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Trinidad: Raub, Erpressung, Mord: Der Verfall Venezuelas lockt wieder Piraten in die Karibik

Die Staatskrise Venezuelas greift auf die Karibik über. Von der Staatsmacht unbehelligt, schwärmen Piraten aus, kidnappen Fischer und verticken Waffen auf Trinidad. Sie treibt die schiere Not an.

Fischer in der Hafenstadt Port of Spain

Fischer in der Hafenstadt Port of Spain

Getty Images

Die Küste Venezuelas ist nur ein Steinwurf entfernt. Keine zwanzig Kilometer trennen die Karibik-Insel Trinidad vom Gestade der sozialistischen Republik, die in einen Kollaps taumelt. Früher legten in den Küstenstädten Trinidads, der Hauptinsel des Staats Trinidad und Tobago, Touristenboote an und luden Party-Volk ab. Doch diese Zeiten haben sich gründlich geändert.

Seit 2016 ist der Golf von Paria – das Binnenmeer zwischen Trinidad und Venezuela – die Domäne von Piraten. Opfer und Leidtragende sind die Fischer auf der Karibik-Insel. "Am späten Abend wollte ich meine Netze wieder einholen, als ein Boot mit hoher Geschwindigkeit sich mir näherte", erzählt der Fischer Brian Austin der britischen Zeitung "The Telegraph". "Auf 200 Meter Entfernung nahm mich die Besatzung unter Feuer. Zum Glück konnte ich ihnen dank meines Hochleistungsmotors entkommen." Doch die Netze und der ganze Fang fielen in die Hände der Piraten.

Fischer rüsten mit 200 PS-Motoren auf

Nicht für alle Fischer geht eine Begegnung mit den Seeräubern so glimpflich aus, wie für den Mann aus dem Küstenort Cedros. Sein Kollege Candy Edwards aus Icacos war zum Fischen mit zwei Freunden auf See, als ihr Boot wie aus dem Nichts von schwerbewaffneten Männern geentert wurde. "Sie sprangen auf das Boot und knebelten uns. Dann rasten sie mit uns Richtung Venezuela", sagte Edwards dem Sender BBC. Sie seien in eine Holzhütte gesperrt worden, um dem Dorf Icacos Lösegeld abzupressen. Das zahlte schließlich die geforderten 35.000 Dollar. Die Männer kamen nach sieben Tagen Gefangenschaft wieder frei.

Geschichten wie diese gibt es viele auf Trinidad. Fast scheint es so, als käme eine Zeit zurück, der die British Navy vor 300 Jahren ein Ende bereitet hatte. Damals war die Karibik Jagdrevier von berühmten Seeräubern wie Blackbeard und Calico Jack. Sie brachten spanische Galeonen und Frachtschiffe auf. Die Piraten von heute haben sich bei ihren Überfällen auf Fischer spezialisiert. Und die suchen nach Mitteln und Wegen, den Angriffen auszuweichen. Sie rüsten ihre Boote mit 200-PS-Motoren aus, um den Überfall-Kommandos zu entkommen, und fahren nur noch bei Nacht raus ohne die Scheinwerfer einzuschalten, erklärt Fischer Gerry Padarath der BBC. 

Venezuela taumelt in die Staatskrise

Besonders der Küstenabschnitt nahe der Stadt Cedros habe sich für Piraten zu einem wahren Paradies entwickelt, klagen die Bewohner. Dabei sind die Seeräuber so etwas wie Ex-Kollegen der Fischer. Sie standen in Lohn und Brot der großen Fangflotten Venezuelas, die die Gewässer der Karibik nach Thunfisch und Shrimps abgrasten. Doch entschied der damalige Präsident Hugo Chávez, die Betriebe zu verstaatlichen. Die Unternehmen wanderten ab, oder gingen an der grassierenden Hyperinflation zu Grunde. Die arbeitslosen Fischer sattelten in ihrer Not um. Un ihre Familien zu ernähren, unternehmen sie nun Raubzüge. 

Sie sind quasi Selbstversorger in einem Staat geworden, der seine Bürger nicht mehr ernähren kann. Venezuela, das Land mit den größten Erdölreserven der Welt, hatte immer auf seinen Rohstoff gesetzt. Doch die Öl-Preise verfallen und der Staat schlittert in eine handfeste Krise. Großzügige staatliche Leistung wie der soziale Wohnungsbaus sind nicht mehr bezahlbar. Konsumgüter können nicht mehr importiert werden. Die Goldreserven hat Chaves-Nachfolger Nicolás Maduro verscherbelt. Lebensmittel und Toilettenpapier stehen nur noch auf den Schwarzmärkten zum Verkauf.

Zweite Einnahme-Quelle ist der Waffenschmuggel

Doch noch gibt es in Venezuela zweierlei im Überfluss: Drogen und Waffen. Der Schmuggel mit dieser Ware ist das zweite Standbein der Piraten, die unbehelligt von Nestern wie der Stadt Guiria aus operieren. Doch Kokain und Kalaschnikows verkaufen sie auf Trinidad nicht, sondern tauschen die Bootsladungen gegen Windeln, Reis oder Kochöl.

Die Karibik-Insel ist gleich doppelt gestraft. Nicht nur müssen die Fischer damit rechnen, Opfer von Kidnappern zu werden, auch die Bandenkriege auf der Insel sind nach Recherchen des britischen Magazins "Spectator" blutiger geworden. Allein 2018 gab es 500 Tote zu beklagen – bei einer Bevölkerung von 1,3 Millionen. Das Kokain dagegen wird bis nach Europa durchgereicht. An ihm sollen vor allem Generäle der Nationalgarde und des militärischen Geheimdienstes Venezuelas verdienen.

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