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Frischluft Als Philipp Lahm den Hasen Rudi umbrachte

Philipp Lahm rutscht beim Elfmeter aus - Kolumne Frischluft von Michael Streck
Philipp Lahm rutscht 2015 beim Elfmeterschuss im Halbfinale des DFB-Pokals gegen Borussia Dortmund (1:3) aus - der Moment, in dem Hase Rudi aus dem Leben schied.
© picture alliance / stern
Ein erster Versuch mit Haustieren endete bei unserem Autoren Michael Streck im Desaster: Zwei Goldfische trieben kieloben. Es folgte ein verhaltensauffälliger Hase. Und nun wächst familienintern der Druck auf weiteren Zuwachs. Wie soll das bloß enden?

Die Nachfrage nach Hunden, stand gerade zu lesen, ist in Corona-Zeiten erheblich gestiegen. Das ist keine große Überraschung. Die Leute arbeiten von zu Hause, irgendwann beginnen sie sich zu langweilen, sie wollen sich außerdem bewegen. Tja, und dann kommt Mensch irgendwann auf den Hund.

Die Warteliste von Tierheimen und Züchtern ist lang und länger. Man kann jetzt schon Hunde bestellen, die erst im Mai geboren werden. Das finde ich etwas befremdlich, aber so ist das wohl. Auch Hunde sind Teil der freien Marktwirtschaft. Die Natur muss sich in diesem Fall der Nachfrage fügen.

Franz - die perfekte Mischung

Wir haben seit einiger Zeit auch einen Hund zu Gast. Er heißt Franz, gehört unseren Nachbarsfreunden und ist ein durch und durch lustiger Hund. 25 Prozent Dackel, 25 Prozent französische Dogge, 50 Prozent Jack Russell. Eine gute Mischung. Franz hat zwar keine Eier mehr, aber viel Charakter. Manchmal fährt er mit seinem Herrchen auf dem Motorrad, in einen Rucksack verpackt und mit Taucherbrille als Sichtschutz. Er hat sogar einen Instagram-Account, "Friends of Franz", und ist politisch auch ganz in Ordnung. Irgendwer hat ihm mal zwei Hundepuppen geschenkt, Wladimir Putin und Boris Johnson, und bei beiden kommt der Terrier in ihm durch. Das mag ich an Franz.

Das Problem ist: Je öfter Franz bei uns ist, desto mehr wünscht sich die Frau auch einen Hund. Die Töchter sowieso, beide längst außer Haus, London und Berlin. "Ein Hund wäre gesund für euch", sagen sie. Sie haben gut reden.

Streckis Hund mit Taucherbrille
Hund Franz mit seiner Biker-Brille
© privat

Niblet und Tidbit - in memoriam

So was höre ich jedenfalls seit Wochen und Monaten, und es kommt mir merkwürdig bekannt vor. Als wir in Amerika lebten, vernahm ich ähnliches Tremolo, die Kinder wollten unbedingt ein Haustier. Ein erster Versuch mit zwei geschenkten Goldfischen, die wir Niblet und Tidbit nannten, Häppchen und Leckerbissen, endete desaströs. Nach wenigen Tagen trieben sie, von der amerikanischen Sonne offenbar gekocht, kieloben im improvisierten Aquarium.

Fortan ging es bei der Auswahl des Familienzuwachses für mich nur noch um Schadenbegrenzung: klein, unauffällig, leise, möglichst stubenrein, was den Kreis der möglichen Kandidaten erheblich einschränkte. So trat der Hase Rudi in unser Leben. Warum wir ihn Rudi nannten, weiß ich nicht mal mehr. Vermutlich wegen Völler. Ganz bestimmt nicht wegen Rudi Giuliani. Rudi war ein leicht verhaltensauffälliger Hase. Er hörte auf seinen Namen, einmal band ihm die malade Tochter ein Schleifchen ans Ohr mit einer Bestellung "eine Tasse Tee bitte", und Rudi hoppelte damit brav die Treppe hinunter und in die Küche. Rudi, auch das etwas merkwürdig, lag gerne in Demutshaltung auf dem Rücken. Man konnte ihn in dieser Position auch auf einem Kissen durchs Haus tragen.

