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Alexander Gerst: Ein Raumfahrer mit Mission

Glücklich sind für den deutschen Astronauten fünfeinhalb Monate im All zu Ende gegangen. In dieser Zeit zeigte sich Alexander Gerst so fröhlich wie nachdenklich.

Von Frank Ochmann

Willkommen daheim, Alex!" posteten die Kollegen von der Europäischen Weltraumagentur Esa am frühen Morgen erleichtert, nachdem der deutsche Astronaut Alexander Gerst mit seinem russischen Kommandanten Maxim Surajew und dem Amerikaner Reid Wiseman um 4.58 Uhr MEZ zurück auf der Erde war.

Auch diesmal wirkte die Landung der Sojus in der verschneiten Steppe Kasachstans auf den ersten Blick wie ein Crash. Zwar schwebte die Kapsel am rot-weiß-gestreiften Fallschirm mit nur leichter Seitendrift hernieder. Um allerdings den drei Männern im Inneren das Rückgrat beim Aufprall nicht gar zu sehr zu stauchen, wurden unter der Sojus kurz vor dem Bodenkontakt für einen Moment sechs Bremsraketen gezündet. Weil es aber gleich drauf gewaltig staubt, wirkt das Ganze zumindest aus der Ferne wie eine Explosion.

Doch all das ist bei der Sojus sorgsam geplant und mit der Erfahrung von inzwischen fast einem halben Jahrhundert weiterentwickelt und verfeinert worden. Es war schon der tragische Flug von Sojus 1 im April 1967, der die russischen Ingenieure zu besonderer Sorgfalt bei der Planung des Landeprozesses zwang. Beim ersten bemannten Sojus-Flug war der Kosmonaut Wladimir Komarow mit seiner Kapsel in den Tod gestürzt, weil sich der Hauptfallschirm nicht öffnen ließ. Vier Jahre später kamen drei Kosmonauten in einer Sojus-Kapsel ums Leben, weil sie bei der Landung ohne Raumanzüge flogen und die Atemluft durch einen Ventilfehler ins Vakuum des Alls entwichen war.

Mit den staunenden Augen eines Kindes

Es ist also keine Selbstverständlichkeit, dass ein Flug ins All problemlos endet. Der Absturz des privaten Prototyps "SpaceShipTwo" in der kalifornischen Wüste hat das vor Kurzem noch einmal schmerzlich in Erinnerung gerufen. Doch diesmal konnten die drei aus dem Orbit zurückgekehrten Besatzungsmitglieder der Internationalen Raumstation ISS wohlbehalten aus ihrer engen Kapsel gehievt werden.

Die Körper und Psyche belastenden fünfeinhalb Monate in der Schwerelosigkeit waren Alexander Gerst kaum anzumerken. Mit seinem schon gewohnt spitzbübischen Grinsen reckte er kurz nach dem Ausstieg die Faust, ließ sich in eine Decke hüllen und freute sich verständlicherweise auch selbst über den glücklichen Ausgang seines Aufenthalts im All. Den hatte der Geophysiker nicht nur für etliche Experimente genutzt. So steuerte er aus der Erdumlaufbahn auch Messgeräte auf der Erde und verwertete deren Ergebnisse. Und nach einer Panne mit seinem Raumanzug kam es dann auch noch zum herbeigesehnten Ausstieg aus der Raumstation. Mit offensichtlichem Spaß und manchmal, so schien es, wie mit den staunenden Augen eines Kindes postete Gerst regelmäßig spektakuläre Fotos aus der Erdumlaufbahn auf Twitter und Facebook. Und er kommentierte auch, was er gesehen hatte.

Die Erde - so schön wie verletzlich

So war Alexander Gerst in den vergangenen Monaten ein sehr sympathischer, oft humorvoller Vertreter Deutschlands und Europas im All. Er hat seine Zeit da oben aber ganz sicher nicht veralbert. Denn es gab etliche nachdenkliche, auch ernste Momente. So nutzte der Raumfahrer aus dem fränkischen Künzelsau die sozialen Medien auch ganz bewusst, um uns hier unten auf der Oberfläche zu zeigen, wie unsere Probleme und Konflikte aus einer Höhe von 400 Kilometern aussahen.

Die hatten sich mit dem Abstand keineswegs aufgelöst. Die zerstörerischen Blitze von Raketen im Gaza-Streifen etwa waren für Gerst auch durch die Fenster der ISS zu erkennen. Sein traurigster Anblick sei das gewesen, bekannte der Astronaut in seinem Blog.

Er zeigte auch die "Wunden", die der Braunkohlentagebau in die Erdkruste reißt und die gewaltigen Rodungen im Amazonas-Gebiet, der "grünen Lunge" unseres Planeten.

Grenzen aber, die Menschen die Freiheit nehmen und nicht selten Anlass für blutige Konflikte sind, waren nicht zu sehen. Und so wies Gerst nicht nur einmal - und wie so viele Astronauten vor ihm - darauf hin, dass der Blick aus dem All immer auch die Augen für das Verbindende zwischen den Bewohnern des Blauen Planeten öffnet.

Unsere Erde zeigt sich dabei so schön wie verletzlich. Was würden wir Außerirdischen sagen, fragte Gerst mit der Fantasie des Raumfahrers in seinem Blog, wenn die einen ersten Blick auf die Erde werfen könnten? "Wie würden wir ihnen erklären, wie wir nicht nur uns untereinander behandeln, sondern auch unseren verletzlichen blauen Planeten, die einzige Heimat, die wir haben? Ich habe darauf keine Antwort."

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