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Ukraine-Krieg Putins Rüstungsexperte fürchtet, die Lage könne durch westliche Hilfe "dramatisch" werden

Ohne aktive Schutzsysteme haben Panzer keine Chance mehr.
Ohne aktive Schutzsysteme haben Panzer keine Chance mehr.
© Maxym Marusenko / Picture Alliance
Ruslan Puchow, Berater des russischen Verteidigungsministers, beklagt die veraltete Ausrüstung und den Mangel an Infanterie. Wenn der Westen Kiew stärker mit modernen Waffen unterstützt, könne die Lage dramatisch werden.

Ruslan Puchow, Direktor des Zentrums für die Analyse von Strategien und Technologie, sprach in einem Interview über die Probleme der russischen Streitkräfte. Puchow steht der Putin-Regierung durchaus nahe. Er gehört dem Rat an, der den Verteidigungsminister berät. In dem Interview nimmt er kein Blatt vor dem Mund.

Ein großes Problem ist die moderne Ausrüstung aus dem Westen, die Kiew erhält, im Vergleich zu der alten sowjetischen Ausrüstung der russischen Streitkräfte. In der Praxis verfüge Russland über keine Kampfflugzeuge der 5. Generation, wie die F-35. Dazu kommt ein Mangel an Hochpräzisionswaffen und modernen Zielvorrichtungen. Zusammen mit der nach wie vor existenten ukrainischen Luftabwehr behindere dies die Luftwaffe enorm bei ihrem Versuch, die Bodentruppen zu unterstützen. Puchow: "Wir haben keine Luftüberlegenheit." Sollten größere westliche Luftabwehrsysteme in der Ukraine eintreffen, werde sich das Problem noch verschärfen.

Innovationen wurden verschleppt

Am Boden arbeiten die Russen mit veralteten T-72. Auch den T-90 nennt Puchow nur einen "getunten T-72". Die Innovationen der Rüstungsindustrie sind nicht bei der Truppe angekommen. Puchow beklagt, dass Russland als erstes Land aktive Schutzsysteme für Panzer entwickelt hat, die angreifenden Raketen abfangen können, die Panzer heute aber nicht damit ausgestattet sind. "Das ist natürlich schade, denn die Erfahrungen aus den Militäroperationen in der Ukraine haben gezeigt, dass ein Panzer ohne aktives Schutzsystem auf dem Schlachtfeld überhaupt nicht mehr überlebensfähig ist."

Das gleiche Bild bei der Artillerie. Hier hatte Russland in dem Kämpfen 2014 und 2015 in der Ukraine vorgemacht, wie ältere Artillerie mit Beobachtungsdrohnen zu einer präzisen Waffe wird. Diese Innovation wurde in der Folgezeit vergessen. "Wir haben diese Revolution verpasst und müssen sie nun 'im Vorbeigehen' nachholen." Während die Ukraine gelernt habe, ihre alten sowjetischen Geschütze in Verbindung mit kommerziellen Drohnen einzusetzen. "Im Falle eines Artillerie-Duells sind sie uns oft überlegen. "Dazu sieht der Experte das Problem, dass die alte russische Artillerie den westlichen Systemen in der Reichweite deutlich unterlegen ist. Bislang stehe den ukrainischen Streitkräften die westliche Ausrüstung nur in "homöopathischen Dosen" zur Verfügung. Doch wenn die Zahl der Geschütze wächst, werden die ukrainischen Systeme bei einem Artillerieduell "in der Lage sein, unsere Batterien zu zerstören, und das russische Gegenfeuer wird das Ziel einfach nicht erreichen". Akut wird das schon jetzt bei den HIMARS, die hochpräzise Raketen mit einer Reichweite von bis zu 85 km verschießen.

Die Zeit der dummen Munition ist vorbei

Der Verlauf des Krieges habe die Bedeutung von Präzisionswaffen gezeigt. Man könne Hunderte oder Tausende von ungelenkten Geschossen abschießen, so Puchow, doch all das würde durch zwei gelenkte Raketen, die das Ziel genau treffen, ausgeglichen. Gerade gegen verbunkerte Stellungen, die nur mit einem genauen Treffer ausgeschaltet werden können, sind ungelenkten Geschosse weitgehend unwirksam. "Die Methoden des Ersten Weltkriegs funktionieren nicht, vor allem, wenn man dem Feind bei der Infanterie nicht überlegen ist." Doch der russischen Seite mangelt es Aufklärungsgeräten und einer großen Zahl an Präzisionswaffen.

Derzeit profitiere die russische Seite davon, dass die Lieferungen aus dem Westen nur in geringen Stückzahlen in die Ukraine kommen. Dafür macht Puchow vor allem politische Erwägungen verantwortlich. Man schrecke davor zurück, eine große Anzahl von Ausbildern in die Ukraine zu schicken und die Waffen der eigenen Streitkräfte abzugeben.

Der Westen kann, wenn er denn will

Doch warnt er davor, in Russland die Fähigkeiten der westlichen Rüstungsindustrie zu unterschätzen und die Klagen über Ausrüstungsmängel wörtlich zu nehmen. "Überall auf der Welt beklagen die Militärindustriellen sich gerne darüber, dass ihnen etwas fehlt." Russland müsse erkennen, dass die Rüstungsindustrie des Westens stark zusammenarbeitet und sich gegenseitig unterstützen wird, wenn es notwendig ist. "Die Gesamtzahl der Waffen und Ausrüstungen, die in den Armeen des gesamten NATO-Blocks im Einsatz sind, ist sehr groß und um ein Vielfaches größer als die unsere." Auch könne die Produktion der Industrie schnell hochgefahren werden.

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Die Lieferung moderner Waffen aus dem Westen und die zahlenmäßige Überlegenheit der ukrainischen Armee durch die allgemeine Mobilmachung bergen enorme Risiken für Russland. "Bis zum Ende des Sommers kann die Lage an den Fronten dramatisch werden."

Quelle:  PRISP; Wartranslated


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