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Teil 2: Die Entdeckung des Himmels

Schon vor Jahrtausenden beobachtete der Mensch die Gestirne, auf der Suche nach Mustern und Regeln, die ihm die Welt erklären sollten.

Von Peter Pursche

Es ist der 23. Februar 2002. In der Lobby des Baseler Hilton-Hotels wartet der Deutsche Harald Meller. Er ist Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt und Direktor des Museums für Vorgeschichte in Halle - und er ist aufgeregt. Man hat ihm Fotos eines angeblichen Jahrhundertfundes zugespielt, dieser soll hier übergeben werden. Meller hat einen Probenkoffer für metallurgische Schnelltests dabei, um vor Ort die Echtheit überprüfen zu können.

Die unauffälligen Herren im Foyer sind Zivilbeamte, die auf Mellers Zeichen zugreifen sollen. Eine Frau tritt an den Archäologen heran und lotst ihn überraschend in den Hotelkeller. Die Überwacher sind matt gesetzt. Unten wartet ein hagerer Mann, ein 63-jähriger Oberstudienrat, wie sich später herausstellen wird. Er knöpft wortlos sein Hemd auf, holt ein Handtuch hervor und wickelt das Objekt der Begierde aus: eine ramponierte grün-goldene Metallscheibe von 32 Zentimeter Durchmesser aus Bronze, belegt mit 32 unterschiedlich großen Goldplättchen. Wohl jedes Kind würde diese sofort als Sonne, Mond und Sterne deuten. 380 000 Euro will der Lehrer für die Scheibe haben. Meller geht kurz aufs Klo - und ruft per Handy die Beamten aus dem Foyer herbei. Der Amateurhehler, der nach den Sternen greifen wollte, wird festgenommen.

1999 war die Scheibe von zwei Schatzgräbern aus der Erde geklaubt worden. Sie hatten sie in der Nähe der Stadt Nebra in Sachsen-Anhalt ausgebuddelt - sehr unsanft, wie einige frische Beulen im historischen Blech zeigten. Zwei Jahre lang versuchten die beiden, den Fund zu verhökern; für 31 000 Mark gelangte das Stück schließlich in die Hände der Lehrkraft.

Ausgräber und Hehler wurden zu Freiheitsstrafen verurteilt. Nun kam die Stunde der Archäologen, Physiker, Chemiker und Astronomen, die dem Fund zu Leibe rückten: mit der Funken-erosionsmethode, in Protonenbeschleunigern und mit Röntgenfluoreszenzanalyse. Ihr aufregendes Ergebnis: Die zwei Kilo schwere Platte wurde um 1600 vor Christus von Frühbronze-Handwerkern gegossen. Fälschung ausgeschlossen. Nach seinem Fundort wurde der Metalldiskus die "Himmelsscheibe von Nebra" getauft.

Während die Bäcker in Nebra Torten- und Marzipan-Himmelsscheiben in die Schaufenster hievten und man im Rathaus nachdachte, wie mit dem Sensationsfund Touristen angelockt werden könnten, rätselten und rätseln die Fachleute immer noch, was genau die Scheibe erzählen kann. Harald Meller ist überzeugt, dass es sich um "ein sakrales Gerät" handelt. Wolfhardt Schlosser, Astronom an der Bochumer Ruhr-Universität, interpretiert die Scheibe als Darstellung des nächtlichen Himmels, wobei er die sieben dicht beieinander liegenden Punkte als Plejaden deutet - als die in vielen alten Kulturen bekannten Kalendersterne, die einmal im Jahr auf- beziehungsweise untergehen.

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Egal, ob und wie sich die Experten einigen werden: Ähnlich wie der Ötzi ist die "Himmelsscheibe von Nebra" ein Schlüsselfund für die europäische Vorgeschichte. Sie zeigt die älteste bekannte konkrete Himmelsdarstellung der Geschichte. "Als die großen Beobachter der Gestirne galten immer die Babylonier, die Ägypter, Griechen oder Inder", sagt Professor Dieter Herrmann, Leiter der Archenhold-Sternwarte in Berlin-Treptow, "nun haben wir den Beweis, dass auch unsere angeblich tumben Vorfahren, die Wikinger, sich schon sehr intensiv mit dem Geschehen am Himmel befasst haben."

