VG-Wort Pixel

Waffentechnik Kanonen entscheiden den Krieg in der Ukraine – so kam es zur Wiedergeburt der Artillerie

Die USA schickten eine große Zahl von M777 Haubitzen in die Ukraine,
Die USA schickten eine große Zahl von M777 Haubitzen in die Ukraine,
© Efrem Lukatsky/ / Picture Alliance
Die Artillerie galt schon als abgeschrieben. In der Ukraine erlebt sie eine Renaissance. Zuerst setzten die Russen auf ihre zerstörerische Energie, dann konterte Kiew mit westlichen Präzisionsgeschossen. Wie konnte die altmodische Waffe wieder so wichtig werden?

Artillerie ist der Gott des Krieges – das sagten Napoleon und auch Stalin. Doch schon im Zweiten Weltkrieg schien die Kraft der Kanonen nicht mehr so wichtig zu sein. Panzer und Flugzeuge dominierten das Schlachtfeld. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Und seitdem schien es mit Haubitzen, Mörsern und Kanonen unaufhaltsam bergab zu gehen.

Drohnen plus Kanonen - eine tödliche Kombination

Der Krieg in der Ukraine wird nun wieder von der "alten" Waffe Artillerie beherrscht – in Kombination mit den neuartigen Drohnen. Zur Artillerie zählen Kanonen, Haubitzen und Mehrfachraketenwerfer. Kanonen und Haubitzen unterscheiden sich im Anstellwinkel des Rohres, heute werden fast nur noch Haubitzen mit hohem Winkel gebaut. Mehrfachraketenwerfer bauen alle auf dem Vorbild der "Stalinorgel" auf – sie verschießen keine Geschosse mit einer Treibladung aus einem Rohr, sondern starten eine Gruppe von Raketen. Schwere Mörser aus UdSSR-Beständen werden in der Ukraine nur gelegentlich benutzt. Einen Vorgeschmack von der künftigen Rolle der Artillerie haben schon die Kämpfe in der Ostukraine 2014/2015 gegeben. Damals staunte der Westen, wie die Russen mithilfe von einfachen Drohnen ihre alte Artillerie zu einer effektiven Waffe machten. Doch heute scheint es, als hätten die US-Streitkräfte diese Lektion weit besser umgesetzt als die russischen.

Große Reichweite, geringe Aufklärung

Wie kam es dazu? Historisch gesehen wurde noch in der napoleonischen Ära Kanonen fast immer "auf Sicht" eingesetzt. Auch wenn Mörsergranaten einen hohen Bogen beschreiben, konnten die Kanoniere in der Regel ihr Ziel buchstäblich sehen. Hinzu kam, dass sich die Truppen damals nicht tarnten, sondern in bunten Uniformen eng beisammenstanden, marschierten und kämpften. Die Ziele waren also leicht auszumachen und trotz der Ungenauigkeit der Kanonen zu bekämpfen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts erhöhte sich die Reichweite. Nun konnten weitentfernte Ziele beschossen werden, die für die Kanoniere nur noch Punkte auf der Landkarte waren. Bei einem beweglichen Krieg, bei dem sich zudem wenige Soldaten geschickt tarnen, war es allerdings schwer, die exakten Zielkoordinaten zu bekommen.

Die "Blindheit" der Artillerie änderte sich mit dem Auftauchen der Drohnen. Selbst einfache Foto-Drohnen können weit in das feindliche Hinterland fliegen und dort jede Bewegung aufspüren. So bekommt eine Batterie ein Ziel zugewiesen und besitzt in Form der Drohnen sogar einen Beobachter mit ausgezeichneter Sicht, der das Feuer koordinieren kann. So etwas war vor dem Drohnenzeitalter nicht möglich, zuvor konnte man nur vereinzelt Kommandosoldaten hinter die feindlichen Linien bringen, damit diese Ziele aufklären können. Billig-Drohnen sind dagegen eine allgegenwärtige Bedrohung, sie können das gesamte Gebiet hinter den feindlichen Linien beobachten.

