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Winnemuth-Kolumne: Wie wir wurden, wer wir sind

Unsere Vergangenheit ist ein Haufen bunter Knete: Man formt sie immer wieder neu, deutet um. Und dann tauchen plötzlich unbekannte Fotos auf.

Von Meike Winnemuth

Eine Collage aus Fotos: Für Meike Winnemuth bergen alte Bilder manchmal Überraschungen

Manche Foto sind für stern-Kolumnistin Meike Winnemuth so vertraut, dass sie nicht mehr weiß, ob sie sich an eine Situation wirklich erinnert oder nur anhand der Bilder rekonstruieren kann. Andere hingegen bergen Überraschungen.

"Na, kennst du mich noch?", fragte dieser Bär von Mann, der nach einer Lesung plötzlich vor mir stand. "Hannes?", versuchte ich es hoffnungsvoll. "Nee, Birger." – "Mensch, Birger! Natürlich!" Und das Wunder geschah: Ich wusste tatsächlich, wer er war, auch wenn wir uns fast vierzig Jahre nicht gesehen hatten.

1975 bis 1977, Aschau, Ostsee, Jugendrotkreuz Zeltlager. Er war der Lagerleiter, ich war ein Lama. Kurz für Lagermatrose. Zuständig für Küchendienst und Kloschrubben, dafür Kost und Logis frei. Wir hatten ein Lied: "Wenn der Abfluss mal verstopft ist, ja, was ist denn schon dabei? Da schickt man Lamas rein, die machen'n Abfluss frei." Wir sangen es oft.

Das Gedächtnis geht oft an Krücken

Mensch, Birger! Er hatte Fotos mitgebracht, von damals. Fotos, die ich noch nie gesehen hatte. Und plötzlich hatte ich da diese 16-Jährige mit Nickelbrille in den Händen, inmitten der anderen Lamas; auf einem der Bilder sitzt neben mir der kleine Engländer, in den ich damals verknallt war. Gott, was für ein schmales Hemd. Und Gott, war ich ein schmales Hemd.

Mit Fotos aus der Kindheit oder Jugend ist es meist so, dass man sie ganz gut kennt und schon oft gesehen hat. So oft, dass man meist nicht weiß, ob man sich an eine Situation wirklich von allein erinnert oder sie nur anhand von alten Fotos rekonstruieren kann, das Gedächtnis geht ja oft an Krücken. Erinnere ich mich tatsächlich selbst an diesen Tag, oder habe ich die Erinnerungen von Eltern und Großeltern zu der Geschichte gemacht, die ich mir selbst und anderen erzähle?

Was hat die Kaulquappe mit der Kröte zu tun?

Und jetzt plötzlich diese ganz neuen alten Bilder. Auf einem davon lerne ich gerade von Birgers Stellvertreter Carsten, wie man eine Bierflasche mit einem Feuerzeug öffnet (inzwischen mache ich das mit einem Lippenstift). Und wie ich aussehe! Ich trage ein abgelegtes Oberhemd meines Vaters, von dem ich den durchgescheuerten Kragen abgetrennt hatte. Stimmt, Stehkragen fand ich damals cool. Darüber eine Latzhose aus dem Berufsbedarf. Vorn am Latz jede Menge Anstecker, einer davon eine kleine rote Krawatte. Ich muss mal ein Mensch gewesen sein, der so was lustig fand.

Ich starre gerade diese kleine rote Krawatte an – ohne dieses Foto hätte ich schwören können, dass ich nie im Leben so etwas … – und versuche mich zu erinnern. Stelle Mutmaßungen an über mich damals, mich heute, über die Evolution von Stil und Humor (oder die Abwesenheit davon), über Ähnlichkeiten, Veränderungen. Was hat die Kaulquappe von damals mit der Kröte von heute zu tun?

Zufälle werden zu Schicksal 

Wir alle schreiben unser Leben lang an unserer Story, und der größte Teil davon ist unausweichlich gelogen. Die Vergangenheit ist eine ungemein amorphe Masse, ein großer Haufen bunter Knete: Man formt sie immer wieder neu, man deutet um und dichtet um, im Kleinen wie im Großen. Es soll bitte alles einen Sinn ergeben, einer Dramaturgie folgen, Gründe haben. "Weil das so war, passierte anschließend dies. Und so wurde ich, was ich bin."

Zufälle werden zu Schicksal verklärt, aus Zweifeln und Widersprüchlichkeiten wird ein fugenloses Selbstbild gezimmert, aus einer Milliarde Puzzlesteine in Grün und Lila und Kuhfladenfarben wird ein blauer Himmel zusammengesetzt oder ein grauer, je nachdem, wie man gerade druff ist. Heilsam zu erleben, dass da draußen in der Welt noch jede Menge unbekannte Bilder von einem herumschwirren – ob reale Fotos oder Bilder im Kopf anderer Leute. Ich radiere gerade ein bisschen an meinem Selbstbild herum. Und krakele eine peinliche kleine rote Krawatte hinein. Ein Puzzlestein mehr. Passt nicht. Passt doch.

Themen in diesem Artikel
Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.
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