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"Tiangong 1" ins All geschossen: Chinesen legen Grundstein für eigene Raumstation

Es ist ein großer Schritt für die junge Raumfahrtnation: Mit dem erfolgreichen Start eines Raummoduls beginnt China die Entwicklung einer Raumstation. Während die USA, Russland und Europa ihre Pläne im Weltraum zurückschrauben, strebt China mit voller Kraft ins All.

China setzt zum großen Sprung ins Weltall an. Mit dem Start der Raummoduls "Tiangong 1" (Himmelspalast) will sich das Reich der Mitte einen festen Platz im Weltraum erobern. Während die großen Raumfahrernationen USA und Russland schwächeln und die Zukunft der Internationalen Raumstation ISS in den Sternen steht, gibt China mit "Tiangong 1" den Startschuss zur Entwicklung einer eigenen Raumstation. Der 8,5 Tonnen schwere "Himmelspalast" ist eine experimentelle Plattform, die zunächst Kopplungsmanövern im All und im nächsten Jahr als Mini-Raumlabor auch Astronauten aufnehmen soll.

"Tiangong 1" bietet in erster Linie eine Gelegenheit, Andockmanöver zu üben", sagte der Raumfahrt- und Militärexperte der US-Denkfabrik Heritage Foundation, Dean Cheng, der Nachrichtenagentur dpa in Peking. "Diese Fähigkeit ist eine Grundvoraussetzung für alles, was die Chinesen im All tun wollen - sei es Mondflüge, der Bau einer Raumstation oder längere Reisen in die Tiefen des Weltraums."

Von einem Wettrennen im All wollen Experten nicht reden, weil Amerikaner und Russen den Chinesen um Jahrzehnte voraus sind. Doch das Reich der Mitte holt langsam aber stetig auf. "China macht beständig Fortschritte", sagte Cheng. "Die Probleme der amerikanischen und russischen Programme bieten zusätzliche Gelegenheiten, die Kluft zu den USA und Russland zu verkleinern."

"China baut ähnlich ein Raumfahrtprogramm auf wie die USA in den 60er und 70er Jahren", sagte Joan Johnson-Freese, Professorin und China-Expertin am US Naval War College, der dpa. "Sie wollen nachmachen, was die USA getan haben" - und erhoffen sich ähnliche Vorteile. Entsprechend ehrgeizig ist das Raumfahrtprogramm, das neben wissenschaftlichen auch militärische und politische Ziele verfolgt.

Nicht zufällig startet "Tiangong 1" vor dem Nationalfeiertag an diesem Samstag, dem Beginn der traditionellen Oktoberferienwoche. "Es hilft, den Nationalstolz zu entfachen und in schwierigen Zeiten das Vertrauen in die Regierung zu stärken", sagte der australische Raumfahrtexperte Morris Jones der dpa.

Das Staatsfernsehen zeigte Staats- und Parteichef Hu Jintao, wie er im Raumfahrtzentrum den imageträchtigen Start verfolgte. Aus einem einfachen Grund: "Innenpolitische Legitimität gewinnen - durch eine weitere Demonstration der chinesischen Leistungsfähigkeiten dank der Kommunistischen Partei", wie Experte Cheng es beschrieb.

Das Raumfahrtprogramm bringt China auch diplomatischen und strategischen Nutzen. "Es ist eine Erinnerung an Nachbarn wie Japan, Taiwan und Indien, dass China beträchtliche Einsatzmöglichkeiten im Weltraum hat - und dass diese Fähigkeiten wie Raketen, Satelliten zur Aufklärung und anderes auf sie zielen könnten", sagte Cheng.

So untersteht das Weltraumprogramm dem Kommando der Volksbefreiungsarmee. "Das Militär bietet einzigartige Vorteile, derart große Aktivitäten zu organisieren und koordinieren", rechtfertigte das Verteidigungsministerium in Peking die militärische Beteiligung an Raumflügen, die im übrigen "internationale Praxis" sei. China verfolge nur "friedliche Absichten" und lehne eine Entwicklung von Waffensystemen im All ab, beteuerte der Sprecher.

Aber wie ihre amerikanischen Kollegen wissen auch Chinas Generäle, dass die Kriege der Zukunft vom Weltraum aus entschieden werden. So demonstrierte China 2007 eindrucksvoll seine Fähigkeiten zum Abschuss gegnerischer Satelliten. "Ein großer Prozentsatz der Raumfahrttechnologie ist sowohl für zivile als auch militärische Zwecke nutzbar, was indirekt den chinesischen Streitkräften dient - ähnlich wie die Entwicklung von Apollo für das US-Militär von Vorteil war", sagte Expertin Johnson-Freese.

Andreas Landwehr, DPA / DPA