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Putins Feuerwalze Geheimdienstbericht: Russland im Donbass bei der Artillerie 20 zu 1 überlegen

Mit Werfern vom Typ BM-27 Uragan beschießt Russland die ukrainischen Stellungen. 
Mit Werfern vom Typ BM-27 Uragan beschießt Russland die ukrainischen Stellungen. 
© PR
Ukrainische und westliche Geheimdienstler zeichnen ein düsteres Bild der Lage im Donbass. Kiew hat derzeit kein Mittel, um Artillerie und andere Fernwaffen der Russen zu bekämpfen. Unter dem russischen Beschuss leidet auch die bislang gute Kampfmoral von Kiews Soldaten.

Ein Bericht ukrainischer und westlicher Geheimdienstmitarbeiter, den der "Independent" zitiert, geht davon aus, dass die ukrainischen Truppen im Donbass vor dem Zusammenbruch stehen. Grund ist die drückende Überlegenheit der Russen bei den Fernwaffen, also bei Artillerie und taktischen Raketen. Diese Überlegenheit und der andauernde Beschuss habe die Moral der Truppe zersetzt und die ukrainische Artillerie dezimiert. Der Bericht geht davon aus, die russischen Streitkräfte bei der Artillerie 20 zu 1und bei der Munition 40 zu 1 überlegen sind.

Sowjet-Munition ist erschöpft

Die ukrainische Artillerie leidet unter Ausfällen und unter einem eklatanten Mangel an Munition. Die Vorräte sind erschöpft und es wird immer schwerer, Nachschub in die Frontbeule bei Lyssytschansk zu bringen. Die Raketen für die schweren Mehrfachraketenwerfer aus Sowjetzeiten Smerch und Uragan sind praktisch aufgebraucht. Mit ihnen konnte Kiew russische Offensiven auf Entfernungen von 60 bis 80 Kilometern abwehren. Nun liegt die maximale Feuerreichweite bei etwa 40 Kilometern, so weit trägt die konventionelle Artillerie der Kaliber 152/155 mm und die verbliebenen kleineren Mehrfachwerfer.

Auf die verbliebene Artillerie Kiews wirken die Russen mit Waffen weit höherer Reichweite ein. Das sind schwere Mehrfachraketenwerfer der Typ Uragan bzw. Smerch und Tochlk-U-Raketen mit Reichweiten von 80 Kilometern. Dazu kommen taktische Iskander-Raketen mit einer Reichweite von 300 Kilometern. Litt die russische Offensive in der ersten Phase schnell unter Nachschubproblemen, ist ein Mangel an Munition auf russischer Seite derzeit nicht zu erkennen. Weiter heißt es in dem Bericht: "Dies schafft eine Situation absoluter Ungleichheit auf dem Schlachtfeld, ganz zu schweigen von der vollständigen Dominanz der feindlichen Flugzeuge in der Luft, die nur manchmal durch den Einsatz der Stinger [Boden-Luft-Raketen] korrigiert werden kann." Westliche Experten zählen derzeit täglich 300 Einsätze der russischen Luftwaffe über dem räumlich begrenzten Gebiet.

Die in großer Zahl gelieferten Anti-Panzer-Raketen helfen den Ukrainern im unmittelbaren Kampf, doch gegen die weit entfernte Artillerie sind sie machtlos. Die russische Taktik sieht nun vor, die ukrainischen Truppen durch unentwegten Beschuss abzunutzen und zu zermürben. Zu Bodenkämpfen soll es nur kommen, wenn die Kampfkraft der ukrainischen Verteidiger in der Zone bereits schwer gelitten hat.

