VG-Wort Pixel

"Mars 500"-Projekt beendet Frischluft für die Marsmännchen

Anderthalb Jahre eingesperrt, ohne Tageslicht auf engstem Raum: Beim Mars-500-Projekt haben sechs Männer getestet, wie es sich auf einem Trip zum Roten Planeten lebt. Nun hat sich die Luke geöffnet.
Von Nikolaus Hammerschmidt

Die Punktlandung war in diesem Fall nicht ganz so schwer: Nach 520 Tagen in einem nachgebauten Raumschiff sind die sechs Teilnehmer eines simulierten Fluges zum Mars wieder in Freiheit. Gegen 11 Uhr MEZ öffneten Mitarbeiter des Instituts für Biomedizinische Probleme (IMBP) eine versiegelte Luke, um das Experiment "Mars 500" planmäßig zu beenden. Die drei Russen, ein Franzose und Italiener sowie ein Chinese stiegen am Freitag in Moskau aus dem röhrenförmigen Forschungsmodul.

520 Tage eingesperrt, ohne Fenster und natürliches Licht, ohne frisches Essen - die meisten Menschen würden durchdrehen unter solchen Umständen. Romain Charles aber hat viel gelacht. "Das hat uns sehr geholfen", schreibt der Ingenieur in seinem Tagebuch. Seit dem 3. Juni 2010 lebte der Franzose mit den anderen Männern in einem 240-Quadratmeter-Bunker auf dem Gelände des IMBP. Die Mars-500-Simulation der europäischen Weltraumbehörde Esa sollte zeigen, ob ein Mensch die gähnende Langeweile einer Marsreise überhaupt übersteht.

"Es verlief überraschend gut", sagt Christer Fuglesang. "Auf der Hälfte wurde es ein bisschen hart für die Crew, aber sie hat alle Aufgaben gut gelöst." Fuglesang ist ehemaliger Esa-Astronaut und leitet die Abteilung Wissenschaft und Anwendungen der Esa-Direktion für Bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb. Tonnenweise Daten haben die Wissenschaftler in ihrem Bunker gesammelt. Bis zur Auswertung wird es noch dauern, eines stehe aber fest, sagt Fuglesang: "Der Mensch ist psychisch definitiv in der Lage, einen 520-Tage-Trip zum Mars zu unternehmen."

Kritiker hatten moniert, dass der Test nicht unter Schwerelosigkeit durchgezogen wurde. "Wir können nicht alle Aspekte einer Marsreise in einem Rutsch simulieren", hält Fuglesang dagegen. "Den Teil mit der Schwerelosigkeit lernen wir auf der internationalen Raumstation ISS." Die Esa sieht dafür andere wichtige Bedingungen erfüllt. Der Zeitplan für die Bunkerexistenz wurde wie ein Trip zum Mars kalkuliert: 250 Tage für die Hinreise, 30 Tage für die Erkundung des Planeten, 240 Tage Rückreise. Vor dem Marsspaziergang musste Charles in einen 30 Kilogramm schweren Raumanzug steigen.

Eng und eintönig

Harte Zeiten, und doch war der Andrang der Bewerber groß. 5600 wollten sich zum Nutzen der Raumfahrt einsperren lassen. 300 kamen in die engere Auswahl; neben Charles setzten sich am Ende ein Italiener, ein Chinese und drei Russen durch. Sie waren die fittesten und charakterlich am besten geeignet.

Seit Juni 2010 schlief Charles in einer winzigen Kabine, frühstückte mit seiner Crew und führte Versuchsreihen durch. Jeden Tag. Die Eintönigkeit sei das Schlimmste, schreibt er während des Trips in seinem Onlinetagebuch. Vor allem im vergangenen August und September, als wegen der Ferien weniger Nachrichten von Freunden und Familien eintrafen, machte sich Langeweile breit. Stumpfsinnig fanden die Männer schon bald die Monotonie von über 100 Experimenten. Doch obwohl sie bald das Interesse verloren, blieben sie brav am Ball.

Stromausfall als Abwechslung

Die Krönung des Einerleis aber war der strenge Diätplan, der nur wenig Abwechslung erlaubte - und wenig Kalorien, denn auf den 240 Quadratmetern ließen sich gehaltvolle Menüs kaum wieder abtrainieren. Schon nach einem Monat, schreibt Charles, war der vorzügliche in Öl eingelegte Thunfisch aufgegessen. Nach vier Monaten hatten sie die leckere Schokolade bis auf den letzten Krümel verputzt. "Manchmal hätte ich am liebsten einfach einen Hamburger verschlungen", klagt der 32-Jährige.

Beste Voraussetzungen für Wutausbrüche, miese Stimmung und Streit. Doch die Crew hielt zusammen - und alberte herum. Charles beispielsweise unterhielt seine Kollegen, indem er seinen Bart in immer neue Formen trimmte.

Wer über so etwas lacht, der nimmt auch eine Notlage als Abwechslung in Kauf. Der 24-Stunden-Stromausfall zum Beispiel brachte die Crew für eine Weile in Schwung. Der Blackout war so gut inszeniert, dass die Männer im Bunker an eine Simulation nicht glauben wollten. "Während dieser 24 Stunden hat die Crew hochprofessionell agiert. Sie hat sich exakt an die vorher einstudierten Prozeduren gehalten", sagt Esa-Wissenschaftler Fuglesang.

Das Glück ist ein Croissant

Was der Versuch ergeben hat, darauf wartet gespannt die ganze Weltraumforschung. "Es gibt viele interessante neue Einblicke in die Physiologie, die veröffentlicht werden, wenn die Analysen abgeschlossen sind", sagt Fuglesang. Bis das der Fall ist, werden aber noch ein paar Monate vergehen. Eine erste offizielle Pressekonferenz der Mars-500-Crew ist für den 8. November angesetzt.

"Wenn sich die Luke öffnet, werde ich meine Familie in die Arme schließen", schrieb Charles bereits in seinem Tagebuch. Was er danach macht, gab er auch schon bekannt: "Ich gehe in den Park und esse ein Croissant." Glück kann so einfach sein.

FTD

Mehr zum Thema



Newsticker