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Mittelalter Der Schwarze Prinz: Grabgeheimnis des berühmtesten Ritters Englands enthüllt

Der Grabschmuck ist in Wahheit eine Rüstung und keine Skulptur.
Der Grabschmuck ist in Wahheit eine Rüstung und keine Skulptur.
© TPX/ / Picture Alliance
Der Schwarze Prinz war ein Mann des Krieges, unfähig für den Frieden. Der Grabschmuck des mächtigsten Kämpfers seiner Zeit sollte seine Stärke beschwören, der Prinz ließ sich in einem waffenstarrenden Grab beisetzen.

Der Schwarze Prinz, Edward von Woodstock, war ein Mann, dem es Zeit seines Lebens nie an Feinden gebrach. Der Erbe des englischen Throns lebte ein Leben auf dem Sattel seines Schlachtrosses, solange es ihm möglich war. Der gewaltige Kämpfer und fähige Kommandeur starb im Jahr 1376 – nach Jahren eines schwer ertragenen Siechtums. Im Tod wollte der Prinz zu alter Größe zurückkehren.

Eine neue Untersuchung zeigt, dass die Metallrüstung auf seinem Grab der Kathedrale von Canterbury keine Skulptur eines Künstlers war, sie wurde von einem Waffenschmied angefertigt. Eine letzte Rüstung für einen toten Kämpfer. An dem berühmten Grabmal durfte nichts verändert werden. Ein Team von Historikern und Wissenschaftlern des Courtauld Institute of Art setzte daher nicht-invasive Techniken ein, um die Skulptur auf dem Grabmal zu untersuchen. Sie entdeckten ein kompliziertes System von Bolzen und Stiften unter der Oberfläche, die die Einzelteile zusammenhalten. Wer immer den Grabschmuck angefertigt hatte, er war kein Künstler, es war ein Waffenschmied und verfügte über detaillierte Kenntnisse einer mittelalterlichen Rüstung. Der Grabschmuck gleicht der echten Ritterrüstung des Schwarzen Prinzen, die ebenfalls in der Kathedrale ausgestellt ist, aufs Haar.

"Die Art und Weise, wie seine Rüstung auf dem Grabmal dargestellt ist, hat etwas zutiefst Beeindruckendes", so die Co-Leiterin des Teams, Jessica Barker. "Es handelt sich nicht um irgendeine Rüstung, sondern um seine Rüstung, dieselbe Rüstung, die leer über dem Grab hängt, und die bis hin zu winzigen Details wie der Position der Nieten absolut originalgetreu nachgebildet wurde."

Ein Mann mit schwarzem Herzen

Es gibt mehrere Erklärungen wie Edward von Woodstock, Sohn von König Edward III. und Vater von König Richard II, zu dem Spitznamen der Schwarze Prinz kam. Die Briten neigen zu der Erklärung, dass der Name auf die dunkle Rüstung ihres Helden zurückzuführen ist, die er in den Schlachten des Hundertjährigen Krieges trug. In diesem Krieg über Besitzansprüche der englischen Königsdynastie wurden weite Teile Frankreichs verwüstet. Der Blick der Franzosen – ihr Held aus dieser Zeit ist die "Jungfrau von Orleans" – ist ganz anders.

Edward habe den Beinamen wegen seines abgrundtief schwarzen Herzens bekommen. Der Schwarze Prinz war nicht nur für seine persönliche Tapferkeit bekannt, seine Grausamkeit stand seinem Mut nicht nach. Nach der Belagerung von Limoges ließ er Tausende Männer, Frauen und Kinder aus Wut über ihren Widerstand abschlachten.

Edward wurde für den Krieg geboren. Mit nur 16 Jahren erlebte Edward seine Feuertaufe in der berühmten Schlacht von Crécy. Als die Ritter des Flügels, den der Prinz kommandierte, drohten von einem Gegenangriff dahingemäht zu werden, bat der junge Edward seinen Vater um Verstärkung. Edward III. schickte niemand. Auf sich allein gestellt, sollte der Sohn im Kampf "seine Sporen verdienen" oder sterben.

Edward stellte sich in die vorderste Reihe und hielt aus. Die Historikerin Barbara Tuchmann beschreibt ihn als harten und hochmütigen Fürsten, der als die "Blume der Ritterschaft" unsterblichen Ruhm erlangen sollte. Sein Ruf blieb unversehrt, so Tuchmann, da er das Glück hatte zu sterben, bevor sein Name von der Verantwortung für die Krone befleckt wurde. "Die Franzosen sahen ihn als "in seiner Art grausam" und als den "stolzesten Mann, den je ein Weib gebar".

Demütigung Frankreichs

Seinen größten Sieg erlangte er in der Schlacht von Poitier 1356, als es ihm gelang, den französischen König gefangen zu nehmen, obwohl sein Heer deutlich in der Unterzahl war. Nach einigen Stunden des Kampfes drohten die Reihen der Engländer zu brechen. Ein Ritter klagte verzagt: "Oh weh, wir sind verloren!". Wütend schrie der Schwarze Prinz auf: "Du lügst, elender Feigling! Das ist Blasphemie zu sagen, dass ich, solange ich lebe, geschlagen werden kann!".