Bis zum Fund von Nebra waren die Steine von Stonehenge in Südengland das beeindruckendste Beispiel für prähistorische Astronomie. Die monumentale Anlage 130 Kilometer westlich von London entstand zwischen 2100 und 1600 v. Chr. Die bis zu 50 Tonnen schweren Steine sind nach den Positionen der Sonnenwende und Tagundnachtgleiche angeordnet. Der Kreis, der heute jedes Jahr zur Sonnenwendfeier Scharen von New-Age-Aposteln, Neo-Druiden und Retro-Fans anlockt, war ein riesiger Kalender. Die systematische Beobachtung der Sonnenaufgangsorte machte es möglich, die Dauer eines Jahres zu bestimmen: die Zeit, bis die Sonne zum zweiten Mal am nördlichsten beziehungsweise südlichsten Aufgangsort in den Himmel steigt.

Seit er existiert, blickt Homo sapiens nach oben: Nachts sah er die Sterne leuchten, der Mond veränderte ständig seine Form und wanderte mal als schmale Sichel, mal als Vollkreis über den Himmel. Zwischen den verlässlichen Fixsternen am Himmel gab es einige unruhige Kandidaten mit unregelmäßigen Bahnen, die von den Griechen Planeten genannt wurden, Umherirrende. Der Mensch entdeckte Muster und Regeln in den Bewegungen der Sterne und gewann daraus Theorien über seine Welt und über Ursprung und Form des Universums - und wenn wir heute mit dem Hubble-Teleskop viele Millionen Lichtjahre ins Weltall hinausblicken, tun wir nichts anderes: Wir versuchen, uns ein Weltbild zu erstellen und unseren Platz im Universum zu finden.

Als vor 3600 Jahren im heutigen Sachsen-Anhalt die Handwerker die Bronze für ihre Himmelsscheibe schmolzen, waren die Rhythmen der Natur die stärkste und eindrucksvollste Kraft, der die Menschen ausgesetzt waren: Tag und Nacht, Neumond und Vollmond, Sommer und Winter prägten das Leben, setzten die Zeitpunkte für die Aussaat des Getreides und die Befruchtung des Viehs. Lag es nicht auf der Hand, dass so machtvolle Gestirne göttlich sein mussten?

Bei den Ägyptern stand Sirius im Mittelpunkt des Interesses, der hellste Stern des Nachthimmels. Sein Aufgang am 20. Juli fiel zusammen mit dem Anstieg des Wasserpegels im Nil, für die Landwirtschaft das herausragende Ereignis des Jahres . Als "Bringer des neuen Jahres und der Überschwemmung" wurde Sirius als göttliches Wesen verehrt.

Deshalb markiert das Erscheinen des hellen Sterns den ersten Tag des ägyptischen Jahres, das schon im dritten Jahrtausend vor Christus eingeführt wurde. Nach langen Sonnenbeobachtungen hatte man dieses auf zwölf Monate zu 30 Tagen und fünf zusätzliche Ausgleichstage am Jahresende festgelegt. Da ein so berechnetes Jahr gegenüber dem tatsächlichen Sonnenlauf um 0,25 Tage zu kurz ist, verschob sich der ägyptische Kalender alle vier Jahre um einen Tag. Folge dieses "ägyptischen Wanderkalenders": Jahreszeiten und Kalender gerieten zunehmend aus dem Takt, Trockenperioden lagen plötzlich auf Terminen, an denen eigentlich das Wasser hätte reichlich fließen sollen; Festtage waren nur noch mit komplizierten Hilfsrechnungen zu bestimmen.

