HOME

Stern Logo Winnemuth Kolumne

stern-Kolumne Winnemuth: Dezenz ist Schwäche: Wie mit Applaus umgehen?

Beifall ist großartig, doch der Umgang damit kompliziert. Übung hilft und guter Rat: Von Rampensäuen lernen heißt siegen lernen, ist sich unsere Kolumnistin sicher.

Von Meike Winnemuth

Neulich schlich ich mich in eine Lesung des von mir kindisch verehrten Kollegen Axel Hacke, der seit Jahrhunderten eine Kolumne für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“ schreibt. Ein klarer Fall von Werksspionage: Ich wollte wissen, wie der Mann so tickt, wie er liest, wie er seine Texte über die Bühne bringt, und ich wollte das alles rechtzeitig in Erfahrung bringen, bevor meine eigene Lesetour beginnen würde. Was abgucken. Von den Großen lernen.

Ich finde es prinzipiell anstrengend, Menschen auf einer Bühne zuzuhören, ob die sich nun auf einem Parteitag befindet oder im Schauspielhaus oder in der Kirche; mir liegt die Andacht nicht so, das stumme Lauschen. Gottlob muss man bei Hacke nicht stumm sein beim Lauschen, man kann es noch nicht mal, man gackert nämlich die ganze Zeit.

Das macht der super, dachte ich während der Lesung, aber das würde ich auch hinkriegen. Und dann kam der Punkt, an dem ich das nicht mehr dachte: Es war vorbei, Applaus brandete auf, Hacke ging von der Bühne, kam wieder, mehr Applaus, wieder Abgang, wieder zurück, Applaus, Zugabe.

Warten, dass das komische Geräusch aufhört

Bei mir sieht dieselbe Situation ungefähr so aus: Es ist vorbei, Applaus brandet auf, ich sitze verschreckt hinter meinem Tischchen, starre angestrengt auf meine Nägel und warte darauf, dass das komische Geräusch aufhört. Was es dann auch verlässlich schnell tut, denn applaudierende Menschen haben es gern, wenn man sie zur Kenntnis nimmt. Lächelnd. Mit Verbeugung. Mit Abgehen von der Bühne und Wiederkommen. Wenn man den Applaus also seinerseits belohnt mit einer angemessenen Handlungsweise. Eigentlich ganz einfach. Wieso tue ich mich damit so schwer? Ist das die weibliche Unart, jede Form des Applauses sofort unter einer Decke angeborener oder antrainierter Abwiegelei (Ach, das olle Ding/ Ich hatte nur Glück/Ohne mein Team hätte ich das nie geschafft) zu ersticken?

Frauen können sich nicht gut feiern lassen. Sie entschuldigen sich fast dafür, auffällig geworden zu sein, herausgeragt zu haben. Glaube ich. Hacke glaubt das nicht, denn natürlich habe ich ihn nach dem Geheimnis des richtigen Applausentgegennehmens befragt. Es sei keine Sache zwischen Frauen und Männern, sagt er, sondern zwischen Autoren und Rampensäuen. Sodann zitiert er Harry Rowohlt, eine andere legendäre Rampensau: "Dezenz ist Schwäche." Okay, notiert.

„Wenn die Leute einen Abend opfern und auch noch Geld bezahlen, darf man sich nicht so verhalten, als ob es einem egal sei“, sagt Hacke mit milder Strenge. Stimmt, klar. Beifall muss mit großer Geste belohnt werden, mit ordnungsgemäßem Theaterverhalten. "Aber wie überall ist Timing wichtig. Es gibt Kollegen, die melken noch den letzten Klatscher, sogar wenn die Leute schon halb im Mantel sind." Das möchte ich natürlich vermeiden. Aber wie steuert man das? "Indem man mit dem Bühnentechniker ein Zeichen verabredet, zu dem er das Saallicht anknipst." Ein Zeichen? "Wenn ich mich mit den Händen nach oben verbeuge, dann ist Schluss."

Wie sieht Beifallmanagement aus?

Seitdem denke ich viel über Herstellung, Steuerung und Beendung von Applaus nach. Über Beifallmanagement, auch im übertragenen Sinn. Ein Freund sagt: „Ich lasse mich gern mal für etwas feiern, für das ich nichts geleistet habe. Als Wiedergutmachung für all die Momente, in denen ich toll war und kein Schwein geguckt hat." Von Männern lernen heißt sich feiern lernen. 

Bei meinen nächsten Auftritten werde ich mich verbeugen, ich werde abgehen und wiederkommen und abgehen und wiederkommen und dann irgendwann die Hände zum Himmel heben. Oder ich werde diese Kolumne hier vorlesen und dann angestrengt auf meine Nägel gucken.

Themen in diesem Artikel