Edward gab nicht auf. Mit einem kühnen Vorstoß entschied der Prinz die Schlacht. Er sah, dass die Franzosen mit der heiligen Standarte Frankreichs, der Oriflamme, in die Schlacht gezogen waren. Der Legende nach stammte der Stoff der Standarte aus dem Heiligen Land und ward mit dem Blut des Heilands getränkt. Die Heilige Flamme verpflichtete die französischen Ritter zur äußersten Tapferkeit, sie durften keinen Fußbreit unter dem Banner zurückweichen. Und sie duften keine Gefangenen machen.

Der Schwarze Prinz wusste, dass der französische König unter der Flamme aus Gründen der Ehre keinen taktischen Rückzug machen würde. Ein kühner Angriff isolierte den König, er wurde gefangen. Edward kassierte ein unerhörtes Lösegeld und die Herrschaft über Aquitanien. Für Frankreich war die Schlacht ein Schock. Offen verachteten die Bauern die Ritter, die es zugelassen hatten, dass der König in die Hand des Feindes fiel, und weiter lebten.

Kein Mann für den Frieden

Im Feld war der Prinz nicht zu besiegen. Der französische Historiker Frossart schrieb,  dass er "mutig und grausam wie ein Löwe" war. Vor allem hatte Edward sein Heer im Griff. Er konnte Befehle geben, die auch befolgt wurden – selbst, nachdem die Schlacht schon begonnen hatte. Das klappte auf der Gegenseite nie – die Heere des französischen Königs zerfielen in einzelne Gruppen, die allein ihren Herren dienten.

Doch so fähig der Kriegsmann war, so unfähig war Edward als Fürst seiner Länder. Auch hier folgte er dem Ideal des Rittertums, das man mit Großzügigkeit und Verschwendungssucht übersetzen kann. Im Frieden entfaltete sein Hof eine Pracht, die in keinem Verhältnis zu den Einnahmen stand. Nur dass nun keine Beute das Minus ausgleichen könnte. Der Prinz versank in Schulden. Und auch im Frieden pflegte er die Sitten, die er aus dem Feld mitgebracht hatte. Seine Gattin Johanna galt als die schönste Frau des Königreichs, aber auch als die "amouröseste". Sie trug die extravagantesten Kleider, die den "Räuberdirnen des Languedoc" nachempfunden waren. In der Umgebung des illustren Paares tummelten sich schöne, aber fragwürdige Damen, die sich zu Pferde wie Kämpfer kleideten – in den Blusen der Ritter trugen sie eine "skurrile Lüsternheit" zur Schau, die weder "Gott fürchtete noch vor der Verachtung der Menge errötete".

Durch Strafaktionen, solchen Extravaganzen und seinen hochfahrenden Sinn konnte der Prinz nie eine Bindung zu seinen Untertanen aufbauen. Das lag auch an den Grausamkeiten des Krieges, aber Edward wäre auch als englischer König gescheitert. Schnell verlor er alles, was er in der Schlacht gewonnen hatte. "Der Prinz besaß nicht mehr und nicht weniger Weitblick als die meisten militärischen Führer und sah nicht in die Zukunft", urteilt Tuchmann nüchtern.

Lebt bis heute fort

Nicht nur, dass seine Herrschaft von Schulden erdrückt wurde, darüber hinaus erkrankte der stolze Mann und verlor seine eiserne Konstitution. 1371 kehrte er als gebrochener Mann nach England zurück. Selbst sein Fürstentum musste er an seinen Vater geben, da er nicht in der Lage war, es zu verwalten. Edward von Woodstock starb 1376 im Alter von 45 Jahren an der Ruhr. Vor seinem Tod hinterließ er detaillierte Anweisungen, wie sein Grab aussehen sollte. Es sollte noch einmal seinen Ruhm beschwören. Es sollte aus Metall sein und er wollte "voll bewaffnet mit Kriegsausrüstung" dort liegen. Das war damals unerhört. Sowohl das martialische Aussehen wie auch die Form. Der Grabschmuck ist eine von nur sechs erhaltenen großen Metallguss-Skulpturen aus dem mittelalterlichen England.

Das Motto "Ich dien" der Prinzen von Wales geht der Legende nach auf Edward zurück. Nach der Schlacht von Crecy wanderte der junge Ritter – so die Sage – über das von Toten bedeckte Schlachtfeld. Dort fand er die Leiche Johanns von Böhmen. Der König war, obwohl komplett erblindet und von seinem eigenen Sohn verlassen, auf der französischen Seite in die Schlacht gezogen und hatte im Sattel festgebunden den Tod gefunden. "Hier liegt der Fürst der Ritterlichkeit, doch er stirbt nicht", soll Edward ausgerufen haben. Dieses Vorbild an ritterlicher Tapferkeit soll Edward so beeindruckt haben, dass er das Motto des Königs und dessen Helmschmuck in der Form von drei Straußenfedern seitdem führte. Bis heute führen die Prinzen von Wales das Motto im Schild. Dazu findet sich in der Reichskrone ein Rubin, den der Prinz nach der Schlacht von Nájera von Peter, dem Grausamen, als Geschenk erhalten hatte.

Quelle: The CourtaldBurlingtin, Tuchmann Der ferne Spiegel

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