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Konquistadoren: Francesco Pizarro - Von Gier, Gold und Gemetzel

Er ist einer der brutalsten und verschlagensten Feldherren in Spaniens Raubzügen jenseits des großen Meeres. Mit 168 Mann schlachtete Francisco Pizarro Tausende von Inkas ab und legte das mächtigste Reich des neuen Kontinents in Schutt und Asche. Bis jetzt erbeutete er über eine Million Goldpesos - einen der größten Schätze der Weltgeschichte. Das erschütternde Tagebuch des Paters Antonio Toledo

Dagmar Gassen

Portrait des Eroberers

Portrait des Eroberers

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Er ist einer der brutalsten und verschlagensten Feldherren in Spaniens Raubzügen jenseits des großen Meeres. Mit 168 Mann schlachtete Francisco Pizarro Tausende von Inkas ab und legte das mächtigste Reich des neuen Kontinents in Schutt und Asche. Bis jetzt erbeutete er über eine Million Goldpesos - einen der größten Schätze der Weltgeschichte. Das erschütternde Tagebuch des Paters Antonio Toledo

3. Januar 1532, auf See

Die Hölle ist ein Ort jenseits des Südmeers, und wir sind auf dem geraden Weg dorthin. Als wir gestern den Hafen von Panamá verließen, hatten sich einige Dutzend Leute am Kai versammelt, viel indianisches Weibsvolk, ein paar Kolonisten und einige Verstümmelte, die von früheren Fahrten wissen mögen, was uns bevorsteht. Wir halten mit 180 Mann auf unbekannte Gewässer und nie gesehene Küsten, auf das gewaltigste Reich der neuen Welt - und nur Gott der Herr weiß, ob man uns mit Früchten oder Pfeilen empfangen wird. Da es ihm aber gefallen hat, mich und Pater Vincente de Valverde auf diese Mission zu senden, will ich frohen Mutes sein. Mögen die Heiligen uns beschützen!

8. Januar 1532, auf See

Unsere Segel hängen schlaff, und das Beisammensein mit der Mannschaft wird mir zur Qual. Die sich hier auf knarrenden Planken versammelt haben, sind wahrlich keine Zierde des Abendlands! Gemeine Halunken die meisten, angeworben in den elendesten Dörfern Spaniens, ausgebrochen aus einem Leben in Armut und Fron - und getrieben einzig von der Gier nach Gold. Die Erfahreneren brüsten sich beim Würfelspiel, schon Tausende auf den Indischen Inseln in Stücke gehauen zu haben. Die ihnen zugeteilten Arbeitsindianer peinigten sie so unbarmherzig, dass der Pater Antonio de Montesinos ihnen gar die Absolution verweigerte. »Ihr lebt alle in Todsünde und werdet darin sterben, wegen der Grausamkeit und Tyrannei, die ihr diesen Unschuldigen gegenüber anwendet«, soll er von der Kanzel gedonnert haben - und wird darob von den Gottlosen verlacht.

Nicht einmal der Anführer der Horde, Francisco Pizarro, ist von nobler Natur: In Sünde gezeugt, hat er in Extremadura die Schweine gehütet und sich später an wechselnde Herren in der neuen Welt verdungen. Die schon mit ihm reisten, preisen lauthals seine soldatischen Tugenden, seinen eisernen Willen und sein Verhandlungsgeschick, auf mich jedoch wirkt er verschlagen und allzu ehrgeizig. Er kann weder seinen Namen schreiben noch die Heilige Schrift lesen. Warum nur hat Kaiser Karl keinen Besseren gefunden, ihm ein Reich zu erobern?

