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Krieg in der Ukraine Putin ist der Frosch im Wasserglas – warum Hightech-Waffen seine Kriegsmaschine nur ganz allmählich lähmen

Die HIMARS-Werfer sind erst der Anfang, die USA werden Kiew mit weiteren Fernwaffen ausrüsten.
Die HIMARS-Werfer sind erst der Anfang, die USA werden Kiew mit weiteren Fernwaffen ausrüsten.
© U.S. Air Force / Picture Alliance
Jede Woche gelangen neue wirksame Waffen aus dem Westen in die Ukraine – ganz langsam und fast unmerklich wendet sich das Blatt. Dahinter steckt eine Strategie.

Je länger der Krieg in der Ukraine dauert, umso wirksamere Waffen bekommt die Ukraine aus dem Westen – im Wesentlichen aus Großbritannien und den USA. Ein Gedanke liegt da nahe: Warum kommen diese Waffen erst jetzt? Hätte man sie früher etwa im April ins Kampfgebiet geschickt, wäre der Krieg dann nicht ganz anders verlaufen?

Und die Antwort ist ja: Hätte die Ukraine Waffen vergleichbar den Mehrfachraketenwerfern HIMARS bereits im April in größerer Stückzahl bekommen, wäre die russische Donbass-Offensive massiv behindert worden. Vermutlich wären die Geländegewinne der Russen noch bescheidener, als sie heute sind. Und weit wichtiger: Es wären weit weniger ukrainische Soldaten gefallen, weil den Russen die Munition für das Dauerfeuer der Artillerie gefehlt hätte.

Für diese Verzögerung ist sicher auch die Zögerlichkeit der westlichen Führer verantwortlich. Gerade die Zurückhaltung Deutschlands als wichtigste Macht Westeuropas dürfte auch auf andere Länder dämpfend gewirkt haben.

Warum so spät?

Aber es gibt auch andere Gründe. Zuerst wären da technisch-militärische. Diese Waffen müssen zunächst einmal vorhanden sein. Und wenn das der Fall ist, in einen kampfbereiten Zustand gebracht werden. Dazu kommen die Ausbildung der ukrainischen Soldaten und die Bereitstellung der entsprechenden Munition. Mit einem derart langen Krieg mit einem ununterbrochenen Einsatz von Artillerie und Fernwaffen hat im Westen niemand gerechnet. Bei intelligenter zielsuchender Munition haben viele Staaten selbst weniger als das Allernötigste im Magazin. In den Kämpfen im Donbass wird hingegen buchstäblich aus "allen Rohren" gefeuert. Es reicht also nicht, schwere Waffen zu liefern, man muss auch ein tragfähiges Konzept für die Logistik – Ersatzteile, Wartung und Munition – entwickeln. Am Beispiel des Flakpanzers Gepard kann man sehen, wie schwer es werden kann, auch nur Munition zu beschaffen – da die strikt neutrale Schweizer Regierung hier die Lieferung der Standardmunition blockiert.

Hinzu kommt, dass die Waffensysteme unterschiedlich komplex vernetzt sind. Auf der einen Seite stehen Waffen wie Manpads oder Antipanzerraketen. Die werden in einem Transportcontainer mit ihrem Starter geliefert. In einem weiteren befinden sich zusätzliche Raketen. Und damit ist das System ganz allein voll einsatzfähig. Aber schon bei einem Schützenpanzer wird es kompliziert. Seine Waffen können ohne weitere Hilfe arbeiten. Aber für einen Schützenpanzer braucht man bereits Service-Personal und Ersatzteile. Dazu muss eine Lösung für die Kommunikation gefunden werden, wenn die Besatzung in dem West-IFV mit den Sowjetmodellen der Ukraine kommunizieren soll. Bei Fernwaffen wird es noch komplexer. Hier müssen Aufklärung, Zieldaten, Zielbeobachtung und Raketenwerfer miteinander verknüpft werden, um die Resultate zu erzielen, wie sie die HIMARS-Werfer erreichen.

Es gibt daher technische und militärische Gründe, warum diese Waffen erst nach und nach in die Ukraine kommen. Aber die Lieferung in Tröpfchen-Dosis hat eine psychologische Komponente. Der Einsatz der Westwaffen soll ganz allmählich gesteigert werden, um Russland vor einer weiteren deutlichen Eskalation abzuhalten. Vor allem von einem Angriff auf die NATO-Einrichtungen, die dem Kiewer Militär zu arbeiten, die sich aber nicht in der Ukraine befinden. Und auch in der Ukraine gibt es Eskalationspotenzial. Häufig genannt wird die Zerstörung des Regierungsviertels in Kiew. Oder eine systematische Zerstörung der Knoten der zivilen Infrastruktur im ganzen Land.

