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Willi Herold "Henker vom Emsland": Wie ein Hochstapler im Zweiten Weltkrieg zum Massenmörder wurde

Willi Herold
Willi Herold (M.) bekam von Historikern den Titel "Henker vom Emsland"
© absolut Medien
Willi Herold war nur ein normaler Soldat – bis er zufällig die Uniform eines Hauptmanns fand. Darin mutierte er zum brutalen Mörder, der ein ganzes Strafgefangenenlager terrorisierte.

Anfang April 1945 neigte sich der Zweite Weltkrieg bereits dem Ende entgegen, die Niederlage des Deutschen Reiches war kaum noch abzuwenden. Willi Herold, ein 19 Jahre alter Gefreiter, hatte im Krieg in Italien gekämpft und war dann nach Deutschland in die Grenzregion zu den Niederlanden versetzt worden. Dort verlor er seine Einheit und irrte allein umher. Für Willi Herold begann in diesen letzten Wochen des Krieges eine neue, grausame Karriere, die zwar nur kurze Zeit dauern, dafür aber viele Menschen das Leben kosten sollte.

Unterwegs stieß Herold unerwartet auf ein verlassenes Auto am Straßenrand – darin befand sich eine Uniform mit den Abzeichen eines Hauptmanns der Luftwaffe. Herold tauschte seine Gefreitenuniform kurzerhand gegen sie ein und schien in diesem Moment gleichsam auch eine neue Persönlichkeit anzunehmen. Als Hauptmann Herold sammelte er weitere Soldaten um sich, führte ein brutales Regiment und war innerhalb weniger Wochen für den Tod von etwa 170 Menschen verantwortlich. 

Willi Herold – Hochstapler in der Uniform eines Hauptmanns

Insgesamt 80 Soldaten schlossen sich Herold auf seinem Weg durchs Emsland an, immer mal wieder kamen und gingen Mitglieder, zwölf gehörten zum engeren Kreis, der sogenannten "Gruppe Herold". Darunter befand sich auch ein echter Feldwebel, der offenbar keine Ahnung hatte, dass er sich von jemandem befehligen ließ, der eigentlich in der Rangordnung weit unter ihm stand. Doch Herold machte seine mangelnde Erfahrung mit Dreistigkeit, Selbstbewusstsein und einem extrem herrischen Auftreten wett. So gelang es ihm, die Rolle des Hauptmanns glaubwürdig auszufüllen.

Einige Male wäre der Hochstapler beinahe aufgeflogen. Doch bei Kontrollen weigerte er sich stets, seine nicht vorhandenen Papiere vorzuzeigen, derartige Aufforderungen wies er empört zurück. Die Kontrollposten ließen sich stets einschüchtern. So kam die Gruppe um Willi Herold am 11. April 1945 – vor 75 Jahren – nach Papenburg im Emsland, nahe der niederländischen Grenze. Dort war das Emslandlager Aschendorfermoor beheimatet, ein Strafgefangenenlager der Nazis, in dem Gefangene wegen Vergehen wie Zersetzung der Wehrkraft oder Befehlsverweigerung festgehalten wurden. Der falsche Hauptmann und seine Gefolgsleute übernahmen umgehend das Kommando.

"Wo ist das fünfte Schwein?" – diese Frage stellt ein Faltblatt aus dem Zweiten Weltkrieg. Auf den ersten Blick zeigt das Papier lediglich vier Schweine. Doch wenn man das Blatt faltet, offenbart sich seine Botschaft. Denn nach horizontalem und vertikalem Knicken ergibt sich ein Bild von Adolf Hitler. Die Faltblätter sollen mit dem Ziel produziert worden sein, die Moral der alliierten Streitkräfte zu heben und Hitler zu verspotten. Das Stadtarchiv Linz am Rhein postet ein Foto eines Faltblattes auf Twitter. Das Fundstück aus einem Nachlass begeistert die Nutzer. "Das ist unglaublich clever" – RiverInsanity "Das ist aber gemein, #Schweine sind sehr intelligente und soziale Tiere." – realHaimart "Hehe, mein Opa hat das immer dabei in der Geldbörse und zeigt es gerne her - mir war nicht bewusst, dass es aus der NS-Zeit stammt, danke!" – Wurzelmann "Der Widerstand war 'vielfältig'...." – Seyfu_09 Die Reaktionen auf das Faltblatt aus dem Zweiten Weltkrieg machen deutlich, dass kreative Ideen auch über Jahrzehnte hinweg für Begeisterung sorgen können.
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Auch hier hinterfragte niemand ernsthaft die Legitimation Herolds, der behauptete, Hitler selbst habe ihm direkt die Befehlsgewalt mit unbeschränkten Vollmachten über das Lager übertragen. Die Uniform ließ alle Zweifel bei der Lagerführung und der örtlichen NSDAP schnell verstummen. "Herrschsüchtig, bestimmend, keine Widerrede duldend" sei Herold aufgetreten, erinnern sich Gefangene. Für Herold war das der Freibrief für eine brutale Mordserie.