30. Januar 1532, auf dem Landmarsch

Das Gehen durch die Wildnis ist doch eine arge Last! Nach tagelangem beschwerlichem Marsch an der Küste sind wir heute endlich auf Eingeborene gestoßen - von denen wir allerdings nur die Hinterteile sahen. Kaum dass die Hütten im Gehölz zu ahnen waren, rasten die ausgehungerten und gierigen Männer nämlich wie ein wütender Hornissenschwarm darauf zu und trieben so alle Wilden in die Flucht. Als ich einen von ihnen später fragte, warum wir uns nicht friedlich genähert und nicht von unserem Glauben gesprochen hätten, antwortete er: »Weil wir niemals so viel Gold und so viele kostbare Steine gefunden hätten, wenn wir die Indianer nicht überrascht hätten.« Pater de Valverde, der als Beichtvater des Pizarro schon manche Sünde gehört haben mag, hat dazu nur milde gelächelt. Mir scheint, ich bin allein unter Teufeln.

15. Februar 1532, in der Wüste

Die Sonne brennt senkrecht auf die eisernen Panzer und die gefütterten Wämse der Soldaten, die kurz vor der Ohnmacht stehen - so weit das Auge blickt, nur Sand und verbrannter Boden. Einige von uns leiden an einer tückischen Krankheit, die den Körper mit blutgefüllten Geschwüren bedeckt und die Gezeichneten so sehr schwächt, dass sie die Hände nicht mehr zum Kopf heben können. Mehrere sind schon gestorben, die anderen verfluchen den Tag, an dem sie angeheuert haben.

25. Februar 1532, im Ödland

Seit dem Ende der Wüste marschieren wir nun durch trostlose Landstriche, und weil der Unmut endlich auch den Getreuesten die Zunge lockert, habe ich einiges über die vorhergehenden Süd-Expeditionen des Pizarro erfahren.

Es war im Jahre 1522, dass ganz Panamá erbebte im Jubel über den großen Mexiko-Sieg des Hernán Cortés. In allen Schenken sprach man von nichts anderem als vom Reichtum, und das Gerede wurde noch ärger, als der Abenteurer Andagoya neue Gerüchte über das sagenhafte Goldland Eldorado verbreitete, das irgendwo im tiefen Süden liegen sollte. Pizarro war damals schon über 50 - in einem Alter also, in dem andere dem Herrn für jeden neuen Tag danken und ihre letzten Zähne zählen. Aber auch er wollte mehr als das Stückchen Land und die paar Indianer, die er sich erworben hatte. Und so tat er sich mit einem anderen Glücksritter namens Diego de Almagro und dem Vikar Hernando de Luque zusammen, rüstete zwei Schiffe aus, und machte sich auf eine erste Suche nach dem Schatzland - die kläglich scheiterte. Seine Männer gerieten in dichte Urwälder, in denen es unausgesetzt regnete. Verfolgt von schwarzen Insektenwolken, wateten sie durch den Schlamm, kaum fähig zu atmen ob der drückenden Schwüle, mit klebenden Hemden und bohrend leeren Mägen. Mehr als 20 verhungerten, andere erkrankten nach dem Genuss unbekannter Beeren, fünf wurden erschlagen beim Überfall auf eine Indianersiedlung.

Auch eine zweite Reise, vor der die drei Partner einen beeideten Vertrag zur Teilung aller Reichtümer abgeschlossen hatten, zeitigte nicht den erhofften Erfolg. 15 Mann starben in einem Hinterhalt, einmal drohten Tausende von Indianern das jämmerliche Häuflein zu vernichten und ergriffen nur deshalb die Flucht, weil einer der Reiter vom Pferd fiel - was den Wilden wie das Auseinderbrechen eines einzigen Wesens eschienen sein soll, da Pferde und die Reiterei ihnen unbekannt sind. Von Eldorado hörten die Schatzjäger wieder nur reden, und da in Panamá keine Unterstützung mehr zu gewinnen war, zog Pizarro 1528 mit ein paar erbeuteten Schmuckstücken und Wilden vor den Kaiser nach Spanien - der ihm einen spitzfindigen Vertrag ausstellte: Zwar bekam Pizarro das Recht, »Neu-Kastilien« für die Krone zu erobern und sich mit zwei wohlklingenden Titeln zu schmücken - den Lohn für sich und die Seinen muss er jedoch dem Lande entnehmen. Eine wahrhaft kaufmännische Regelung!

