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stern-Kolumne Winnemuth: Wir können alles. Außer Slogans

Mit den blödesten Claims versuchen Städte und Bundesländer für sich zu werben - Ausdruck eines offensichtlich schwer gestörten Selbstbildes.

Von Meike Winnemuth

Bundesländer werben mit peinlichen Slogans

"Wir können alles. Außer Hochdeutsch": Baden-Württemberg ist eines der wenigen Beispiele für einen gelungenen Bundesland-Slogan

Letztes Jahr hat mein Heimatbundesland Schleswig-Holstein seinen Slogan von "Land der Horizonte" zu "Der echte Norden" geändert. Ich habe kurz gezuckt: Es klang etwas füßchenstampfend, fand ich, blödsinnig rechthaberisch – und ist zudem problemlos von jedem Skandinavier zu widerlegen, der bei Harrislee über die Grenze fährt und dabei das blitzblanke neue Schild passiert. Der echte Norden? Im Unterschied zum falschen Norden, aus dem er gerade kommt?

Als kurz darauf das schleswigholsteinische Rendsburg seinen Claim vom Juwel "rendsburg. hier passiert die welt" in "Rendsburg – Am Nord-Ostsee- Kanal" änderte (vorausgegangen war eine Kampfabstimmung unter ganzen 1066 interessierten Rendsburgern, von der Lokalpresse als "voller Erfolg" gefeiert), zuckte ich wieder, dieses Mal ein bisschen heftiger. Erst recht, als der Bürgermeister jubelte, dass Rendsburg "jetzt endlich wieder groß geschrieben" werde. Was war hier los? Warum haben meine Landsleute ein derart angestrengtes, um nicht zu sagen: verquastes, um nicht zu sagen: mächtig gestörtes Verhältnis zu sich selbst, dass sie immer wieder Steuergelder darauf verschwenden, dusselige alte Slogans durch noch dusseligere neue Slogans zu ersetzen?

Selbstbezichtigungen auf Bundesebene

Stellt sich heraus: Das sind nicht nur die Schleswig-Holsteiner. Das sind alle Deutschen, mit sehr wenigen Ausnahmen. Die sehr wenigen Ausnahmen bestehen aus dem legendär selbstironischen Slogan von Baden-Württemberg ("Wir können alles. Außer Hochdeutsch") und … nee, das war es eigentlich schon. Beispiele für weitere Selbstbezichtigungen auf Landesebene gefällig? Aber gern. Niedersachsen: "Immer eine gute Idee." Sachsen: "So geht Sächsisch." Hessen: "An Hessen führt kein Weg vorbei." Rheinland-Pfalz: "Wir machen’s einfach." Saarland: "Großes entsteht immer im Kleinen." Noch mal: Das sind die offiziellen Slogans der Bundesländer, teuer von Agenturen eingekauft, auf übermannshohe Tafeln rechts der Autobahn gemalt und auf offizielles Briefpapier gedruckt.


Der schönste aller Slogans war lange der inzwischen auf Eis gelegte Claim von Sachsen- Anhalt: "Wir stehen früher auf." Wir stehen früher auf? Bitte was? Der Slogan basiert auf einer repräsentativen Umfrage, laut der die Sachsen Anhaltiner um 6.39 Uhr aufstehen, neun Minuten früher als die Durchschnittsdeutschen. Hintergrund: Es gibt so wenige Arbeitsplätze in Sachsen-Anhalt, dass die Bewohner früher rausmüssen, um ihre Jobs in den benachbarten Bundesländern anzutreten. "Wir haben keine Arbeitsplätze, deshalb müssen wir nebenan arbeiten" macht sich natürlich nicht ganz so hübsch auf Autobahntafeln.

Wo jeder jemand ist 

Leute, wir haben ein Problem. Ein Selbstwahrnehmungs- und Selbstbewusstseinsproblem. Je mehr Slogans ich sammele, desto skurriler finde ich dieses Land. "Wolfenbüttel – endlich zuhause!" "Mannheim: Leben im Quadrat". "Freude. Joy. Joie. Bonn." "Krefeld: Stadt wie Samt und Seide". Bad Homburg v. d. H.: "Champagnerluft und Tradition". Nach einem längeren Entscheidungsprozess gelangte die Stadt Langenfeld von ihrem alten Slogan "Junge Stadt an alter Straße" zu "Leute, Leben, Langenfeld"; weitere Vorschläge waren "Wir sind eins" und – mein absoluter Liebling – "Wo jeder jemand ist". Gelegentlich versucht man sich mit ungelenkem Englisch aufzuwerten (Kiel: "Sailing City", Freiburg: "Green City", Nordrhein- Westfalen: "Germany at it‘s best", Berlin: "be Berlin"), aber auch das täuscht nicht über die blanke Verzweiflung hinweg, die Marketingexperten beim Nachdenken über dieses Land zu befallen scheint.

Ich habe beschlossen, jetzt auch in dieses lukrative Geschäft einzusteigen. Erste Vorschläge: "Hamburg: Stadt mit vielen Häusern" und "Mehrere Wege führen nach Berlin". Gern geschehen, Scheck bitte c/o stern-Redaktion.

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