer schiefgelaufenen Entführung wie aus einem Film der Coen Brothers. Bei einer Verfolgungsjagd versagen die abgenutzten Bremsen des Entführungsautos; laut scheppernd landet es im Haus der Alteisenhändlerin. Die Entführer fliehen, das Opfer, einen Regierungsbeamten, findet man wimmernd auf dem Rücksitz. Selbst bei Verbrechen ist Venezuela bizarr. "Unser natürlicher Tod sind 25 Kugeln", sagt Yunni.

Seit zwei Jahren wird das Ende von Präsident Nicolás Maduro vorausgesagt, aber es will nicht kommen. Kurz vor der Pleite bezahlt das Regime regelmäßig seine Raten zurück. China setzt wieder eine letzte Devisenspritze. Zudem verfügt die Regierung weiter über einen schlagkräftigen Repressionsapparat und genug Anhänger, die sich gut daran erinnern, wie die Oligarchen sie vorher ausgebeutet haben.

Der alte, nie gelöste Konflikt Lateinamerikas

Es ist der alte, nie gelöste Konflikt Lateinamerikas: Solch scheinbare linksutopische Anachronismen wie der Chavismo in Venezuela oder der Kirchnerismo in Argentinien sind nur möglich, weil eine kleine oligarchische Elite die breite Masse seit Kolonialzeiten ausbeutet. Bis heute zeigt sie kein Interesse an sozialer Gerechtigkeit, an Bildungsreform oder Korruptionsbekämpfung.

Am folgenden Tag spitzt sich die Lage plötzlich zu. Yunni und ihre Familie verschanzen sich im Haus. In Petare kommt es zu Plünderungen von Lieferwagen und Kleinläden. Dutzende Bürger stürmen eine Bäckerei und erbeuten drei Säcke Mehl. "Meine ganze Wochenration", erzählt uns der Bäcker später. Der Apotheker gegenüber hat ein Schild vor die Tür gehängt: "Wegen ständiger Plünderungen geschlossen." Banditen, die bisher für Handys und Autos töteten, töten jetzt für eine Tüte Lebensmittel.
Es sind Venezuelas dunkelste Tage, in denen Hunger auf Gewalt trifft, in denen das Rohe im Menschen an die Lebensoberfläche dringt.

Die Antwort der Regierung folgt am nächsten Tag, auf einer Demonstration vor dem Präsidentenpalast. Die Stimmung ist merkwürdig ausgelassen, eine Band spielt Salsa, rote Fahnen werden geschwenkt und Parolen verbreitet wie "Tod dem Kapitalismus" . Wer im Jahr 2016 noch mal den Kalten Krieg erleben will, reise nach Venezuela. Viele der Demonstranten sind Colectivos, festangestellte Aktivisten der Regierung. Am Tag zuvor noch schlugen sie bei einer Demo der Opposition auf Teilnehmer und Reporter ein. 1,5 Millionen dieser Milizen gibt es im Land, verteilt auf 15 000 Stadtviertel.

An diesem Tag verkündet die Regierung ihre "Misión Alimentación", eine Neuverteilung der Lebensmittel durch das Volk. Grundnahrungsmittel werden ab sofort nicht mehr an Läden ausgeliefert, sondern an 9000 sogenannte Clap, eine Art Volksbrigade. Das Essen geht nicht mehr an alle Bürger, sondern an parteitreue. Es ist nichts anderes als das Aushungern der Opposition.

Präsident Maduro traut sich nicht vors Volk

Präsident Maduro selbst tritt nicht auf. Er traut sich aus Angst vor Pfeifkonzerten immer seltener vors Volk. Erst spät in der Nacht zeigt sich der ehemalige Busfahrer im Staatsfernsehen, mit einem Schnauzer wie aus den B-Movies der Siebziger und einem Anzug wie aus dem Nachlass von Erich Honecker.