Trotz dieses Fehlers im System der Zeitrechnung hatten die Ägypter den Himmel ziemlich genau vermessen. Obwohl sie nur das bloße Auge und primitive hölzerne "Schattenstäbe" hatten, konnten sie Himmelsereignisse präzise voraussagen, wie im großen Tempel Ramses II. in Assuan zu bestaunen ist: An zwei Tagen des Jahres leuchtet die Sonne bei ihrem Aufgang für kurze Zeit in den Tempel hinein und trifft am Ende eines 60 Meter langen Ganges mit ihren Strahlen minutenlang die Statue des Pharao. Diese Berührung mit dem Sonnengott Ra sollte die Wiedergeburt des Ramses sichern. Auch die Anlage anderer großer Bauwerke zeigt, wie sicher die Ägypter mit den Sternen umgehen konnten: Die Pyramiden des Alten Reiches waren exakt nach Himmelsrichtungen ausgerichtet. Das setzte voraus, dass die Zirkumpolarsterne, die den Pol ständig zu umkreisen scheinen, exakt vermessen wurden. Alle astronomischen Beobachtungen wurden von Priestern durchgeführt. Ihr Monopol auf das Sternenwissen verschaffte ihnen unglaubliche Macht, zumal sie es verstanden, ihre Kenntnisse als Prophetie zu vermarkten. Auch bei den Maya in Mittelamerika hatten Priester die Himmelsbeobachtung in der Hand. Obwohl die Maya sich, gemessen an ihren Werkzeugen, bis zum 16. Jahrhundert in der Jungsteinzeit befanden, waren sie Meister der Genauigkeit: Mit einfachsten Peilstäben gelang es ihnen, die Dauer des tropischen Jahres auf 365,2420 Tage festzulegen - nach heutigen Erkenntnissen dauert es 365,2422 Tage, was einer Abweichung von 17,28 Sekunden pro Jahr entspricht.

Exakter als die Ägypter maßen auch die Chinesen die Zeit. 2500 vor Christus hatten sie den korrekten Jahresablauf mit 365,25 Tagen ermittelt. Für die Beobachtung der Sterne waren "Sternenbeamte" zuständig, die außergewöhnliche Ereignisse nicht nur in die Sternenbücher eintragen mussten, sondern auch die Aufgabe hatten, sie im Voraus zu berechnen, "damit das Volk nicht durch sie erschreckt" würde. Offenbar wurden die Beamten im alten China streng nach Erfolg bewertet: Als die beiden Astronomen Hi und Ho es wegen einer ausgiebigen Sauferei versäumt hatten, eine Sonnenfinsternis vorauszusagen, wurden sie zum Tode durch den Strang verurteilt. Anhand alter chinesischer Chroniken wurde ermittelt, dass jene Sonnenfinsternis nach unserer Zeitrechnung am 22. Oktober 2137 v. Chr. stattgefunden hat.

Aus alten Keilschrifttafeln ist bekannt, dass auch die Babylonier in der Lage waren, Sonnen- und Mondfinsternisse vorauszusagen. Die völlige Verdunkelung des Mondes, so hatten sie beobachtet, wiederholt sich in einem Abstand von 18 Jahren und elf Tagen, genauer: alle 6585,33 Tage. Die Babylonier erfanden die meisten Sternbilder (als praktische Zusammenfassung von Sterngruppen), sie errechneten die exakten Umlaufzeiten des Mondes und der Planeten bis auf die vierte Stelle hinter dem Komma, und sie teilten den Tag in 24 Stunden ein. Auch viele Tierkreiszeichen gehen auf die Babylonier zurück.

Anders als bei den Ägyptern und Babyloniern wollten die Griechen die angehäuften Fakten in Zusammenhang bringen, sie wollten - ähnlich wie die Kosmologen heute - die "Große Theorie", das Weltbild, in das alle Kenntnisse widerspruchsfrei einflossen. Folglich waren es nicht mehr Priester, die bei ihnen Kalender und Horoskope aus den Sternbeobachtungen filterten, sondern Mathematiker und Philosophen.

Thales von Milet, der Gründer der ionischen Philosophenschule (625-545 v. Chr.), hatte noch die Vorstellung, dass die Erde eine flache Scheibe sei, die auf dem Wasser des Flusses Okeanos schwimmt. Die im Westen untergehende Sonne werde nördlich von der Scheibe des Nachts wieder an den Ort ihres Aufgangs im Osten zurückgebracht. Noch zu Lebzeiten des Thales stellte wiederum der Philosoph und Mathematiker Pythagoras (580-500 v. Chr.) die Behauptung auf, die Erde sei eine vollkommene, im Raum schwebende Kugel. Den sie umgebenden Raum nannte er Kosmos.

Mit einer Mischung aus Beobachtung und kreativer Spekulation und auf der Suche nach perfekter Harmonie entwickelte Aristoteles (384-322 v. Chr.) ein umfassendes geozentrisches Weltmodell, das alle Erkenntnisse und Beobachtungen jener Zeit vereinte. Die Erde bildete in seinem System den Mittelpunkt des Universums, darüber kreisten 56 kristallene Sphären, Kugelschalen, auf denen sich Sonne, Sterne und Planeten (wozu auch der Mond gerechnet wurde) auf idealen Kreisbahnen um die Erde drehten.