15. Mai 1532, zwischen Küste und Bergen

Wir befinden uns seit zwei Wochen auf der Wanderung durch dicht besiedeltes Gebiet. Pizarro läßt in jedem Flecken verkünden, dass er als Abgesandter des Kaisers von Spanien gekommen sei, um die Bewohner Neu-Kastiliens zu Untergebenen seines Herrn und zu Kindern der Heiligen Mutter Kirche zu machen - wogegen niemand Einspruch erhebt, weil niemand auch nur eine Silbe davon versteht.

Die meisten Wilden sind jedoch gutartig und bewirten uns mit süßen Erdknollen, Maisbier und allerlei Obst. Sie bestaunen unsere Gesichtsbehaarung, da ihnen selbst keine Bärte wachsen. Und auch die Pferde werden wie Wunderwesen betastet, die donnernden Arkebusen verbreiten großen Schrecken.

20. September 1532, San Miguel

Der Kommandeur hat eine kleine Stadt anlegen lassen, mit Kirche, Gerichtsgebäude und eigenen Landparzellen und Indianern für die 50 Männer, die wir morgen zurücklassen, um den Marsch auf das Lager des großen Inkafürsten Atahualpa anzutreten, das sich jenseits der Anden befinden soll. Wir haben eine kleine Verstärkung aus Panamá bekommen, und die meisten Männer sind guten Mutes - was aber wohl ihrer Dummheit zuzuschreiben ist, denn bis-lang hat Pizarro keinen Plan, wie er des Gegners Herr werden soll, und die Eingeborenen sagen, dass dessen Heer 300000 Krieger zählt. Immerhin haben wir in San Miguel einige Heiden taufen können.

10. Oktober 1532, beim Dorf Zaran

Der mutige Hernando de Soto ist von einem achttägigen Erkundungsritt zurückgekehrt - mit einer Einladung des Atahualpa und vielen Neuigkeiten über das hiesige Staatswesen, die er durch einen unserer Übersetzer von einem Offizier erfuhr. Danach scheinen die Inka keine Not zu kennen. Wer heiratet, dem werden ein Stück Land und ein Haus zugewiesen, wenn die Ernte schlecht ist, versorgt sich das Volk aus öffentlichen Vorratshäusern, Alte und Kranke bekommen ihren Teil. Dafür haben die Bauern Fronarbeit auf den Feldern des Inka und der Priesterschaft zu leisten und den König neben der Sonne und allerlei Bergen und Winden als ihren Gott zu verehren - was aber angeblich nur selten mit den furchtbaren Menschenopfern einhergeht, die bei den Azteken üblich waren.

Wie wir schon andernorts feststellen konnten, kennen die Inka weder Zahlungsmittel noch Eisen oder Schrift - und sind uns doch in manchem überlegen. So sah de Soto aufs Feinste gemauerte Steinhäuser mit Wasserleitungen und eine vorzügliche Straße, an deren Rand Aquädukte für die Reisenden entlang liefen. Auf solchen gepflasterten Wegen, die sich durch das ganze Reich ziehen, sollen die Staffelläufer der Inka binnen fünf Tagen Strecken wie von Köln nach Rom zurücklegen! Leider ist dies nicht der Weg, den wir nehmen werden.

2. November 1532, in den Anden

Wir haben Feuer entzündet und jeden Fetzen Stoff um unsere zitternden Leiber gebunden, doch die eisige Kälte will nicht weichen, und das Atmen der dünnen Luft schmerzt in den Lungen. Des Tages tasten sich die Männer unter argem Keuchen mit ihren Pferden an den schwindelerregenden Abgründen entlang, sodass sich unsere Prozession wie ein verwundeter Lindwurm zwischen den Bergen hindurch zieht. So fürchterlich sind die Strapazen, dass ein jeder nur noch ihr Ende herbeisehnt - was immer danach auf ihn warten mag.