Eine unmerkliche Eskalation

Indem der Westen im Rhythmus von ungefähr 14 Tagen seine Hilfen qualitativ steigert, findet sich Putin in der Rolle eines Frosches im Wasserglas wieder. Durch den unmerklichen, aber stetigen Anstieg der Temperatur kann der Frosch nicht reagieren, er wird langsam im Wasser gekocht. Würde man einfach heißes Wasser zugießen, würde er sich mit einem Sprung retten. Darum werden zunächst Raketenwerfer mit 80 Kilometer Reichweite geliefert. Inzwischen ist klar, dass die USA auch weitreichendere Waffen geliefert haben. Raketen mit 180 Kilometern Reichweite, die Radarstationen angreifen können, und wohl auch weitreichenden Raketen für Bodenziele, mit denen die Brücken von der Krim zum ukrainischen Festland attackiert wurde.

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Warten, bis der Gegner erschöpft ist

Ein weiterer Punkt entspringt der klassischen Militärstrategie. Sie besagt, dass eine Offensive am ehesten gestoppt werden kann, wenn sie ihren Höhepunkt überschritten und sich erschöpft hat. Auf die Ukraine gemünzt bedeutet dies: Kiew hätte Putins frische Truppe im Frühjahr nicht mit Erfolg stoppen können. Im Donbass wurden diese in einen Kampf verwickelt, in dem sie nur sehr langsam Geländegewinne machen konnten – in einer Umgebung, die durch die Befestigung aller Ortschaften die Verteidiger begünstigt. Auch wenn Kiew im Laufe der Zeit immer mehr dieser zu Festungen umgebauten Dörfer und Städtchen verloren hat, ist der Aufwand für die Eroberung enorm. Im Donbass gelang den Russen bislang kein wirklicher "Durchbruch" – nachdem sie eine Verteidigungslinie eingenommen hatten, standen sie stets vor der nächsten. Die Verluste an Männern und Material wie Panzern und Munition sind auf den Kilometer Vormarsch gerechnet sehr hoch.

Seit einigen Wochen nimmt Kiew nun auch noch mithilfe der USA die wertvollen Filetstücke von Putins Armee ins Visier. Die Munitionslager, die Kommandoposten die modernen und gefährlichen Teile der Ausrüstung. Ohne einen entscheidenden Gewinn erschöpfen sich die russischen Kräfte. Zwar kann Russland bislang immer noch Material nachführen, doch das ist noch veralteter als die Panzer und Fahrzeuge zu Beginn des Krieges.

Die Hoffnung: Russlands Streitkräfte werden personell immer schwächer und ihre Ausrüstung sinkt immer mehr auf das Level der 1960er-Jahre hinab. Solange bis auch ihr Vormarsch zum Erliegen kommt. Und dann – so die klassische Lehre – wäre der geeignete Moment für eine Gegenoffensive: möglichst mit frischen Kräften, die man bis dahin aufgespart und neu aufgestellt hat, und möglichst moderne Ausrüstung. Doch schon in der Theorie hat diese Strategie einen blinden Fleck: Die Truppen, die die russische Offensive verlangsamen und abschwächen sollen, werden bewusst aufgeopfert. Sie werden nur mit dem Nötigsten verstärkt, um die weiteren Kräfte für den Gegenschlag aufzusparen.

Unsicherheiten der Strategie

Diese Strategie basiert auf Annahmen. Die erste ist, dass die Abnutzung der russischen Streitkräfte deutlich höher ist als die der ukrainischen. Insbesondere, dass mehr Russen als Ukrainer fallen. Die Ukraine erhält Waffen aus dem Westen aber keine erfahrenen Soldaten. Für einen Gegenschlag muss aber zumindest das Skelett der neuaufgestellten Truppen noch aus Veteranen bestehen.

Die zweite Frage ist: Bekommt Kiew auch genügend Ausrüstung um seine Armee zu ergänzen und mit den Reservisten neue Truppen aufzustellen? Und das auch jenseits von "Highlights" wie den HIMARS. Zu Kriegsbeginn hatte Kiew Tausende von gepanzerten Fahrzeugen aus der Sowjetära, sie wird man nicht ersetzen können, wenn weiterhin mal fünf und mal zwölf Panzer geliefert werden.

Zentral bleibt die Frage: Sind die Sanktionen so wirkungsvoll, dass Russland keine modernen Waffen mehr nachführen kann? Ohne den Import von elektronischen Bauteilen stoppt die Rüstungsproduktion aller halbwegs modernen Systeme. Wenn dann der Bestand verbraucht ist, kann Moskau den Krieg nicht mit Aussicht auf Erfolg weiterführen. Doch viele Länder auf der Welt beteiligen sich nicht an Sanktionen des Westens. Insbesondere der offene oder verdeckte Handel mit Halbleitern ist nicht zu kontrollieren, wenn Russland auf zivile Bauteile ausweicht. Außerdem ist zu befürchten, dass Staaten wie der Iran Russland ganz offen mit Raketen und Kampfdrohnen unterstützen werden.

Die größte Unsicherheit bleibt China. Ein Land, aus dem Russland derzeit keine Waffen bekommt. Doch sollte Peking sich anders entscheiden, um eine Niederlage Moskaus abzuwenden, könnte China mit seiner industriellen Kapazität das Blatt sofort wieder wenden.


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