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Alexander Gerst ist zurück: "Die Erde riecht großartig"

Ein habes Jahr lang war der deutsche Astronaut Alexander Gerst im Weltall. Seine einzigartigen Eindrücke teilte er via Twitter und Facebook mit der ganzen Welt. Nun ist er wohlbehalten gelandet.

Von Lea Wolz

Er ist zurück auf der Erde. Der deutsche Astronaut Alexander Gerst ist um 4.58 Uhr deutscher Zeit nach einem halben Jahr im Weltall in Kasachstan gelandet. Mit einer Sojus-Kapsel kamen er und zwei Kollegen aus Russland bei bewölktem Himmel und frostigen Temperaturen von Fallschirmen gebremst in der Steppe an. Er habe sich gut gefühlt im All, sagte Gerst auf Russisch in Decken gehüllt und auf einem Klappsessel sitzend: "Danke an alle für die Unterstützung."

Das Trio winkte noch in die Kameras, ehe Helfer sie in ein Zelt brachten. Nach monatelangem Aufenthalt in der Schwerelosigkeit sind ihre Körper geschwächt, und "ihr Orientierungssinn ist noch gestört", sagte ein Arzt.

Wenig später fand der Astronaut die Zeit, um seinen ersten Tweet auf der Erde abzusetzen:

Die Rückkehr galt als schwierig, da sich die drei Tonnen schwere Sojus-Kapsel nicht punktgenau steuern lässt. Nach dem Abkoppeln von der Raumstation jagte die Kapsel zunächst im Sturzflug Richtung Erde. Vor dem Eintritt in die Erdatmosphäre wurden Orbitalmodul und Gerätekomplex abgesprengt, Fallschirme bremsten die enge Kapsel kurz vor dem Aufsetzen. Für die Landung stand ein etwa 900 Kilometer langer und rund 200 Kilometer breiter unbewohnter Streifen zur Verfügung.

Wie schnell fast sechs Monate vergingen, sieht man an der Mission Blue Dot: Am 28. Mai startete Gerst an Bord einer Sojus mit seinen beiden Teamkollegen ins All.

In Ägypten waren da gerade Präsidentschaftswahlen, in Syrien tobte ein Bürgerkrieg, Russland stritt sich mit der Ukraine um die Krim und Bundespräsident Joachim Gauck eröffnete in Regensburg den Katholikentag. Nun ist Gerst schon wieder von der Internationalen Raumstation ISS zurück. Eine Mission, die nicht nur sprichwörtlich wie im Flug verging - mehr als 2500 Mal umrundete Gerst in dieser Zeit die Erde.

"Bis denn dann!", twitterte Gerst kurz vor dem Start. Und ergänzte: "Würde euch gerne alle mitnehmen".

Auf seine Art ist ihm das gelungen. Zwar war er bereits der elfte Deutsche im All, doch noch nie zuvor konnten so viele Menschen den Alltag auf der ISS verfolgen: Seinen mittlerweile 180.000 Followern auf Twitter und seinen 170.000 Fans auf Facebook schickte Gerst regelmäßig Grüße aus dem All und postete einzigartige Aufnahmen des blauen Planeten.

Gerst war der dritte Deutsche auf der ISS, aber der erste deutsche Social-Media-Astronaut; einer, der genau weiß, wie man Nähe herstellt - auch wenn man sich 400 Kilometer entfernt befindet.

Insofern ist Gerst auch ein Glücksfall für die Esa und die ISS. Wohl kaum jemand, der angesichts der faszinierenden Aufnahmen nach dem tatsächlichen Nutzen der 80 Millionen Euro teuren Mission fragt. Zwar betont der Leiter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, Jan Wörner: "Viele Forscher werden über Jahre damit zu tun haben, die Ergebnisse der Mission auszuwerten." Und irgendwann werden diese vielleicht auch unseren Alltag erleichtern. Doch mit Grundlagenforschung lassen sich nur schwer Begeisterungsstürme auslösen, was von der Mission vor allem im Gedächtnis der breiten Öffentlichkeit bleiben dürfte, sind die Bilder - und das Gefühl, ganz nah bei den Abenteuern eines Astronauten dabei gewesen zu sein.

Durch Gerst weiß man nun, dass Weltraumfahrer desinfizierte lange Unterwäsche beim Start ins All tragen, dass es auf der ISS Kaffee gibt, wenn auch nur Instant-Pulver, und dass samstags dort Putztag ist. Dass ein Flug durch die Nordlichter pure Magie ist, dass Seifenblasen in der Schwerelosigkeit nicht so schnell platzen und dass der Weltraum-Geruch irgendwo zwischen Duft und Gestank anzusiedeln ist.

Wobei das für jeden Menschen wohl etwas anders sein dürfte.

Wer die Tweets verfolgte, erfuhr, dass man im Weltall mit einem relativ kleinen Schlafplatz auskommen muss.

Und dass es sich von dort aus wunderbar Stadt, Land, Fluss spielen lässt.

Und er konnte beobachten, wie die Mission im All den Menschen verändert. Ein wenig fülliger wurde Gerst im Gesicht - was, wie er erklärte, schlichtweg daran liege, dass Flüssigkeit im Körper auch in der Schwerelosigkeit Richtung Kopf gepumpt wird. Fehlt die Erdanziehungskraft, ist das Resultat ein leicht pausbäckiges Aussehen.

Sein Gewicht habe er nach wie vor gehalten, versicherte Gerst. Muskeln bilden sich in der Schwerelosigkeit allerdings zurück, an Größe hingegen lässt es sich im All gewinnen, die Wirbelsäule ist entlastet und streckt sich.

Wobei Größe nicht nur tatsächlich, sondern auch im übertragenen Sinn zu verstehen ist. Denn das All macht den Menschen offenbar zum Philosophen.

Und eröffnet ihm tiefe Einblicke.

Zweifelloser Höhepunkt der Mission: der Außeneinsatz, ein Erlebnis, das nicht jedem Weltraumfahrer gegönnt ist. Sechs Stunden schwebte Gerst im All, arbeitete an der ISS. Für ihn die "mit Abstand eindrucksvollste Erfahrung meines Lebens". Kein Wunder, dass er sie gleich in einem Astronauten-Selfie festhielt.

Wobei ein wenig Pathos und überbordende Gefühle als Nebenwirkung eines All-Aufenthalts offenbar nicht auszuschließen sind.

Von Kasachstan aus geht es für Alexander Gerst nun nach Schottland. Dort nimmt ihn DLR-Chef Wörner in Empfang, schon am Abend wird der ISS-Astronaut dann in Köln erwartet. Dort werden Esa und DLR ihren Rückkehrer aus dem All feiern.

Und Gerst selbst? Der sagte kurz vor dem Abflug, dass er sich auf die Normalität wieder freue. Auf Pizza und einen Lauf durch den Wald etwa. Auf einen anderen Alltag eben.