15. November 1532, nachts, Caxamalca

Die Angst liegt über dem Lager wie ein schweres Daunenbett. Durch den finsteren Himmel zucken Blitze und beleuchten für Augenblicke die eisbedeckten Gipfel, kalter Regen verwandelt die Lehmböden in Morast, die Stadt ist menschenleer - abgesehen von unserem kleinen Häuflein, das sich in den geräumigen Hallen am Rande einer großen Plaza niedergelassen hat. Es riecht nach Feuerrauch und Leder, die Männer haben ihre Panzer und Schwerter zur Seite gelegt, einige würfeln, ein paar andere sitzen abseits im stillen Gebet.

Vor einer Stunde sind unsere Gesandten von Atahualpa zurückgekehrt, der auf der anderen Seite des Tales inmitten einer Zeltstadt mit Zehntausenden von Kriegern Hof hält - und was sie berichten, hat den Mut der Mannschaft sinken lassen. Auch den Draufgängerischsten scheint nun der Wahnsinn des Unternehmens vor Augen zu stehen: 168 Mann gegen Zehntausende! Alle hier wissen, dass nur ein Wunder uns retten kann. Und mancher mag nun zweifeln, ob er dem Himmel ein Wunder wert ist.

16. November 1532, mittags, Caxamalca

Wir warten seit vielen Stunden im Schutz der Hallen und wagen kaum zu atmen. Nichts ist zu hören als das Schnauben der Tiere und der Ruf des Aussichtspostens, der das langsame Herannahen des Inka-Zugs durchs Tal verkündet.

Kurz nach Sonnenaufgang hatte Pizarro alle auf die Plaza gerufen und seinen Plan verkündet: Wie Hernán Cortés will er den Obersten seiner Feinde gefangen nehmen, um den Widerstand zu brechen, und hat ihn deshalb zu einem Freundschaftsbankett geladen - eine verwegene und perfide Idee, aber die Männer denken nicht mehr, sie sind wie im Fieber. Wir haben die Messe gelesen und Gottes Beistand erfleht. Es gibt kein Zurück mehr.

16. November 1532, nachts, Caxamalca

Die Schlacht ist geschlagen, in der Dunkelheit der Plaza türmen sich die Leichen Tausender Indianer, es riecht nach Blut und Tod.

Es war schon gegen Abend, als der Zug des Atahualpa endlich die Stadt erreichte. Ihm voraus gingen Hunderte von Dienern, die den Boden säuberten, gefolgt von vielen Edelleuten in reich geschmückten Gewändern. Erst als etwa 6000 Mann an den Seiten der Plaza Aufstellung genommen hatten, erschien der Herrscher selbst, getragen in einer goldenen Sänfte.

Als er erstaunt den leeren Platz absuchte, trat Pater de Valverde mit einem Übersetzer hervor, in der einen Hand das Kruzifix, in der anderen die Bibel. Er dozierte vor dem verdutzten Atahualpa über die Erschaffung der Welt und den Sündenfall, über Jesus Christus, dessen Kreuzigung und Auferstehung, über den Apostel Petrus und die Reihe der Päpste und kam so zu unserem Papst Clemens, der den mächtigen Herrscher von Spanien beauftragt habe, die Länder des Westens zu erobern und ihre Bewohner dem wahren Glauben zuzuführen. Deshalb, so schloss de Valverde, möge Atahualpa nun gleich seinem Irrglauben abschwören und anerkennen, dass er dem Kaiser Karl tributpflichtig sei.

Das war sicher ein wenig ungeschickt, denn Atahualpa war nicht im Mindesten beeindruckt. »Der Mann, den du Papst nennst, muss verrückt sein, wenn er Länder verschenkt, die ihm nicht gehören«, sagte er schneidend. »Und warum sollte ich meinen Glauben ablegen? Euer Gott wurde, wie du selbst sagst, von seinen eigenen Geschöpfen zu Tode gebracht, meiner hingegen lebt.« Er warf die Bibel, die de Valverde ihm gereicht hatte, in den Staub, worauf dieser in höchster Not zu den Hallen schrie: »Kämpft, ihr Männer! Eure Sünden sind vergeben!«

Nun brachen die Truppen aus allen Toren und stürzten sich mit lautem Gebrüll auf die völlig überrumpelten Indianer. Sie zerhieben die Ungerüsteten mit ihren Schwertern wie Brotstücke - es war das schlimmste Schlachten, das ich je sah. Und es endete mit der größten Perfidie, die man sich denken kann: Zur Stunde nämlich muss der gefangene Atahualpa mit Pizarro das Mahl einnehmen, zu dem er so hinterlistig geladen wurde - nur wenige Meter entfernt von den ausgeraubten Toten.