Verhängnisvoller Jubelschrei

Als wir nach Deutschland zurückzogen, zog Rudi selbstverständlich mit, und erst Jahre später erfuhr ich, dass er insofern der vermutlich teuerste Nager der Welt war, weil sein Rückflugticket mehr kostete als meines.

Er verblich im stolzen Hasenalter von elf Jahren während eines Pokalspiels von Borussia Dortmund bei Bayern München im Elfmeterschießen und just in dem Moment, als Philipp Lahm ausrutschte und den Ball zu meiner großen Freude in den Münchner Orbit schickte. Meine Frau ist bis heute davon überzeugt, dass der altersschwache Hase simultan zu meinem Jubelschrei seinen letzten Atemzug tat. Man könnte natürlich auch sagen, dass Lahm Rudi umgebracht hat. Es gibt, glaube ich, schlimmere Hasentode. Dortmund gewann das Elfmeterschießen, Rudi liegt irgendwo bei uns im Garten.

Bei Hunden hört in Deutschland der Spaß auf

Nun ist es wieder so ähnlich wie damals. Das heißt, nicht ganz: kein Hase, sondern Hund. Die Wunschtiere werden immer größer, und wenn das so weitergeht, sind wir irgendwann vermutlich bei einem Flusspferd. Unsere Töchter hätten garantiert nichts dagegen.

Nur zur Klarstellung, ich habe grundsätzlich nichts gegen Hunde, wirklich nicht. Vor vielen Jahren allerdings schrieb ich mal mit einem gut befreundeten Kollegen eine große Geschichte über Hunde, die unter dem Titel "Ciao, Bello – immer nur bellen, beißen, scheißen" im stern erschien. Es war einige Wochen, nachdem ein Kampfhund in Hamburg-Wilhelmsburg einen kleinen Jungen totgebissen hatte und eine – als solche auch klar gekennzeichnete – Polemik gegen Hunde in Großstädten. Darin ein freundlicher und kluger Ghanaer zitiert wurde, der sich darüber wunderte, dass Deutsche ihre Hunde oft besser behandeln als ihre Kinder. Wir verzichteten immerhin am Schluss auf ein koreanisches Hunderezept, bekamen aber dennoch 500 Abbestellungen und mussten Nachtschichten einlegen, um aufgebrachte Leser und Hundebesitzer zu besänftigen. Mit Hunderezept wären es gewiss noch ein paar mehr gewesen. Bei Hunden hört in Deutschland der Spaß auf.

Der Kollege und Freund hat sich später selbst einen Hund zugelegt, vielleicht aus Reue.

Wenn noch eine Trump-Puppe dazu käme ...

Überhaupt, Freunde. Erstaunlich viele wollen sich neuerdings einen Hund anschaffen, eine eindeutige Corona-Nebenwirkung. Andere hatten zumindest mal einen. Neulich bekamen wir Besuch von alten Bekannten aus New York, die auch Rudi kannten. Unsere Freunde besaßen damals einen zugelaufenen Beagle namens Bagel, wie das jüdische Brötchen. Bagel war ein putziger Hund, aber, ohne ihm nahetreten zu wollen, nicht der Hellste. Als Wachhund eine glatte sechs. Bagels Lebenszweck bestand darin, alles zu fressen, was nicht niet- und nagelfest war. Wirklich alles. Morgens, mittags, abends, nachts. Immer nur fressen, nicht mal bellen. Irgendwann verstarb der gute, alte Bagel, nicht bei einem Elfmeterschießen immerhin, und unsere Freunde sagten, sie seien erleichtert gewesen und wollten vorerst keinen neuen Bagel.

Ich bin auch noch nicht so weit, vielleicht zu 50 Prozent, aber ein halber Hund macht nun wirklich keinen Sinn. Das sehen selbst meine Frau und die Töchter ein. Zurzeit ist Franz wieder zu Gast bei uns. Er jagt im Garten gerade Wladimir Putin, mit Boris Johnson ist er durch für heute. Meine Zustimmungsrate klettert in solchen Momenten im Übrigen auf 80 Prozent. Ich fürchte, falls noch eine Trump-Puppe dazu käme, würde ich endgültig weich.

Aber bitte nicht Frau und Töchtern sagen.

dho

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