Woher kommt diese zielgerichtete Bewegung?, fragte sich Aristoteles. Seine Antwort: Jemand oder etwas muss alles in Gang gesetzt haben, muss der erste Beweger gewesen sein. Die Kugelform der Schalen garantierte für die daran befestigten Objekte die Kreisbahn - die vollkommenste aller Bewegungen. Der englische Kosmologe Stephen Hawking meint, die große Attraktion dieses Weltbildes habe darin gelegen, "dass es außerhalb der Sternensphäre genug Platz für Himmel und Hölle übrig ließ, auch wenn nicht ganz klar wurde, wo sie dort angesiedelt waren".

Einen Haken hatte dieses Modell jedoch: Die Bewegung der Planeten passte nicht in das philosophische Dogma der perfekten, harmonischen Kreisbahnen. Von der Erde aus beobachtet, zogen die bekannten Planeten Merkur, Mars, Venus, Jupiter und Saturn scheinbar Extraschleifen am Himmel (was daran liegt, dass die Erde auf ihrer elliptischen Bahn um das Zentralgestirn sonnenferne Planeten zuweilen "überholt" und von sonnennahen "eingeholt" wird).

Claudius Ptolemäus (zirka 100-170 n. Chr.) entwickelte ein höchst kompliziertes mathematisches Schema, das die Extrabewegungen der Planeten erklärte und mit dem sie in das Vollkommenheit verlangende Modell der griechischen Astronomie integriert werden konnten. Ptolemäus, ein römischer Staatsbürger griechischer Abstammung, lebte in der Millionenstadt Alexandria, der geistigen und kulturellen Hauptstadt der Antike. Sein Trick: Er fügte den Planetenbahnen Beikreise, Epizykel, hinzu. Planeten, so Ptolemäus, umkreisen die Erde auf einer großen Bahn, wobei sie gleichzeitig kleine Kreise drehen. Diese Extraschleifen konnten die eiernden Planetenbewegungen hinreichend erklären. "Es war das erste in sich geschlossene Weltbild", sagt Professor Herrmann, "das für damalige Verhältnisse absolut widerspruchsfrei war."

Immerhin erschien das scharfsinnige Modell des Ptolemäus der Gelehrtenwelt erst nach rund 1300 Jahren verbesserungsbedürftig. Für diese lange Zeit galt, dass sich alles in vollkommener Bewegung um die Erde dreht, die völlig still im Zentrum des Kosmos verharrt. Fast genauso still verharrte auch die wissenschaftliche Astronomie. Alle Himmelsfragen schienen für alle Zeiten beantwortet, der Mensch war mit Gott und dem Kosmos im Einklang, und die Kirche war zufrieden.

Ausgerechnet ein Domherr aus dem polnischen Thorn brachte das für die Ewigkeit gedachte Himmelsgebäude schließlich zum Einsturz - einfach durch Nachdenken, Ausprobieren, Rechnen und Fantasieren. Nikolaus Kopernikus (1473-1543) hatte sich keinen Umsturz vorgenommen, er wollte nur einige Ungereimtheiten im System des Ptolemäus

beseitigen. Diese Arbeit wurde teilweise sogar von der Kirche finanziert. Zwischen 1507 und 1514 schrieb er seine Gedanken über ein neues Weltsystem nieder (bekannt als "Commentariolus"). Er stellte die Hypothese auf, dass die Sonne, nicht die Erde, den Mittelpunkt bilde, um den sich die Planeten in kreisförmigen Bahnen bewegten. Er behauptete, dass die Erde sich täglich einmal um ihre eigene Achse drehe und jährlich einmal die Sonne umrunde, ebenso, wie es die anderen Planeten in anderen Zeiträumen täten. Dieses "heliozentrische Weltbild" war nicht einfach eine weitere neue Theorie, es war eine geistige Revolution, die das Bewusstsein veränderte. Der amerikanische Historiker Owen Gingerich stellte die "kopernikanische Lehre" auf eine Stufe mit Luthers Reformation und Magellans Weltumsegelung.