15. Dezember 1532, Caxamalca

Pizarro hat Atahualpa drei Räume zugewiesen, in denen der Inka mit seinen Lieblingsfrauen und Dienern lebt. Fast täglich gehen Pater de Valverde und ich zu ihm, um ihn den Glauben zu lehren, allerdings ohne rechten Erfolg. Atahualpa wirkt verschlossen und überheblich, was durch seine große Statur und sein ausdrucksloses, flächiges Gesicht noch unterstrichen wird, aber ich kann nicht verhehlen, dass seine Haltung mir Eindruck macht. Obwohl er nur an die 30 Jahre alt sein kann, ist er in seiner Majestät so manchem unserer Fürsten ebenbürtig.

Möge der Herr uns also seine Seele öffnen, da er uns die der eigenen Männer verschlossen hat! Diese nämlich halten sich dank der vielen Gefangenen große Dienerscharen, völlen und saufen und greifen sich Frauen nach ihrem Vergnügen. Sie sind eine Schande der Christenheit, und ich hätte wahrlich Lust, ihnen die Beichte zu verweigern nach dem Vorbild Pater Montesinos!

28. Dezember 1532, Caxamalca

Da Atahualpa die allgemeine Gier nicht verborgen geblieben ist, hat er Pizarro ein Angebot gemacht: Er will einen großen Raum bis zur Höhe einer ausgestreckten Hand mit Gold füllen lassen, dazu zwei weitere mit Silber - wenn er im Gegenzug seine Freiheit erhält. Pizarro ging ohne langes Grübeln darauf ein, und so wurden bereits Boten in alle Landesteile geschickt, um die Kostbarkeiten hierher zu schaffen.

21. Juni 1533, Caxamalca

Nachdem der Schatz fast den erwarteten Umfang erreicht hatte, begann Pizarro vor einem Monat damit, ihn einschmelzen zu lassen und hat nun heute in einer feierlichen Zeremonie die Beute verteilt. Von den insgesamt 1326539 Goldpesos geht der fünfte Teil an die Krone. Pizarro selbst nahm sich 57222 Pesos, sein Bruder Hernando bekam 31080, de Soto 17740 und so fort bis zu den einfachen Infantristen, die sich mit 4440 zufrieden gaben. Es herrscht nun fröhliche Stimmung - auch in den Gemächern von Atahualpa, der bereits Pläne für seine Freiheit schmieden mag.

16. August 1533, Caxamalca

Es mehren sich die Gerüchte über einen bevorstehenden Indianerangriff, die Männer sind gereizt wie ein Stall voller Kampfhähne. »Wie sollten sie uns nicht überfallen, da wir so viel Gold haben?«, fragen viele. Ich aber glaube, daß sie eher kommen würden, den Inka zu befreien, der immer noch in Haft gehalten wird.

Pizarro, so sagen seine Vertrauten, weiß nicht mehr ein noch aus. Der gefangene Inka hindert ihn am Weitermarsch nach Cuzco, ein freier Inka könnte ihm gefährlich werden. Und so verharrt er seit vielen Wochen untätig, während das Gerede zunimmt und die ersten Soldaten den Tod der lästigen Geisel fordern. Nur wenige versuchen, sich für Atahualpa einzusetzen, darunter de Soto und auch ich, aber Pizarro mag uns kaum anhören. Weiß der Himmel, was in seiner finsteren Seele vorgeht.