Brutale Morde im Gefangenenlager Aschendorfermoor

Reihenweise ließ er die Insassen antreten und erschießen. Entweder führte er selbst die Exekutionen durch oder wies seine Männer dazu an. Besonders Gefangene, die einen Fluchtversuch unternommen hatten und entsprechend gekennzeichnet waren, ließ er ohne jedes Verfahren töten. Die Männer, die zur Hinrichtung ausgewählt wurden, mussten vor ihrem Tod Hitler-Lieder singen, ihr eigenes Grab schaufeln und wurden dann aus nächster Nähe erschossen oder mit Flakgeschütz und Handgranaten ermordet. Innerhalb von nur acht Tagen sollen Herold und seine Soldaten so mehr als 170 Menschen getötet haben. "Nicht, weil sie mussten, sondern weil sie Lust und Freude daran hatten, die Leute zu erschießen", erinnert sich ein Überlebender in dem Dokumentarfilm "Der Hauptmann von Muffrika", der Herolds Geschichte erzählt. Der Film erhielt 1998 den Grimme-Preis.

Längst hatten nicht nur die Gefangenen, sondern auch die NS-Leute Herold als sadistischen Herrscher erkannt. Aufhalten konnten sie ihn jedoch nicht mehr. Erst als die Luftangriffe der Alliierten das Lager erreichten, flohen auch Herold und seine Gruppe vor den Bomben. Sie zogen weiter in die etwa 25 Kilometer entfernte Stadt Leer, tranken und feierten, einen Bauern hängten sie, fünf Niederländer wurden wegen angeblicher Spionage erschossen.

"Der Henker vom Emsland": ein Beispiel deutscher Hörigkeit

Am 28. April, 25 Tage, nachdem er in Uniform und Rolle des Hauptmanns geschlüpft war, wird Willi Herold festgenommen, ein hochrangiger SS-Mann erwirkt aber seine Freilassung. Erst am 23. Mai 1945, zwei Wochen nach Hitlers Tod und der deutschen Kapitulation, wird er erneut von den Briten verhaftet – eher zufällig wegen Diebstahls. Beim Verhör kommen seine Verbrechen ans Licht. Im August 1946 werden Herold und sechs weitere Angeklagte vor das britische Militärgericht gestellt. Der damalige Staatsanwalt berichtet in "Der Hauptmann von Muffrika" über Herold: "Mein erster Eindruck war verblüffend anders, als ich erwartet hatte." Der Kriegsverbrecher habe auf ihn "unschuldig, jungenhaft, heiter und wach" gewirkt.

Herold hat von Historikern den Namen "Der Henker vom Emsland" verliehen bekommen, seine Verbrechen im Strafgefangenenlager sind als "Massaker von Aschendorfermoor" bekannt. In der Geschichte des Zweiten Weltkriegs sind Herolds Taten nur eine Fußnote, doch seine kurze, brutale Geschichte zeigt eindrücklich, wie einfach sich selbst hochrangige Militärangehörige im Reich von Uniformen und schneidigem Auftreten beeindrucken ließen. "Man hat oft die Groteske skizziert, dass wir auch einen Briefkasten mit erhobenem Arm grüßen würden, wenn man es uns befohlen hätte. Wir haben oft darüber gelacht. Wir hätten es nicht tun sollen", notierte ein deutscher Journalist während des Prozesses gegen Herold.

Am 14. November 1946 wurde Willi Herold im Alter von nur 21 Jahren mit dem Fallbeil hingerichtet.

Quellen: Film "Der Hauptmann von Muffrika" (1998) / "Spiegel" / "Hannoversche Allgemeine Zeitung"


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