In der jovialen Art eines Versicherungsvertreters verkündet Maduro den Ausnahmezustand. Seine Militärmanöver begründet er mit angeblichen Invasionsplänen der USA. Auf der Rangliste der absurdesten Autokraten liegt er irgendwo zwischen Robert Mugabe und Kim Jong-un.

Yunni war selbst mal Teil der "Maquinária Roja", der roten Maschinerie. Ihr dritter Sohn Luis kam sterbenskrank auf die Welt und überlebte nur dank teurer Medikamente. Die Krankenschwester sagte, die Rettung habe sie Chávez zu verdanken, und fortan glaubte Yunni an den charismatischen Führer der "Bolivarischen Revolution" wie an einen Gott. "Ich habe Wahlstimmen für Chávez gefälscht, habe meiner Mutter gedroht, ihr werde die Pension entzogen, wenn sie sich nicht bekehrt. Heute kämpfe ich umso härter für den Wandel, aus Schuldgefühlen." Yunni arbeitet für den Bezirksbürgermeister, der gehört der Opposition an. Sie sammelt Unterschriften für das gerade angelaufene Abwahlverfahren gegen Maduro. Man kann es auch so sehen: Yunni ist der Grund, warum das Regime stürzen wird. Wie so viele war sie eine treue Chávista, aber beim Hunger endet jede Loyalität.

Tag für Tag macht sich Yunni auf die Suche nach Nahrung. Sie versucht es in ihrer Verzweiflung bei den Clap, aber eine Nachbarin verpfeift sie als Regimegegnerin. Sie bettelt bei ihrer Freundin Paula, die einen Kleinladen besitzt, aber seit die Nationalgarde Lieferungen abfängt, kommt auch Paula nicht mehr an Ware. Am Hinterausgang einer Schlachterei nimmt sie Hunden die Knochen weg und bittet mich inständig darum, ihrem Mann nichts zu sagen. Sie schämt sich.

Bachaqueros werden gehasst, aber gebraucht

Wie die meisten Venezolaner landet Yunni nach einer Woche schließlich bei einem Bachaquero, einem Schwarzmarkthändler, benannt nach den gefräßigen Ameisen des Amazonas. Mit dem Verkauf von gehortetem Waschmittel, Mehl, Reis machen sie Riesenprofite. Wenn es tatsächlich mal Reis im staatlichen Supermarkt gibt, kostet er 100 Bolivares. Auf dem Schwarzmarkt 2500, umgerechnet sind das etwa zwei Euro.
"1800" , bietet Yunni. – "Nein, 2500", entgegnet der Bachaquero. – "Aber das ist mein Wochengehalt." – "So geht es uns allen", antwortet er kühl. Bachaqueros werden gehasst, aber gebraucht. Yunni bezahlt schließlich 800 Bolivares für zwei Hühnerflügel. Und 100 für die einmalige Benutzung eines Deos. Das ist eine weitere Einnahmequelle: Schwarzmarkthändler sind auch Deoverleihstation.

Wir kaufen ihr Reis und Mehl und die Medizin für ihren Sohn. Der muss ein Zyniker sein, der angesichts solcher Not nur den stillen Beobachter spielen will. Erschöpft steigt Yunni im Abendrot den Hügel hinauf. Zu Hause warten zehn Menschen auf Nahrung. Ihr Sohn geht seit zwei Monaten nicht zur Schule, weil sie kein Frühstück für ihn hat. Ihr Mann, ein Handwerker, sitzt zu Hause und wartet auf Aufträge und das Ende seiner Depression.
Zum Abendessen, der einzigen Mahlzeit am Tag, macht Yunni einen Eintopf aus ausgekochten Knochen, Hühnerhaut, Yucca und abgeschöpftem Reiswasser. Solche Gerichte nennen sie hier: die Maduro-Diät.

Spätnachts erwacht ihr Sohn Luis. "Mama, ich habe Hunger" , klagt er. Da gibt sie die schlimmste Antwort einer Mutter, wie sie findet: "Ich habe nichts, mein Kind." Es ist zwei Uhr. Sie macht sich wieder auf den Weg.