29. August 1533, nachmittags, Caxamalca

Der Herr hat meine Gebete nicht erhört! Nachdem Pizarro den wackeren de Soto als Kundschafter ausgeschickt hatte, berief er heute morgen einen Gerichtshof - mit sich selbst und seinem Kumpanen Almagro als den obersten Richtern! Das Ganze war ein Possenspiel - zumal man Atahualpa allerlei Taten vorwarf, von denen nie zuvor die Rede gewesen ist - wie etwa die gewaltsame Aneignung der Krone, gewisse Morde an seiner Verwandtschaft, sein Ketzertum und seine Vielweiberei. Erst an allerletzter Stelle der Klageschrift wird er beschuldigt, einen Aufstand anzuzetteln - was freilich niemand belegen kann, da de Soto noch nicht zurück ist.

Das »Gericht« kam zu dem wenig überraschenden Urteil, Atahualpa sei überaus schuldig und müsse noch in dieser Nacht verbrannt werden - was ihn selbst als Einzigen erstaunte. Mit Tränen in den Augen rief er zu Pizarro: »Was haben ich oder meine Kinder getan, dass mich ein solches Schicksal trifft - aus deiner Hand, der du von mir mit Freundschaft und Freundlichkeit empfangen wurdest, von dir, mit dem ich meine Schätze geteilt habe und der nichts als Gutes von mir erfahren hat?« Er bettelte um sein Leben und bot noch einmal das Doppelte des Goldes, das er schon gegeben hatte, aber Pizarro wandte sich mit einer heftigen Bewegung von ihm ab. Mir aber brach es fast das Herz, den stolzen Wilden so erniedrigt zu sehen.

29. August 1533, nachts, Caxamalca

Zwei Stunden nach Sonnenuntergang wurden wir mit Trompetenschall auf die große Plaza gerufen. Im Fackelschein stand der Scheiterhaufen bereit, der Inka wurde in Ketten herangeführt, an seiner Seite Pater de Valverde, der unablässig auf ihn einredete. Als der Verurteilte an den Stab gebunden war, verstummte das Getuschel der Soldaten, sodass ein jeder deutlich hören konnte, wie de Valverde einen letzten Versuch unternahm, die Seele des Mannes zu retten, den er Stunden zuvor recht freudig mit der Unterzeichnung des Urteils dem Tod überantwortet hatte. Er erhob das Kreuz und sagte: »Umfasse dies und lass dich von mir taufen, denn so werden dir die Qualen des Scheiterhaufens erspart bleiben.« Als Atahualpa seinen fragenden Blick auf Pizarro richtete, bestätigte dieser, dass er als Getaufter in der Garrotte sterben dürfe. Und so nickte der Unglückliche und ließ sich auf den Namen Juan de Atahualpa taufen.

Noch während der Bekehrte Pizarro seine Kinder anempfahl, holten Soldaten einen Strick und einen starken Stock, die das Würgeisen ersetzen mussten. Atahualpa sah niemanden mehr an. Mit geschlossenen Augen ließ er sich die Schlinge umlegen, und erst als der Stab darin so oft gedreht worden war, dass ihm der Atem ausblieb, blickte er noch einmal zum Himmel. Er mag die Sonne gesucht haben, die er einst so hochmütig über Gott gestellt hat. Aber er fand nichts als Finsternis und ein paar blasse Sterne.

2. September 1533, Caxamalca

Letzte Nacht ist mir die Heilige Jungfrau erschienen, um die Qualen meiner schmerzenden Seele zu lindern. Und da sie mich durch die Kreuzgänge meines Klosters führte, will ich ihr folgen und nicht länger an einem Ort verweilen, an dem ich nichts mehr zu wirken vermag für den Herrn. Während die Truppen bald nach der goldenen Hauptstadt aufbrechen wollen, werde ich schon morgen über San Miguel den Heimweg nach Spanien antreten. Möge der Herr den Gierigen ihre Sünden vergeben - ich nämlich kann es nicht mehr.

Der Artikel erschien erstmals 2001.

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