Kopernikus ahnte, was er da für eine Zeitbombe gelegt hatte: Aus Angst vor der eigenen Courage ließ er seine Ergebnisse nicht drucken, sondern verteilte nur einige Manuskripte an Freunde und Bekannte. "Der Narr will die ganze Astronomie umkehren", schimpfte Martin Luther. Umkehren, das hieß, die Erde aus der Mitte der Welt verbannen. Plötzlich sollte es kein Oben und kein Unten mehr geben. Wo, fragte man sich, hatte Gott jetzt seinen Platz? Erst nach seinem Tode, so verfügte Kopernikus, sollte sein Hauptwerk "De Revolutionibus Orbium Coelestium" gedruckt erscheinen. Noch auf dem Totenbett erhielt er ein druckfrisches Exemplar.

Als Gedankenmodell, als Hypothese, konnte aber sogar die Kirche mit dem neuen Modell leben. Immerhin benutzten es die Jesuiten, um das Osterfest genauer zu berechnen. Lebensgefährlich wurde es für denjenigen, der das Kopernikus-Modell als Wahrheit ansah. Der italienische Dominikanermönch Giordano Bruno war so frei und ging noch weiter als der Domherr aus Thorn. Er behauptete, dass die Sonne nur ein Stern unter vielen sei. Sein Weltbild war ein unendliches Universum, erfüllt von der Weltseele. Das ging den Klerikern zu weit: Die Heilige Inquisition verurteilte Bruno wegen Häresie. Nach siebenjähriger Haft wurde er im Jahre 1600 auf dem Campo dei Fiori in Rom auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Als 1889 in Rom ein Monument für Bruno auf dem Campo errichtet werden sollte, versuchte die katholische Kirche, dies mit allen Mitteln zu verhindern - vergeblich. Anlässlich der Enthüllung des Bruno-Standbildes hatte Leo XIII. ein Sendschreiben an die gläubige Welt gerichtet: "Seine (Brunos) Handlungsweise war unaufrichtig, verlogen und vollkommen selbstsüchtig, intolerant gegen jede gegenteilige Meinung, ausgesprochen bösartig und voll von einer die Wahrheit verzerrenden Lobhudelei." Bis 1965 standen die Schriften Giordano Brunos auf dem Index der verbotenen Bücher.

Der Kampf der Kirche gegen das neue Weltbild währte lang, aber er war von Anfang an vergeblich. Die Zeit war reif für neue Ideen. Schon 1572 hatte es eine große Erschütterung des immer noch allgültigen geozentrischen Weltbildes gegeben: Im Sternbild Cassiopeia tauchte ein neues, stark leuchtendes Gestirn auf (eine Supernova), was die Theorie vom unveränderlichen Fixstern-Himmel für alle sichtbar widerlegte. 1577 folgte ein Komet, auch er widersprach dem Dogma vom unveränderlichen Firmament. Der Blick in die Bibel, der sonst immer beruhigen konnte, half nicht mehr: Die Erde stand nicht mehr im Zentrum der Welt. Johannes Kepler, 1571 in Weil der Stadt (Württemberg) geboren, war ein tiefgläubiger, gelehrter Mann, kurzsichtig, kränklich und stets schlecht gekleidet, der bekannt war für seine Horoskope. Er wuchs hinein in diese Zeit der geistigen Unruhe. Im protestantischen Graz arbeitete er als Mathematiklehrer, später als Assistent des dänischen Astronomen Tycho Brahe in dessen Sternwarte in Prag. Brahe, ein Großkotz mit herrischem Auftreten, hatte in unendlichen nächtlichen Sitzungen die Positionen hunderter Fixsterne neu bestimmt und die für Seefahrer unerlässlichen Navigationshilfen der Alfonsinischen Tafeln korrigiert. Als Mathematiker und Astronom am Hof Rudolf II. in Prag gab er seinem Assistenten Kepler die Aufgabe, die Bahn des Mars zu bestimmen, der unberechenbar über den Himmel zu torkeln schien. Acht Jahre knackte Kepler an dieser Nuss. Er probierte und rechnete 70 verschiedene Kreisbahnen durch, bis er zu seinem eigenen Entsetzen die Lösung fand, die wissenschaftlich elegant und schlüssig, theologisch aber eine Katastrophe war: Die Bahn des Mars, wie auch die der anderen Planeten, war elliptisch. Die Sonne stand nicht mal im Mittelpunkt des eiförmigen Kreises, sondern in einem der zwei Brennpunkte.