Einfache Drohnen spähen den Gegner aus 

So hat die Artillerie quasi Adler-Augen bekommen. So weit waren die Russen schon 2014/15, nur haben sie ihren Vorsprung verschlafen. Schon kurz nach dem Einmarsch in die Ukraine zeigte sich, dass die russischen Streitkräfte viel zu wenige einsatzfähige Drohnen besaßen. Es mangelte an echten Kampfdrohnen aber auch an zivilen Modellen, die man einfach auf die militärischen Bedürfnisse anpassen kann. Dieser Schlendrian ist schwer zu verstehen. Vor Einmarsch und Sanktionen hätte sich der Kreml für relativ kleines Geld mit Tausenden dieser Flugobjekte auf dem Weltmarkt eindecken können.

Neben den fliegenden Späher halfen der Artillerie zwei weitere Faktoren. Es wurden immer präzisere und weiterreichendere Geschosse entwickelt. Endete früher die Reichweite der normalen Feldkanonen bei etwa 20 Kilometern, schaffen moderne Haubitzen über 30. Mit reichweitengesteigerter Munition sind auch 60, 80 oder gar 100 Kilometer möglich. Die Mehrfachraketenwerfer erreichen 85 Kilometer und mit speziellen Raketen auch weit mehr.

Russland-Ukraine-Krieg: Soldat im Schützengraben kämpft für die ukrainische Armee

Neuartige Präzisionsgeschosse

Dieses Plus wäre früher weitgehend sinnlos gewesen, weil die Munition immer unpräziser eingeschlagen würde – dann wäre man froh gewesen, noch ein Fußballfeld zu treffen. Dem Problem wurde durch Präzisionsgefechtsköpfe abgeholfen, sie orientieren sich an GPS und anderen Systemen und sind in der Lage die Flugbahn der Granate anzupassen und das Ziel im Endanflug direkt anzusteuern. Obwohl diese Systeme viel teurer als normale Sprengköpfe sind, lohnt sich der Wechsel. Wo vorher eine ganze Batterie ein Feld verwüstet hat, um ein Ziel zu treffen, reicht heute häufig eine einzige Granate, um etwa einen Panzer mit einem Volltreffer zu zerstören. Gleichzeitig hat sich aber auch gezeigt, dass es eine Illusion war, zu glauben, es würden nur wenige präzise Schüsse abgegeben. In der Ukraine wird so viel geschossen, wie nur möglich ist. Komplizierte Systeme wie die Panzerhaubitze 2000 soll der raue Ernstfall nicht gut bekommen. Die hochgezüchtete Waffe fällt dann aus und muss umständlich repariert werden.

Diese Neuerungen gab es auch bei den russischen Streitkräften – aber offensichtlich nicht in den benötigten Stückzahlen. Während die Ukraine aus dem Westen und namentlich aus den USA mit großen Mengen der smarten Munition versorgt wird. Die Ukraine selbst verfügte nicht über derartige Waffen. Dieses Übergewicht führte dazu, dass die im Frühjahr noch beherrschende russische Artillerie niedergekämpft werden kann. Jede russische Kanone kann zum hilflosen Ziel werden, wenn sie mit Präzisionsmunition beschossen wird und der Gegner außerhalb der eigenen Reichweite bleibt.

Besonderheiten des Kriegs in der Ukraine 

Artillerie wurde also smarter, moderner und gefährlicher. Die Renaissance der Artillerie in der Ukraine hängt aber auch von den Besonderheiten dieses Krieges ab. Die zuvor entscheidenden Waffensysteme – Flugzeuge, Hubschrauber und Kampfpanzer – können ihr Potenzial in der Ukraine nicht entfalten. Luftabwehr und Panzerabwehrraketen lähmen ihre Bewegungen – in diese Lücke stoßen Drohnen und Artillerie. Sollten Kampfpanzer jedoch effektive aktive Schutzsysteme gegen Raketen bekommen, würde sie auf dem Schlachtfeld auch wieder eine aktive Rolle spielen. Ähnliches gilt für die Luftwaffe: Die russischen Kräfte waren nie in der Lage die Luftverteidigung Kiews niederzuringen, einer Luftwaffe wie der US-Airforce wäre das wohl nicht passiert. Und wenn die gegnerischen Flugzeuge den Himmel beherrschen, könnte Artillerie auch mit weitreichenden und präzisen Geschossen den Gegner eben nicht aus einer "sicheren" Stellung heraus bekämpfen.

Mehr zum Thema

Newsticker