Neues Bild der Geheimdienste im Krieg gegen Russland

Der Bericht ist erstaunlich, da die bisherigen Geheimdienstinformationen aus Großbritannien ein eher günstiges Bild für Kiew gezeichnet hatten und sie vor allem von sehr hohen russischen Verlusten berichtet hatten. Nun heißt es: "Es ist klar, dass ein konventioneller Krieg nicht gewonnen werden kann, wenn die eigene Seite ein Vielfaches weniger Waffen hat, die eigenen Waffen den Feind auf kürzere Distanz treffen und man deutlich weniger Munition hat als der Feind." Die bisher hervorragende Kampfbereitschaft der ukrainischen Streitkräfte lässt inzwischen nach, der Beschuss habe "eine ernsthaft demoralisierende Wirkung auf die ukrainischen Streitkräfte sowie eine sehr reale materielle Wirkung; die Fälle von Desertation nehmen jede Woche zu".

Immer stärker zeigt sich, dass es ein Fehler war, die Ukraine zunächst vorrangig mit Waffen der Sowjetära zu beliefern. Genau genommen handelt es sich um Restbestände, die bereits ausgemustert wurden oder kurz davorstanden. Für diese Waffen von der Resterampe gibt es nur noch begrenzte Mengen an Ersatzteilen und Munition. Durch den längeren Konflikt muss nun doch auf West-Waffen umgeschwenkt werden.

Gefangene setzen Kiew unter Druck

Ein weiteres Problem stellen die Gefangenen dar. Eine Besonderheit dieses Krieges, die man schon bei den Kämpfen 2014/15 beobachten konnte, ist der Austausch von Gefangenen, wenn die Kampfhandlungen noch andauern. So wurden sogar die prominenten ukrainischen Kämpfer der Schlangeninsel schnell ausgetauscht.

Doch Kiew kann seine eigenen Soldaten nicht länger im Verhältnis 1 zu 1 auslösen. Zu viele Ukrainer gelangen in Gefangenschaft und zu wenige Russen. Kiew soll derzeit noch etwa 500 russischen Soldaten haben, Russland dagegen hält über 5000 ukrainische Kämpfer gefangen. In dem Geheimdienstbericht heißt es: "Die Russen bestehen auf einem Gefangenenaustausch im Verhältnis eins zu eins. Das bedeutet, dass nach dem Status quo 4500 ukrainische Gefangene in russischen Gefängnissen sitzen könnten, bis ein Friedensabkommen zustande kommt. Moskau wird sie wahrscheinlich als Druckmittel einsetzen, um die Ukraine intern zu destabilisieren."

Sollten die Russen die ukrainischen Kräfte bei Lyssytschansk einkesseln können, wird sich das Verhältnis weiter verschlechtern.

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Durchhalten bis August

Nimmt man den neuen Bericht ernst, ist die Lage im Donbass sehr bedrohlich. Die bereits angeschlagenen ukrainischen Streitkräfte müssten dort bis August weiterdurchhalten. Dann werden weitreichende Raketenwaffen aus dem Westen mit dafür ausgebildeten Soldaten in der Ukraine eintreffen. Genau genommen muss man formulieren: Dann beginnt der Zustrom, diese Systeme werden nicht sofort in großer Zahl zur Verfügung stehen. Der Geheimdienstbericht nimmt zu dem Ausgang der Schlacht im Donbass nicht direkt Stellung, formuliert aber pessimistisch "Der Feind kesselt die in Sewerodonezk und Lyssytschansk konzentrierten ukrainischen Kräfte ein. Es ist äußerst schwierig geworden, diese beiden Städte zu verteidigen, da der Feind die Straßen, auf denen der Nachschub transportiert wird, zu 80 Prozent unter Beschuss nimmt."

Gleichzeitig hat die selbst ernannte Donezker Volksrepublik den Beginn des Kampfes um Slowjansk angekündigt. Das ist derzeit noch übertrieben, da die Russen nicht einmal die Vorstädte der Stadt erreicht haben. Doch nähern sie sich inzwischen aus mehreren Richtungen. Hier droht die Gefahr, dass die schon jetzt bedrohlich eingedrückte Frontbeule um Sewerodonezk und Lyssytschansk weiter im Westen komplett abgeschnitten wird.

Quelle: Independent


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