Die Vollkommenheit der Himmelsmechanik des Aristoteles war dahin, die Epizykel des Ptolemäus beseitigt, am Himmel herrschte Chaos, da, wie Kepler obendrein entdeckte, jeder Planet auch noch mit wechselnden Geschwindigkeiten um die Sonne flog. Der kurzsichtige Mann aus Weil hatte mit seinen Berechnungen die mittelalterliche Welt beunruhigt. Kepler hatte allerdings keine Gelegenheit, die Welt auch davon zu überzeugen - er musste seine Mutter verteidigen, als sie der Hexerei bezichtigt wurde, er stritt um Honorare, um seine Kinder versorgen zu können (unter anderem mit dem Kriegsherrn Albert von Wallenstein, dem er als Privatastrologe diente), und sein bester Freund wurde ermordet. Am 15. November 1630 starb er fast unbeachtet. Nicht einmal die katholische Kirche hatte ihren Bannstrahl gegen Johannes Kepler ausgeschickt. Er hatte das Glück - und Pech -, dass im konfessionell zerstrittenen Deutschland keine Obrigkeit gegen ihn vorging.

Ganz anders bei dem großen Galileo Galilei, dem Universalgelehrten aus Pisa und intellektuellen Star Italiens, der mit dem 1608 vom holländischen Brillenmacher Hans Lippershey erfundenen Fernrohr erstaunliche Entdeckungen machte. Er sah als erster Wissenschaftler die raue Oberfläche des Mondes, entdeckte 1610 die vier großen Monde des Jupiter und lieferte mit der Beobachtung der Venus endlich den praktischen Beweis für das heliozentrische Weltbild. Diese Entdeckungen, veröffentlicht im "Sidereus Nuncius" (Sternenbote) von 1610, machten Galilei auf einen Schlag berühmt - und unbeliebt bei der katholischen Kirche. Er wurde aufgefordert, seiner ketzerischen Lehre abzuschwören. Im Juni 1632 stellte ihm die Kirche ein Ultimatum: Entweder er spreche nun die Wahrheit, oder man werde ihn foltern. Am 22. Juni 1633 wurde er in das Kloster Santa Maria gebracht und darüber in Kenntnis gesetzt, dass er "der Häresie verdächtigt" sei. Er musste seiner Lehre öffentlich abschwören. Unmittelbar danach wurde er unter Hausarrest gestellt - bis an sein Lebensende im Januar 1642. Erst im Oktober 1992 gestand eine päpstliche Kommission den Irrtum des Vatikans ein, und Galileo Galilei wurde offiziell rehabilitiert.

Kopernikus, Brahe, Kepler und Galilei hatten alle ihren Teil zu einem neuen Weltbild beigesteuert, das endgültig die Sonne ins Zentrum setzte und die Planeten um sie kreisen ließ. Die Phasen des Mondes und seine Bewegung um die Erde waren erklärt, es war bekannt, dass seine Oberfläche von Bergen und Tälern durchzogen ist. Spätestens seit Tycho Brahe 1576 nachgewiesen hatte, dass Kometen Geschosse sind, die durch das ganze Planetensystem fliegen, war das Ptolemäische System der Kristallsphären endgültig zerschlagen. Was aber dann, war nun die eine große Frage, was hält die Planeten in Bewegung, wenn sie um die Sonne kreisen?

Isaac Newton, ein Jahr nach dem Tode Galileis geboren, ein gläubiger Mann mit schweren Neurosen, löste dieses damals letzte Rätsel. Die Entdeckung der universellen Schwerkraft, nach der alle Körper im Weltraum und auf der Erde unter der Wirkung einer Kraft, der so genannten Gravitation, stehen, machte Newton zum naturwissenschaftlichen Weltstar.

Die über 5000 Jahre währende Geschichte der Astronomie ist die Geschichte des immer kleiner werdenden Menschen. Auf der Suche nach seinem Platz in dieser Welt hat er am Anfang geglaubt, in der Mitte zu stehen, in einem Kosmos, in dem ihn alles umkreist und nur Gott größer ist als er.

Unser Wissensstand heute ist, dass Homo sapiens Bewohner eines mittleren Planeten eines mittelgroßen Sonnensystems am Rand einer mittelgroßen Galaxie ist, einer Galaxie, von der es im gesamten Weltall etwa 100 Milliarden gibt. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass wir nicht mal einzigartig sind. Macht es uns Menschen nicht äußerst sympathisch, dass wir trotz dieser nicht enden wollenden Kränkung immer tiefer in das Universum vorstoßen wollen?

Von Peter Pursche / print